100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Einheit auch im Glauben

Nicht  nur  die  weltlichen,  thüringischen  Einzelstaaten  streben  den  Zusammenschluss  hin  zu einem vereinten Thüringen an, sondern auch die Vertreter der geistlichen Belange möchten sich  in  einer  Thüringer  Landeskirche  vereinen.  Hierfür  trafen  sich  die  jeweiligen Abgeordneten  der  evangelischen  Kirche  zu  einer  Synode  in  Jena  und  bestimmen  den sofortigen Zusammenschluss. In der Praxis stehen die evangelischen Geistlichen vielfach weit rechts und kämpfen gegen die vermeintlich „verjudete“ Arbeiterbewegung an (Bild).

Antisemitischer Wahlaufruf für die DNVP von 1920

Zusammenschluss der Thüringer Landeskirchen.

Erste Thüringer Gesamtsynode zum Zusammenschluss der Thüringer Landeskirchen.

Der  Vorsitzende  Stichling  teilt  vorgreifend  mit,  daß  die  Kommission  die  Vorlage  über  den Zusammenschluss einstimmig angenommen habe. Etliche unwesentliche Änderungen haben einen  Neudruck  nötig  gemacht,  der  wegen  der  ungeheuren  und  langanhaltenden Arbeit  der Kommission  noch  nicht  eingetroffen  sei.  Er  bittet,  den  Verhandlungsbeginn  auf  12  Uhr verlegen zu dürfen.

Die neue Vorlage der Kommission lautet:

Beschluss  der  ersten  Thüringer  Synode  über  den  Zusammenschluss  der  Thüringer Landeskirchen.

Artikel 1.

Die  evangelischen  Landeskirchen  von  Sachsen-Weimar-Eisenach,  Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg,  Sachsen-Gotha,  Schwarzburg-Rudolstadt  und  Schwarzburg-Sondershausen  schließen  sich  zu  einer  einheitlichen  Thüringer  evangelischen  Kirche zusammen. Diese ist die Rechtsnachfolgerin in ihr aufgehenden Landeskirchen.

Artikel 2.

Der Bekenntnisgrund im Bereich der bisherigen Landeskirchen bleibt durch die Gesetzgebung unberührt.  Auf  die  kirchliche  Eigenart  der  Landschaften  ist  in  der  Verwaltung  gebührend Rücksicht  zu  nehmen.  Kirchlichen  Minderheiten  ist  ihr  Recht  auf  religiöses  Eigenleben  zu gewährleisten.

[…]

Abg. Rittergutbesitzer von Eichel-Streiber ergreift das Wort zur Berichterstattung: Der Ernst der  Stunde  und  das  Bewusstsein  der  Verantwortung  hat  alles  Trennende  und  kleinliche ausgeschaltet.  Ernster  und  ehrlicher Wille  zur  guten Tat  hat  die  Kommission  zu  dem  Ziele gebracht,  die  neue  Vorlage  einstimmig  anzunehmen.  Der  Vortrag  von  Geh.  Kirchenrat Rahlwes  in  der  ersten  Plenarsitzung  ist  die  leitende  Idee  und  er  Gegenstand  der Kommissionsberatung  gewesen.  Der  Berichterstatter  fast  nochmals  kurz  die  Gedanken  D. Rahlwes zusammen: Der geeignete Zeitpunkt ist da für die unbedingt notwendige Forderung des Zusammenschlusses der Thüringischen Landeskirchen aus Rücksicht auf staatspolitische Einrichtungen und - das ist wohl die Haupttriebfeder - aus inneren kirchlichen Gründen. Er fügt noch hinzu, daß die Kirche auch Kraft gewänne zur Lösung charitativer Aufgaben. - In der  Kommission  hat  es  zwei  Strömungen  gegeben;  eine,  die  sich  inhaltlich  mit  den Ausführungen D. Rahlwes deckt, und besonders noch darauf hinweist, wieviele große Werte der Gesamtkirche durch allmählichen Zusammenschluss verloren gehen. Sie tritt für sofortige Einigung ein. - Die andere Richtung fordert Bildung einer Bundeskirche (natürlich mit dem Ziele  der  Einigung).  Ihr  Standpunkt  ist,  daß  sich  die  Einzelkirchen  mit  den  Einzelstaaten auseinanderzusetzen  und  zu  diesem  Zwecke  für  eine  längere  Übergangszeit  ihre Selbstständigkeit zu bewahren haben. - Die Sachverständigen der Kirchenregierung betonen in der Kommission, daß auf jeden Fall ein durchgreifender Beschluss nötig sei. Nur durch sofortigen Zusammenschluss, nicht durch allmählichen Aufbau können für die Kirche klare Rechtsgrundlagen geschaffen werden, könne die Kirche Rechtssubjekt werden. - So kam man zur dem Entschlusse, die Vorlage in dieser neuen Form abzufassen, die von der Kommission einstimmig  angenommen  wurde.  Möge  Gott  der  Thüringer  Kirche  zu  vollstem  Erstehen verhelfen. […]

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 7.12.1919 (Abend)

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00259209/JVB_19191207_286_167758667_B2_001.tif?logicalDiv=jportal_jparticle_00652891

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelisch-Lutherische_Kirche_in_Th%C3%BCringen#/media/Datei:Annonce_Eichel-Streiber_1920.jpg