100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Einig sein ist schwer

Die zweite Sitzung des Staatsrates für Thüringen fand als Vorbereitung für den Thüringer Volksrat statt. Verschiedenste meist technische Fragen des Einigungsprozesses sind zu besprechen und die Ablehnung der Coburger Wähler zu verkraften. Weiter unten berichtet die Weimarische Landes-Zeitung über eine Übung der lokalen Einwohnerwehr. Eine Art Bürgermiliz zur Entlastung der regulären Polizei.

Festakt der Einwohnerwehren in München

Staatsrat für Thüringen. Die zweite ordentliche Tagung des Staatsrats für Thüringen fand, wie bereits kurz mitgeteilt, am Freitag und Sonnabend in Weimar statt. Einleitend machte der Vorsitzende, Staatsminister Dr. P a u l s s e n, darauf aufmerksam, daß nach der Volksbefragung in Koburg, die eine große Mehrheit für den Anschluß an Bayern ergab, die Koburger Staatsregierung mitgeteilt hat, daß sie an den Beratungen des Staatsrates für Thüringen nicht mehr teilnimmt. – In zweiter Lesung wurde die Geschäftsordnung für den Staatsrat fertiggestellt, – eine sehr eingehende Aussprache entfesselte die Schwierigkeit bei der Kartoffelversorgung, an der sich auch Vertreter des Thüringischen Ernährungsamtes beteiligten. Die Aussprache darüber endigte mit der Annahme des folgenden Beschlusses:

„Der Staatsrat von Thüringen beauftragt die Thüringische Landeskartoffelstelle, die freihändig angebotenen dänischen Kartoffeln durch den Haupteinkauf Thüringen für die Gemeinschaft der thüringischen Staaten einschließlich Sachsen-Meiningens einzukaufen und für den Staatsrat eine Vorlage an den Volksrats vorzubereiten, wonach die Preisdifferenz gegenüber den durch die Reichsstellen gelieferten dänischen Kartoffeln von der Gemeinschaft der thüringischen Staaten unter Beteiligung der Empfangskommunalverbände getragen wird. Zugleich beauftragt der Staatsrat das Ernährungsamt, namens des Staatsrates eine scharfe Kontrolle der Ablieferungsfähigkeit und der bisherigen Ablieferungen vorzunehmen und im Einvernehmen mit den thüringischen landwirtschaftlichen Vertretungen auf eine sofortige Lieferung der rückständigen Mengen nachdrücklich hinzuweisen.“

Um die Vereinheitlichung der staatlichen Kreditinstitute der thüringischen Staaten möglichst rasch zu vollenden, erfolgte die Einsetzung eines Ausschusses, der aus je einem Vertreter der Staaten und der 7 Kreditinstitute zusammengesetzt ist. Seinen Vorsitzenden wählt dieser Ausschuß selbst. – Fertiggestellt wurde der Entwurf eines Gesetzes zur Hintanhaltung von finanziellen Belastungen des künftigen Gesamtstaates Thüringen, der dem Volksrat demnächst zugehen wird. – Zum ständigen Referenten über die seit November 1918 in den einzelnen thüringischen Ländern aus Staatsmitteln gemachten Stiftungen wurde Staatsminister Dr. Bauer (Sondershausen) bestimmt. Neue Stiftungen sollen künftig nur mit Zustimmung des Volksrates erfolgen. – Bei der Bildung der Finanzgerichte soll beim Reichsfinanzminister darauf hingewirkt werden, daß die Vertreterzahl für das Landesfinanzamt Thüringen auf 32 festgesetzt wird. – Einigkeit wurde auch darüber erzielt, daß bei der Gewährung von Wohnungsgeldzuschüssen eine einheitliche Regelung in den Thüringer Staaten Platz greifen soll. – Verabschiedet wurde eine Vorlage über den Arbeitsplan für den Zusammenschluß Thüringens, die dem Volksrat zu seiner ersten ordentlichen Tagung zugehen wird. – […] – Nachdem Kenntnis genommen war von dem Anschluß Koburgs an Bayern, fanden die besten Wünsche für das fernere Wohlergehen des Koburger Landes vom Vorsitzenden ausgesprochen, allseitigen Beifall. Damit schlossen die Verhandlungen des Staatsrates.

[…]

= Alarm der Bürgerwehr. Einen  A l a r m, bei dem eine ganze Reihe sogenannter Ypernsirenen mit ihren durchdringenden, gellenden Tönen verwendet wurde, hielt am Sonntag früh um 5 Uhr, die Einwohnerwehr ab. Das Resultat war, daß die Wehr vierzig Minuten nach dem ersten Signal zur Verwendung bereit stand. Die einzelnen Bezirke sammelten sich auf ihren Alarmplätzen, stellten Posten aus und nahmen untereinander und mit der Leitung Fühlung. Der Alarm, der ja allerdings auch die Sonntagsruhe der ganzen Stadt störte, hat den Beweis erbracht, daß die Wehr jederzeit bereit und auf dem Posten ist, um im Falle von Plünderungen oder Gewalttaten den Schutz der Stadt mit der Polizei zusammen übernehmen zu können. Die Einwohnerwehr, die bisher sich meistens mit Ausrüstungs- und Organisationsfragen beschäftigen mußte, wird nun auch außerhalb der Wachen und Patrouillen, die sie bereits seit dem 5. November stellt, mehr an die Oeffentlichkeit treten. Pflicht eines jeden wehrfähigen Einwohners ohne Unterschied der Partei, der Ruhe und Ordnung und Sicherheit will, und der bereit ist, für die bestehende Regierung einzutreten, ist es, der Wehr beizutreten. Anmeldungen werden im Büro der Wehr, Rathaus, Zimmer Nr. 6, sowie bei allen Bezirksführern, deren Namen und Adressen demnächst veröffentlicht werden, entgegengenommen.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 8.12.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Einwohnerwehr#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-2008-0333,_Königsplatz,_Festakt_der_Einwohnerwehren.jpg