100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Thüringen: „Deutschlands Herz“

Staatsminister Arnold Paulssen eröffnet die erste Sitzung des Thüringer Volksrats, der in den kommenden Monaten die spätere Verfassung des Landes Thüringen verabschieden wird. Paulssen beschäftigt sich mit der wirtschaftlichen Lebensfähigkeit des neuen Landes. Der „Einheitsstaat“ Thüringen, den Paulssen beschwört, beschreibt das auf Hugo Preuß zurückgehende Ideal eines zentralistisch regierten Deutschlands als Gegensatz zu einem „zersplitterten“, „uneinigen“ Staatswesen.

Grabstätte von Paulssen in Weimar

Staatsminister Dr. Paulssen: Meine Herren und Damen vom Volksrat von Thüringen! Im Namen und Auftrage des Staatsrats von Thüringen habe ich die Ehre, Sie zum Beginn Ihrer ersten Tagung zu begrüßen.

Es ist eine Stunde von größter Bedeutung für Thüringen, diese Stunde, in der zum ersten Male eine auf gesicherte staatsrechtlicher Grundlage beruhende Versammlung einer Volksvertretung von Gesamtthüringen zusammentritt. Ich sage Gesamtthüringen oder Thüringen schlechthin, nicht Großthüringen. Als nach der Revolution sich die ersten Bestrebungen auf Schaffung eines einheitlichen Thüringens geltend machten, da träumte man wohl von Großthüringen, das im Norden bis nach Nordhausen und im Nordosten bis nach Zeitz reichen sollte. Aber es ist ja nun einmal der Gang der Dinge, daß nicht alle Blütenträume reifen. Auch kommt es ja bei der Bildung eines neuen Staates nicht so sehr auf seine territoriale Größe und die Zahl seiner Einwohner als auf seine innere Geschlossenheit und die Gemeinsamkeit der Interessen seiner Bewohner an. Es wäre aber auch ebenso falsch, das jetzt in der Bildung begriffene Thüringen Kleinthüringen zu nennen. Der neue Staat, zu dessen Begründung Sie berufen sind, wird ein Land werden, das sich im Kranze der deutschen Länder durchaus sehen lassen kann. Es wird eine Einwohnerzahl von mehr als 1.500.000 umfassen, also in der Reihe der deutschen Länder zwischen Baden und Hessen stehen. Die Staaten, die sich zu der Thüringer Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, bringen dieser ein stattliches Vermögen an Forsten, Domänen, Bergwerksbeteiligungen und anderen werbenden Staatsunternehmungen mit. Der Betrag ihrer Schulden ist demgegenüber ganz unbeträchtlich. Und in diesen Staaten wohnt eine gewerbsfleißige strebsame Bevölkerung und eine tätige Landwirtschaft auf der breiten Grundlage eines gesunden Bauernstandes. Warum sollte ein Staat, der auf dieser Grundlage aufgebaut wird, nicht lebensfähig sein? […]

Möge dieses schöne Gemeinschaftsgefühl, dem wir Thüringer, es allein zu verdanken haben, daß der Zusammenschluß trotz aller Widerstände so weit gediehen ist, möge dieses Gemeinschaftsgefühl uns weiter ein guter Leitstern sein, auf daß es uns gelinge einen Einheitsstaat Thüringen zu bilden, der würdig ist, Deutschlands Herz zu sein, einen Staat, in dem die reine Lust der Freiheit weht und in dem die Sonne der sozialen Liebe und Duldsamkeit scheint, in dem die Mühsale der Gegenwart und Zukunft überwunden werden durch freudige Arbeit und edle Sittlichkeit, und in dem echte Kunst und unbestechliche Wissenschaft allzeit eine wohlbereite Freistatt haben. Und mag unser Thüringen sich sein Haus auch einrichten, so wie es ihm gefällt, so wird es doch, wenn dereinst die Stunde schlägt, nicht zögern, in dem geliebten großen deutschen Vaterlande aufzugehen, von dem wir nichts anderes sein wollen als ein Teil, der seinem Besten dient!

(Lebhaftes Bravo!)

[…]

Quelle:

Stenographische Berichte des Thüringer Volksrats, 1. Sitzung, 16.12.1919.

In: http://thulex.de/suche/listenuebersicht/nc/1/detail2/jportal_jpvolume_00094783.html

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Paulssen#/media/Datei:Arnold_Paulssen_Grabstein_Hauptfriedhof_Weimar.JPG