100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Liebe geht durch den Magen

Die gestrige Volksabstimmung in Coburg brachte den Unterstützern einer Vereinigung mit dem künftigen Thüringen eine krachende Niederlage. Die Gründe sind komplex, aber laut diesem Artikel hat die Ernährungsfrage eine nicht unwesentliche Rolle bei der Entscheidung der Wählerschaft gespielt.

Wappen des bayerischen Landkreises Coburg

Die Volksabstimmung in Koburg.

Mit großer Mehrheit der Anschluß des ehemaligen Herzogtums Koburg an Bayern beschlossen.

Am gestrigen Sonntag hat das Referendum in der Anschlußfrage Koburgs stattgefunden und das erwartete Resultat gebracht. Die Koburger Bevölkerung hat sich mit überwiegender Mehrheit für den Anschluß an Bayern erklärt.

Damit ist ein Jahrhunderte altes Band, daß Koburg mit Thüringen innig verband, zerrissen, wenn man auch zugestehen muß, daß das Koburger Land, das in Südosten, Süden und Südwesten an Bayern grenzt und dessen Bewohner fast durchweg fränkischen Stammes sind, immer stark zu Bayern hingeneigt hat.

Im 13. Jahrhundert kam Schloß und Herrschaft Koburg an die Grafen v. Henneberg. Nach 1291 gelangte es durch die Tochter Pappos VIII. an Otto III. von Brandenburg. 1308 kaufte Heinrich VIII. von Henneberg die „Pflege Koburg“ zurück. Dann teilten sich dessen Schwiegersöhne Eberhardt von Württemberg und Friedrich von Meißen in das Land. Der württembergische Anteil ging bald an Würzburg über, während der meißensche unter dem Namen des sächsischen Landes in Franken oder die Pflege Koburg in Besitz des Hauses Wettin überging. 1485 kam das Gebiet an die ernestinische Linie, 1641 kam es bei einer Teilung an die altenburgische Linie, 1680 gründete Herzog Albrecht die Linie Sachsen-Koburg, die schon 1699 erlosch. Nach längerem Erbstreit wurde Koburg mit Saalfeld vereinigt. So traten noch mancherlei Veränderungen ein, bis 1826 der thüringische Staat  S a ch s e n - K o b u r g - G o t h a  entstand, wobei Gotha seine eigene Verfassung behielt.

Die Revolution hat auch im Koburger Lande eine Bewegung nach Anschluß an ein größeres Staatswesen hervorgerufen und die verlockende Nähe Bayerns, wo die Ernährungsverhältnisse während des Krieges so viel besser waren, als anderswo, hat seine Anziehungskraft nicht verfehlt. Koburg dürfte also für den neu entstehenden alten Staat Thüringen verloren sein. Die Agitation dafür hat viel zu spät eingesetzt und man muß sich eigentlich wundern, daß sie noch so viel Erfolg zeitigte, nachdem monatelang eine starke Einwirkung Bayerns, unterstützt von Versprechungen materieller und ideeller Natur, auf die Bevölkerung stattgefunden hatte. Möge der Entschluß, sich von Thüringen zu trennen, den Koburger Landsmännern zum Segen gereichen. Thüringen muß sehen, ohne sie fertig zu werden.

Nach einem Privattelegramm ist bisher folgendes Abstimmungsresultat verzeichnen:

K o b u r g , 1. Dezember (Privatdepesche.) Die gestrige Volksabstimmung ergab über 26.000 Stimmen für den Anschluß an Bayern, 3800 für den Anschluß an Thüringen. Der thüringische Gemeinschaftsvertrag wurde mit fast 90 Prozent Mehrheit abgelehnt. Es stehen noch die meisten Landorte aus, aber an dem Gesamtresultat wird sich kaum etwas ändern.

K o b u r g , 1. Dezember (Privatdepesche.) Die Abstimmung im Lande ergab, daß fast 90 Prozent aller Bewohner für den Anschluß an Bayern war. Ueber Den Nutzen der Agitation der letzten Tage ist man besonders in der Stadt Koburg sehr geteilter Meinung auch in Kreisen der Freunde des Anschlusses an Thüringen.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 1.12.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Landkreis_Coburg#/media/Datei:Wappen_landkreis_coburg.svg