100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Weder Kohlen noch Koks

Es herrscht Mangel und im Winter bekommen die Menschen dies schmerzlich zu spüren. Auch in Weimar – immerhin eine Landeshauptstadt – herrscht akute Brennstoffnot. Der Mangel an Kohlen erklärt sich zum Großteil durch die Kriegsniederlage. Wichtige Industrie- und Kohlenfördergebiete sind militärisch besetzt. Kohlen müssen als Reparationsleitung an die Entente abgegeben werden. Auch die vielen Flüchtlinge, die insbesondere aus den abgetretenen Ostgebieten kommen, sorgen für einen Mehrbedarf.

Das Weimarer Schloß (um 1900)

Die Brennstoffnot in Weimar.

W e i m a r , den 5. Dezember 1919.

In einer außerordentlichen Gemeinderatssitzung, die gestern abend im Stadthaus abgehalten wurde, bei der die meisten Gemeinderatsmitglieder und zahlreiches Publikum anwesend waren, wurde in fast zweistündiger Beratung das ganze traurige Kapitel der Weimarischen Brennstoffnot aufgerollt.

Wir wissen, daß in Weimar, der Landeshauptstadt und der zukünftigen Hauptstadt Thüringens, die Brennstoffnot so groß geworden ist, daß die Gerichte geschlossen werden mußten, daß also die gesamte Rechtspflege stillsteht, es ist bekannt, daß dem Sophienhaus die Schließung droht, wenn es nicht in den nächsten drei Tagen mit Brennstoff beliefert wird, daß die Thüringische Landesversicherungsanstalt nur tageweise in Betrieb ist aus Kohlennot, daß die Schulen nur noch wenig Brennmaterial haben, daß die Schließung des Nationaltheaters droht und jeder – ob arm, ob reich – weiß, daß die Kohlenkeller der meisten Privaten, einige wenige Glückliche vielleicht ausgenommen, nahezu leer sind. Die wärmere Witterung hat wieder ein wenig Besserung herbeigeführt, aber nicht viel, denn da es an Kochgas fehlte, mußte zum Kochen der Speisen von dem wenigen Holzvorrat genommen werden. Auch die Gaserzeugung steht vor dem Ende.

Alles das hat bei der Einwohnerschaft schwere Unruhe hervorgerufen, die Klagen häufen sich und zahllose mehr oder minder zutreffende „Eingesandts“ flattern auf den Redaktionstisch. Aus allen tönt immer wieder die eine Klage: „In Weimar geschieht nichts, in anderen Städten geschieht mehr!“ Es liegt nicht an den Zeitungen, daß sich solche Klagen immer wieder erheben; aber die Zeitungen sind nicht in der Lage, über alle diese Dinge zu schweigen, die, wie Staatsrat Polz sehr richtig sagte, die Spatzen von den Dächern pfeifen. Wir wissen auch, daß Weimar von den ihm zustehenden Kohlen und Briketts die meisten erhalten hat; aber kein Mensch wird bestreiten wollen, daß sich auf irgend eine Weise mehr Brennmaterial hätte beschaffen lassen, wenn man rechtzeitig alle Hebel in Bewegung gesetzt hätte. Darüber war sich die Mehrheit des Gemeinderates gestern einig, als sie den Beschluß faßte, den Gemeindevorstand zu ersuchen, eben diese Hebel jetzt noch zu handhaben.

[…] Es würde zu weit führen, alle Einzelheiten der ausgedehnten Debatte wiederzugeben.

Stadtrat  E n g e l k i n g  ist jedenfalls mit einigen anderen Herren in Berlin, beim Reichskohlenkommissar gewesen, um ihm das Elend Weimars in bezug auf die Kohlenbelieferung vorzustellen. Während er bei einer Stelle tröstliche Versicherungen erhielt, wurde ihm beim Reichskohlenkommissar [Ernst Stutz, Anm.] gesagt, Weimar solle jede Hoffnung fahren lassen, es erhielte an sich eigentlich schon zu viel. Dabei stellte sich der Herr Reichskohlenkommissar auf einen mehr als kleinlichen Standpunkt, wenn er z. B. dadurch gegen Weimar ausspielte, daß er auf zwei Zeitungsanzeigen hinwies, durch die irgend ein Gastwirt „gut geheizte“ Räume zum Aufenthalt für Gäste empfahl. Jedenfalls war die Reise nach Berlin erfolglos. Es wurde sogar von dem Reichskohlenkommissar angedeutet, daß man eventuell die mittleren Gaswerke ganz verkrachen lassen will zugunsten der Großstadt Gaswerke. Diese Mitteilung wurde vom Gemeinderat mit besonderer Unruhe aufgenommen. Der eingeschränkte Gaswerksbetrieb trifft die Städte besonders, denn es fehlt nicht nur das Gas, sondern auch der erzeugte Koks. In Weimar muß jetzt dieser Koks zum Teil noch ans Wasserwerk geliefert werden, damit dieses nicht zum Stillstand kommt. Immerhin hofft man, in 8 bis 14 Tagen eine größere Kokslieferung herein zu bekommen. […]

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 5.12.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Weimar#/media/Datei:Chateau_weimar.jpg