100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Geboren, um zu kämpfen

Den Gegenpol zum gestrigen liberal-demokratischen Jahresabschluss von Georg Gothein bildet dieser Text. Im protestantisch-nationalistischen Weltbild des Autors, der die Dolchstoß-Erzählung natürlich teilt, ist die Republik eine einzige ehrlose Schande. Doch dürften die rechten Gegner der Demokratie nicht verzweifeln. In Rückbesinnung auf den vermeintlich nationalen Kern des Glaubens werde man früher oder später alle Feinde niederringen. In rund 13 Jahre wird dieser Wunsch Wirklichkeit.

Oberhofprediger Rudolf Kögel (1829-1896)

Zur Jahreswende.

Von Adolf Landsberger.

Wenden wir den Blick rückwärts auf das scheidende Jahr, dann wird vor unseren Augen unsagbar Schmerzliches und Trauervolles vorüberziehen. Was Verrat in den Vorjahren begonnen, hat er 1919 vollendet. Unser geliebtes Volk liegt fest verstrickt in den Fesseln des Vertrages von Versailles; seine Macht, seine äußere Ehre, sein Wohlstand sind dahin. Im Innern aber herrscht die Fäulnis; ungestraft wird das Volk bestohlen, Steuergelder werden schamlos zu Parteizwecken mißbraucht, die Mächtigsten sitzen bei leckerem Mahle mit gewissenlosen Schiebern zusammen, die zum Schaden des armen Volkes Millionen erraffen konnten, undeutsche Kunst spreizt sich auf allen Märkten, jedes deutsche Ideal wird befehdet, und mehr oder minder gut versteckt wird der Kampf jetzt noch mächtiger Parteigruppen gegen Religion und Kirche geführt.

Es sieht die jüngste Vergangenheit, so sieht die Gegenwart aus. Viele, leider allzu viele werden an dieser Jahreswende sagen: diese Zustände lassen keine Hoffnung auf eine Besserung aufkeimen, es ist gleich, ob wir die Hände regen oder müde in den Schoß legen – wozu der Kampf, wenn der Untergang unabwendbar ist?

Unabwendbar ist er nur, wenn Ihr nicht anders denken lernt. Gerade diese Abwendung vom heldischen Denken, gerade dieses matte, leidenschaftslose „es nützt ja doch nichts“ hat erst die Zustände ermöglicht, die wir jetzt beklagen. Das Preußen Friedrichs des Großen war von Feinden umstellt wie Deutschland im Weltkriege; weil Friedrich heldisch dachte, blieb er trotzdem Sieger. Nicht aus den äußeren Verhältnissen können wir die Kraft nehmen, sondern aus der eigenen Seele.

Was wir sehen, ist aus der Zeit, was wir empfinden, ist aus der Ewigkeit. Die Zeit hat bergab geführt, weil die Menschen das Ziel der Höhe verloren hatten. Nur Höhenmenschen können zur Höhe führen, nur Ewigkeitsmenschen die Zeit meistern. Alle Zustände, auch die jetzigen, sind letzten Endes die Ergebnisse menschlicher Gesinnungen. Gottesglaube hat uns das Reich geschaffen; vor den Mauern von Paris sprach einst sein Schöpfer Bismarck über sein Christentum: „Nehmen Sie mir diesen Glauben, und Sie nehmen mir das Vaterland.“ Aus seinem Glauben nahm er die Kraft zum Kampfe gegen alle Widerstände, auch die seines eigenen Volkes, das sich zuerst und lange gar nicht von ihm führen lassen wollte. Auch das muß man können: sein eigenes Gewissen gegen die Meinung der Mehrheit stellen. Ewigkeitsgedanken waren nicht bei den Staatsmännern, die uns vor dem Kriege und während des Krieges nicht führten, darum horchten sie auf das Geraune der Straße, darum ließen sie den Wagen tiefer und tiefer gleiten, darum ging mit dem Glauben auch das Vaterland verloren. Zur Eröffnung des ersten Deutschen Reichstages sprach Oberhofprediger Kögel in der Schloßkapelle Worte, die man jetzt nicht mehr ohne tiefe Erschütterung lesen kann: „Mag nie der Tag erscheinen, wo der Weinstock seinen Saft, wo der Träumer seine prophetische Kraft, wo Deutschland sein eigenstes Habe, wo unser Volk die Erschlossenheit für die Ideale, den Sinn für das Reine und Rechte, das Große, Wahre und Schöne, den Glauben an die Offenbarung Gottes in Christo Jesu und damit seine ganze innere Herrlichkeit verliert. Gegen moderne Flachheit schützt uns der Ernst der Ewigkeit.“

Der Ernst der Ewigkeit muß uns auch dem Schmerz, der jetzt in jedem Herzen lebt, sei es um liebe Heimgegangene, sei es um das Vaterland, die höchste Weihe geben. Schmerz sei uns der Ritterschlag Gottes; demütig senken wir das Knie, und stolz erheben wir uns, um zu kämpfen.

Denn um zu kämpfen sind wir da, nicht um zu leben. Wir kämpfen unsertwegen, der Brüder, des Volkes wegen – das ist ganz untrennbar. Wir kämpfen, um unsere eigene Persönlichkeit zu entwickeln, sie vom Irdischen hinweg dem Göttlichen näher zu bringen, und damit dienen wir auch den Nächsten. Vom andern Ausgangspunkt gesehen: wir dienen den Nächsten, opfern, und durch das Opfer heben wir unsere Persönlichkeit empor. Wir müssen uns mit allem Ernst, und aller Schärfe gegen die egozentrische Weltanschauung wenden, die so große Teile unserer gebildeten Jugend irreführt, einen Weltanschauung, deren Gefahren leider noch sehr unbeachtet geblieben sind. Sie führt zur Ueberhebung, da sich jeder von ihr Befallene als bevorrechtigte Ausnahmepersönlichkeit fühlt, zur ungesunden Absonderung, zur Entfernung von der Welt, in die wir nun einmal hineingestellt sind um in ihr zu wirken, und zum aussichtslosen Kampfe, da jedem Ich ein Du gegenübersteht. […]

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 31.12.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_K%C3%B6gel#/media/Datei:Rudolf_Kögel.jpg