100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Süßer die roten Glocken nie klingeln

Die USPD-nahe Neue Zeitung aus Jena veröffentlicht ein proletarisches Weihnachtsgedicht des sozialistischen Schriftstellers Karl Neumann (alias Max Dortu). Auffällig ist, neben dem offensichtlichen klassenkämpferischen Ton, der Gottesbezug des Gedichtes.

Weihnachten im Simplicissimus

„Proletariers Weihnacht!“

Laßt läuten die Glocken der alternden Kirchen,

Laßt flimmern die Kerzen des schimmernden Baumes:

Das ist nicht für uns!

Wir haben nicht Weihnacht!

 

Wir können nicht glauben den heuchelnden Stimmen –

Den Stimmen, die auf die Schlachtbank getrieben.

Wir können nicht glauben den flimmernden Kerzen, –

Ihr Züngeln ist fälschlich, ihr Friede nicht wahr.

Der Pfaffe, der Bürger, das Amt und der Söldner:

Sie tanzen wie Kinder, sie lullen sich ein.

Sie wirbeln ein Pfeifchen, auch wir sollen tanzen:

Ein Mitglied des heuchelnden uralten Scheins.

Wir haben nicht Weihnacht!

 

Wir glauben an Gott auch, wir glauben das Höchste,

Wir fühlen Gott tief im Herzen der Menschen,

Wir sehen Gott in dem Flimmern der Sterne,

Im Walddom, am Meeresstrand: dort braust unser Gott.

Und Gott in den Herzen der Menschen will frei sein,

Er treibt uns, er führt uns, sein Glaube ist Licht.

Sein Baum ist das Hoffen, sein Baum ist das Grünen,

Die Menschheit will aufwärts, das Herz ist All-Drang.

Die Menschen von morgen, sie sollen befreit sein

Von Lüge und Demut, von Schein und von Trug.

So läuten die Glocken in Herzen der Freiheit,

So klingt es im Willen, so ehern, so hart.

Es ballen die Fäuste: „Der Habsucht Gemeinheit

Die Würde des Menschen wüstend verscharrt“.

Wir haben nicht Weihnacht!

 

Doch wenn über Städten, im Schacht, in Fabriken,

Im Heizraum der Schiffe, im Steinbruch, im Kerker

Die roten, die roten, die rötesten Glocken

Zur Freiheit uns rufen –: sei, Weihnacht, gegrüßt!

Dann fallen die Schleier, ein Baum steht uns leuchtend,

Das Sinnbild des Reinen, des Guten und Edlen,

Das Schöne wird strahlend, die Freude webt glänzend:

O Menschheit, solch Baum sei uns Freiheit und Licht!

Wir strecken die Hände, die heute Verfemten:

Wir sagen nicht Haß dann, das Wirt wird uns mild,

Was Gott und die Menschen als Höchstes ersehnten,

Sei Friede und Gleichheit: ein Jungtag, er quillt.

Wenn Mitmensch uns Bruder, wenn Grenzen gefallen,

Wenn rote Gesänge den Erdball umwallen:

Dann haben wir Weihnacht!

Max Dortu.

Quelle:

Neue Zeitung vom 24.12.1919

 

Bild:

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/24/24_39.pdf