100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Jena zwischen Populismus und Demokratie

Die Gemeinderatswahlen in Jena schwächen das Regierungslager aus MSPD (-2 Sitze) und DDP (-1 Sitz). Die Rechtsparteien DVP und DNVP (+2 Sitze) konnten hingegen genauso wie die USPD zulegen (+1 Sitz). Das Jenaer Volksblatt macht neben vermeintlichen Unregelmäßigkeiten im Wählerverzeichnis vor allem die „marktschreierische Reklame“ der „extremen Parteien“ für die eigenen Verluste verantwortlich. Tatsächlich suchen viele Wähler angesichts der großen politischen und sozialen Probleme nach Antworten jenseits der parlamentarisch-demokratischen Parteien.

Wahlergebnisse nach Wahllokal

Die Gemeinderatswahl in Jena

am 30. November 1919.

[…] Groß war gestern die Enttäuschung vieler, die wählen wollten, aber nicht stimmen konnten, weil sie nicht eingetragen waren. Die Aufstellung der Wählerlisten bedarf dringend einer Nachprüfung und Reform. Viele Hundert sind um ihr Wahlrecht gebracht. So beschwerten sich bei uns die in den Kliniken angestellten Personen. Sie sind z.T. viele Jahre in Jena; da sie aber diesen Sommer einige Zeit auf Urlaub verreist waren und sich wegen der Lebensmittelmarken polizeilich abmelden mußten, werden sie erst nach der Rückkehr von der Reise als Ortseinwohner gerechnet, sind also nach dieser Auffassung noch nicht ein halbes Jahr in Jena. Allein in den Kliniken sollen 250-300 Personen auf diese von den Bürokraten verschuldete Weise um ihr Wahlrecht betrogen sein. Die demokratische Partei hat darunter ganz besonders gelitten, da sie in diesen Kreisen großen Anhang besitzt. Große Unordnung hat hervorgerufen, daß sich im November noch zahlreiche Studenten und andere haben eingetragen lassen, die aber auf sozialdemokratischen Einspruch wieder gestrichen worden sind. Offenbar hat man dabei auch zahlreiche andere Personen, die 15, ja 20 Jahre in Jena wohnen, konnten nicht wählen, weil sie willkürlich in der Liste gestrichen waren. Andere, die während der Auslegungsfristen die Listen auf dem Rathaus einsehen und ihre Nachtragung beantragt hatten, fanden sich gestern doch nicht eingetragen, obwohl sie allen Anforderungen entsprachen. Offenbar sind Beamte mit der Aufstellung der Wählerlisten beauftragt gewesen, die dieser Aufgabe nicht gewachsen waren. Gründe für die Anfechtung der Wahl bestehen jedenfalls reichlich!

Das Ergebnis der Wahl zeigt deutlich ein Anwachsen der beiden radikalen, extremen Parteien rechts und links, und die gemäßigte Mitte muß die Kosten bezahlen Unser deutsches Volk infolge des verlorenen Krieges in einer so furchtbaren Lage, daß es ängstlich und verstört nach Hilfe ausschaut. Da es politisch noch immer ungeschult ist, läuft es zu denen, die die marktschreierischste Reklame von sich machen, am meisten Kritik üben und versprechen. Das sind rechts die deutschnationale und die Volkspartei, links die Unabhängigen. Die Mehrheitssozialisten und Demokraten werden sich durch solchen abgünstigen Wahlausgang ihre schwere und undankbare, aber absolut notwendige Arbeit für das Volkswohl nicht verdrießen lassen dürfen. Wir werden hoffentlich auch einmal den sittlichen Tiefstand überwinden, daß zwei Parteien, die deutschnationale und deutsche Volkspartei, ein Flugblatt mit ihren Namen zu unterschreiben wagen, das nachgewiesenermaßen von Unwahrheiten strotzt.

Am Morgen der Wahl verbreiteten die beiden rechtsstehenden Parteien einen Handzettel des Inhalts: Wer die finanzielle Mißwirtschaft weiter betreiben will, wähle sozialdemokratisch oder demokratisch. Dabei weiß jeder Beteiligte, welch hervorragenden Anteil gerade die Demokraten daran haben, daß während des Krieges eine gesunde Finanzpolitik getrieben und nach dem Kriege eine die Finanzen trotz der schwierigen Verhältnisse geregelt geblieben sind. Die rechtstehenden Parteien zeigen mit ihrer ganzen Agitation, ein wie robustes Gewissen sie haben. Während des Krieges haben sie fortgesetzt durch ihre leidenschaftliche Agitation das Volk betört und betrogen und dadurch in den Abgrund gestürzt – jetzt nach dem Kriege treiben sie’s genau wieder so. Statt das Volk zu lehren, die Tatsachen nüchtern zu sehen wie sie sind, entstellen sie sie und machen die von ihnen beeinflußten Volkskreise durch eine leidenschaftliche Stimmungsmache urteilslos.

Aber auch diese Wahl hat gezeigt, daß die überwiegende Mehrheit des Volkes von der Rechten nichts wissen will. Ueber 2/3 der Bevölkerung Jenas steht links. Der nächstjährige Gemeinderat wird zusammengesetzt sein: aus 16 Mehrheitssozialisten, 5 Unabhängigen, 8 Demokraten und 11 Rechtstehenden. Die Demokraten werdne auch in dieser Zusammensetzung eine wertvolle Arbeit leisten können, wenn auch allgemein der Verlust eines Mandats, das Ausscheiden von Frau Schmidt, aufrichtig bedauert werden wird. Das eine Ziel, die Sozialisten beider Richtungen in die Minderheit zu drängen und dadurch das Arbeiten leichter zu gestalten, ist nicht erreicht. Die behalten mit zusammen 21 die Mehrheit gegen 19.

Die demokratische Partei muß aus dem Ergebnis der Wahl die Lehre ziehen, daß sie nicht nur parlamentarisch tüchtige Arbeit leisten, sondern auch wieder in der Agitation und Organisation tüchtiger werden muß. Sie muß mit dem Pfund, das ihr gegeben ist, besser wuchern, und die sittlichen Kräfte, die in ihr lebendig sind, mehr zur Geltung bringen, um den jetzt vorherrschenden Materialismus der anderen Parteien zurückzudrängen.

Quelle (inkl. Bild):

Jenaer Volksblatt vom 2.12.1919 (1. Ausgabe)

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00259204/JVB_19191202_281_167758667_B1_001.tif