100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Eine unversöhnliche Weihnacht

Weihnachten - das Fest der Liebe, Besinnung und des Friedens. Das sollte man vielleicht meinen, aber die rechtsnationale Jenaische Zeitung sieht das ein bisschen anders. Zunächst solle sich das geschundene deutsche Volk wieder zusammenraufen, um dann schließlich das Unrecht, welches durch die Siegermächte über es gebracht wurde, zu sühnen - sehr friedliche und versöhnliche Weihnachten. Alles was es dafür bräuchte sei die Besinnung auf die guten deutschen Werte. Welche genau das sein sollen, lässt der Autor offen. In diesem Sinne: fröhliche Weihnachten!

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Weihnachten 1919.

D.E.K. Weihnachten! - In den finsteren Nächten, die den alten Germanen das Jahresende einleiteten, hat einst das Christenfest Licht und Freude gebracht. Feierliche Klänge, Friedensruf aus der Höhe und weiche, kindheitsfrohe Herzensstimmung - kurz, die unverwüstliche Macht deutschen Heimatwesens, gesammelt im den grünen Weihnachtsbaum im Familienkreis, sie ist uns geblieben; sie kann uns niemand nehmen und ihr wollen wir uns, trotz der trüben Zeiten, gern und mit Andacht hingeben. Wir brauchen der inneren Einkehr und bedürfen auch in dem Jagen, Hasten und Taumeln einer aus den Fugen geratenen Welt des echten Ringes, der wahren, heilenden Kraft einer Liebe, die nicht verlässt und verrät, die nicht nach dem ihren fragt und eine Gemeinschaft sucht und gründet aus sittlichem, brüderlichem Opfersinn heraus. Ein geschlagenes und zerschlagenes Volk, das an der Schwelle eines Vernichtungsfriedens steht, das von Experimenten auf allen Gebieten umher und durcheinandergeworfen wird, muss endlich diese Liebe und Sehnsucht zu den alten, ewigen, allein rettenden Werten und Kräften wieder wachsen fühlen, muss zurückkehren ins alte Vaterhaus, zu der die Weihnachtsklänge rufen.

Wir haben Illusion auf Illusion aufgeben müssen, kein Friede, der auch nur den Keim der Völkerversöhnung in sich trüge, ist aus den jahrelangen Verhandlungen in Paris hervorgegangen. Noch immer schmachten, ein Hohn auf Kultur, Christentum und Menschheit, unsere unschuldigen Gefangenen hinter Stacheldraht, im innersten Herzen zermürbt von vieljähriger, trostloser, erbarmungsloser Gefangenschaft. Finsteren Mächten gleich dehnt sich eine Zukunft vor uns aus, von der wir nicht wissen, wann für sie die Sonne wieder aufgeht. Und dennoch regt es sich leise. Ein Lichtfunke ist uns tief ins Herz gefallen. Eins ist keine Illusion: Der Wille zum Leben, der Glaube an unser Volk, der aus seiner Geschichte gegen Unrecht und Vergewaltigung auftrotzt, der Glaube an einen gerechten Richter, der uns nicht verlassen wird, wenn wir uns nicht selbst verlassen und würdelos aufgeben.

Weihnachten ist ein versöhnendes Fest, eine Verheißung, daß aus kleinen, unscheinbaren Anfängen das Größte in der Weltgeschichte werden kann, daß über das Vernunftlose und den rohen Stoff doch schließlich der Geist, die sittliche Kraft und die religiöse Erneuerung siegen muss. Auch unserem Volk wird seine Erneuerung, wird sein Weihnachten kommen, wenn es sich zur Volksversöhnung, zur Versöhnung seiner Klassen, Stände und Berufe durchringt, wenn es alle seine Kräfte wieder zusammenfassen und in der großen, sittlichen Aufgabe des Wiederaufbaues, der Erneuerung der Arbeitsluft, vereinen lernt. Wenn in dieser Weihnacht wieder überall das „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen wird, im Bürger- und Arbeiterhaus der heimische Herd Eltern und Kinder mit dem Bande der Liebe und Eintracht umschlingt, dann ist das ein Anfang, ein Hinweis auf das, was uns im ganzen Vaterland not tut. Friede und Versöhnung, damit wir denen gegenüber, die keinen Frieden auf Erden kommen lassen wollen, ein einig Volk von Brüdern, die die gemeinsame Not endlich, endlich zusammengeschweißt, entgegensetzen können.

Quelle und Bild:

Jenaische Zeitung vom 23.12.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00246815/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1919_1851.tif