100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ein Volksrat für Thüringen

Wenige Tage vor dem Zusammentritt des Thüringer Volksrates, der die Einigung der sieben thüringischen Staaten umsetzen wird, bietet die Weimarische Landes-Zeitung einen kurzen Abriß der bisherigen Einigungsinitiativen. Die sieben Sterne des späteren Landeswappens symbolisieren die sich nun zusammenschließenden Einzelstaaten.

Wappen des Landes Thüringen

Zum Zusammentritt des Thüringer Volksrates.

W e i m a r , den 12. Dezember 1919.

Am Dienstag, den 16. Dezember, vormittags 10 Uhr, tritt der Volksrat von Thüringen zu seiner ersten ordentlichen Tagung im Landtagssitzungsaale zu Weimar zusammen. Anlässlich des Zusammentritts des Volksrates erscheint es wohl angebracht, auf den Werdegang des neuen Staates Thüringen einen kurzen Rückblick zu werfen.

Die Bestrebungen, die Thüringer Gliedstaaten einschließlich der im Gemenge liegenden preußischen Gebietsteile zu einem einheitlichen Staatengebilde zu gestalten, reichen bis in die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Nachdem die thüringischen Einigungsbestrebungen der Jahre 1818 und 49 als gescheitert gelten konnten, ruhte die Frage in der Oeffentlichkeit einige Jahrzehnte, bis zu Beginn dieses Jahrhunderts der meiningische Landtagsabgeordnete Arthur Hofmann, Saalfeld, in seiner bekannten Schrift „Thüringer Kleinstaatenjammer“ laut und vernehmlich erneut den Ruf nach Thüringens Einigung erhob. Nun riß der Gedanke, Thüringen wenigstens zu einer Vereinheitlichung der Verwaltung und Gesetzgebung zu veranlassen, nicht mehr ab. Thüringer Verwaltungsbeamte und Staatsrechtslehrer behandelten den Gedanken der Einigung in eingehenden Darlegungen. Viel Aussicht auf Erfolg hatten Leiter diese Abhandlungen bei dem Widerstreben sehr einflußreicher Kreise nicht.

Nach der staatlichen Umwälzung im November 1918 erscholl aber der Ruf nach einer Neuordnung und Vereinheitlichung der Thüringer Länder aufs Neue. Am 10. Dezember 1918 fanden sich die Arbeiter- und Soldaten des 36. Wahlbezirks zur Nationalversammlung im Sitzungssaal der Erfurter Stadtverordneten zu einer Tagung zusammen, deren Ergebnis mit 68 gegen 1 Stimme in einer Entschließung folgenden Wortlauts gipfelte.

„Im Rahmen der ungeschmälerten Einheit des Reichsgefüges soll auch das Ziel, das Streben von Generationen nach einheitlicher staatlicher Gestaltung Thüringens Wirklichkeit werden. Die Vertreter der Arbeiter- und Soldatenräte des 36. Wahlbezirks zur Deutschen Nationalversammlung der thüringischen Staaten, des Regierungsbezirks Erfurt und des Kreises Schmalkalden schlagen deshalb vor, daß von ihnen vertretene Gebiet zu einer Provinz Thüringen als Teil der Einheitsrepublik Deutschland zusammenzufassen. Alles weitere soll ein aus Vertretern der thüringischen Staaten und Preußens zu bilden der Ausschuß so bald als möglich vorbereiten die Obliegenheiten der Uebergangszeit sind schon vor dem verfassungsmäßigen Ausbau von dem Ausschuß in Angriff zu nehmen, die Uebernahme der sonstigen Aufgaben ist mit tunlichster Beschleunigung vorzubereiten.“

Auch in den Parteien und in allen Erwerbskreisen machten sich, lebhafter denn je, Gedankengänge für eine Zusammenlegung der Thüringer Gliedstaaten bemerkbar und auf einer Tagung in Erfurt am 5. Januar 1919, die einberufen war von den Handelskammern Altenburg, Arnstadt, Erfurt, Gera, Gotha, Greiz, Mühlhausen, Nordhausen, Rudolstadt, Saalfeld, Sonneberg, Weimar, den Handwerkskammern Arnstadt, Erfurt, Gera, Gotha, Greiz, Weimar, den Landwirtschaftskammern Altenburg, Sondershausen, Weimar, den Zentralorgan der land- und forstwirtschaftlichen Vereine für Reuß j. L. Gera, dem land- und forstwirtschaftlichen Hauptverein für Reuß ä. L. Greiz, dem Landwirtschaftsrat für Sachsen-Meiningen, dem Hauptausschuß für Vereinheitlichung von Verwaltung und Gesetzgebung in Thüringen und dem Verband Thüringischer Industrieller, blieb zwar die Frage offen, ob sich die Vereinigung in Form einer Provinz der Einheitsrepublik Deutschland oder in Form einer Bundesrepublik vollziehen solle, jedoch kam in dem Beifall, den die vortragenden, Dr. Max Fischer, Jena, der über Thüringen als wirtschaftliche Einheit sprach, und Dr. Edwin Redslob, der die kulturelle Einheit Thüringens behandelte, sowie aller Redner, die im Sinne der Vortragenden in der Aussprache das Wort Namen, nicht der geringste Zweifel über die Notwendigkeit der Vereinigung Thüringens zum Ausdruck.

Als sich nach dem Zusammentritt der Nationalversammlung in Weimar in den ersten Wochen ihrer Tagung absehen ließ, daß diese verfassunggebende Körperschaft nicht daran denke, den Thüringern in ihren Bestrebungen vorzugreifen, worauf viele im öffentlichen Leben Thüringens stehende Männer ihre Hoffnungen gegründet hatten, kamen, kurz nachdem sämtliche Landesvertretungen der Thüringer Freistaaten gebildet waren, die Präsidenten dieser Parlamente wiederholt zusammen, um dem Gedanken der Vereinigung der Thüringer Staaten in Taten Ausdruck zu geben. Es wurden zunächst in einigen Landtagen Ausschüsse gebildet, die die Betreibung der Vereinigung der Thüringer Freistaaten in die Wege leiten sollten. In den Tagungen der Landtagspräsidenten kam der erste Entwurf eines Gesetzes über den Zusammenschluß der thüringischen Staaten zustande. Zu dem Gemeinschaftsvertrag wurden über die Bildung einer Gemeinschaft der thüringischen Staaten Zweck, Zuständigkeit und Kosten der Gemeinschaft, die Organisation der Gemeinschaft, Befugnisse der Gemeinschaft und Verpflichtung der Einzelstaaten, Bestimmungen getroffen. Da diesem Vertrag jedoch nicht alle thüringischen Gliedstaaten beitraten, einzelne Bestimmungen auch Widerspruch fanden, machte sich ein Nachtrag notwendig. Mitte November war von Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Gotha, Sachsen-Altenburg, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen und Reuß der Gemeinschaftsvertrag mit diesem Nachtrag vollzogen. Sachsen-Koburg hat sich mittlerweile für den Anschluß an Bayern erklärt, während Sachsen-Meiningen in allernächster Zeit dem Gemeinschaftsvertrag beitreten wird.

So konnte am 19. November der Staatsrat von Thüringen, der sich in wiederholten Sitzungen mit vorbereitenden Arbeiten für die Verschmelzung der Thüringer Gliedstaaten befaßt hatte, zu seiner ersten ordentlichen Sitzung zusammentreten. In seiner zweiten ordentlichen Tagung am 5. und 6. Dezember hat der Staatsrat einige Gesetzesvorlagen fertiggestellt, die dem Volksrat zu seiner ersten ordentlichen Sitzung zugehen werden. Die Tagung des Volksrates, die auf 4 bis 5 Tage berechnet ist, wird zunächst die Konstituierung vornehmen und sich über den weiteren Arbeitsplan dieser ersten Volksvertretung des neuen Thüringen unterhalten. Daran, daß das neue Thüringen auch ohne den Einschluß der in Thüringen liegenden preußischen Gebietsteile lebensfähig ist, besteht nach den vorbereitenden Arbeiten des Staatsrates keinerlei Zweifel mehr.

Möge es nunmehr dem Volksrat gelingen, durch fleißige Arbeit zu beweisen, wie sehr die thüringische Frage eine deutsche Frage ist. Wir rufen daher dem Volksrat zu seiner ersten ordentlichen Tagung ein herzliches Glückauf zu.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 12.12.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Land_Th%C3%BCringen_(1920%E2%80%931952)#/media/Datei:Wappen_Land_Thueringen.png