100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Entlastet die Armen!

Kommunalwahlen in Weimar stehen an und die Sozialdemokraten versuchen einen Tag vor dem Wahlsonntag noch einmal ihre Anhänger zu mobilisieren. Die Kohlennot macht ihnen jedoch fast einen Strich durch die Rechnung.

SPD-Wahlplakat vom Jan. 1919

Aus Sachsen-Weimar-Eisenach.

Erster Wahlkreis.

Weimar, 13. Dezember.

Sonntag ist Wahltag – noch einmal rufen wir unsere Parteigenossen und Parteigenossinen auf, am Wahltag ihre Pflicht zu tun und dafür zu sorgen, daß durch massenhafte Abgabe der Namen unserer Partei den Sieg davon trägt. Das ist leicht möglich, wenn alle unsere Mitglieder ihre Schuldigkeit tun. Die Gegner in unseren Lagern lassen es an Anstrengungen auch nicht fehlen. Darum müssen wir unsere Kräfte verdoppeln und verdreifachen. Also: Heran an die Wahlurne und hinein ins Wahlbureau zur Mitarbeit. Für

Ackermann und Genossen

ist die Parole am Sonntag. An die Arbeit, Genossen!

Die künftigen Aufgaben in der Gemeindepolitik besprach Genosse Fischer am Mittwoch abend in einer nur mäßig besuchten öffentlichen Versammlung. Seit Donnerstag voriger Woche hat das Volkshaus keine Brennstoffe mehr zum Heizen, so daß es in allen Räumen des Hauses recht ungemütlich geworden ist. Dieser Umstand hat wohl auf den Versammlungsbesuch eingewirkt. Genosse Fischer besprach hauptsächlich die Finanzpolitik der Gemeinde, die sich aus dem Wegfall der Gemeindeeinkommenssteuer ergibt und die bedingt wird durch die seit einem Jahr völlig veränderten Verhältnisse. Diese verlangen eine Entlastung der Stadt bei den Ausgaben. Hierzu verlangt Redner Uebernahme aller Armenlasten und aller Schullasten auf den Staat oder das Reich. – Eine Vermehrung der Einnahmen sei zu erstreben durch die Forderung von Entschädigungen für Leistungen der Gemeinde im Interesse des Reiches bei der Steuereinziehung, bei der Fürsorgetätigkeit auf allen Gebieten. Die Kommunalisierung fordert Genosse Fischer für das Elektrizitätswerk, für Kino, Apotheke, Brennstoffversorgung und Landwirtschaft. Schulreformen müssen nicht nur die Organisation der Schule und den Lehrstoff umfassen, sondern seien auch auszudehnen auf die Schüler. Redner fordert Schulpflege in Schulgärten und Schulunterricht auch für jene 6 jahre alten Kinder, die geistig und körperlich noch nicht schulreif sind. Eine Reihe von anderen Forderungen werden nur kurz erwähnt in Rücksicht auf die Zuhörer, für die der Aufenthalt im Saale nicht geradeangenehm war. Genosse Ackermann ergänzt die Forderungen Fischers für die Schule noch, die den Arbeitswert mehr in den Vordergrund ihres Lehrstoffes zu stellen habe, die in Arbeitsgemeinschaften die Schüler erziehen und sie mit dem Geist der neuen Zeit, mit der Achtung vor der Arbeit erfüllen und zur Selbstbetätigung, zur eigenen Arbeit freudig bereit machen müsse. Genosse Prox verwies, wie Genosse Fischer, auf die bevorstehende Gemeinderatswahl am Sonntag und forderte zu regster Wahlbeteiligung und zum Eintreten für

die Liste Ackermann

auf. Ebenso ersuchte Genosse Prox um Mithilfe am Wahltage. Dann trat Schluß der Versammlung ein.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 13.12.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212318/WVZ_1919_10-12_0921.TIF?logicalDiv=jportal_jpvolume_00148880

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialdemokratische_Partei_Deutschlands#/media/Datei:SPD-Plakat_1919.jpg