100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Wir wollen die Arbeit zu einer Freude machen.“

Die Reichsfrauenkonferenz der USPD ist sich sicher: Die Diktatur des Proletariats wird auch das weibliche Geschlecht befreien. Die politischen Visionen der Sozialistinnen laufen jedoch erkennbar auf die Entrechtung aller nicht-sozialistischen Frauen hinaus. Denn nur Frauen, die sich zur „Rätediktatur“ bekennen, haben Anspruch darauf in einem künftigen Rätesystem repräsentiert zu sein.

Wahlwerbung für Tony Sender

Reichsfrauenkonferenz.

U.S.P.D.

Zweiter Tag. 30. November 1919.

Vormittagssitzung.

Genossin Zietz eröffnet die Sitzung um ¾ 10 Uhr. Sie teilt mit, daß Friedrich Adler aus Wien angekommen ist und die Konferenz begrüßen läßt. Genossin Adelheid Popp war von Oesterreich delegiert, konnte aber wegen der Verkehrsschwierigkeiten nicht kommen. Diese Mitteilung wird von der Konferenz mit lebhaftem Bedauern entgegengenommen.

Es ist ein Antrag eingegangen, das ausgezeichnete Referat der Genossin Sender drucken zu lassen. Das wird einhellig von der Konferenz beschlossen. Genossin Zietz verliest dann die folgende Resolution der Genossin Sender:

Die Frauen-Reichskonferenz der USPD. in Erkenntnis daß die Befreiung des Proletariats aus der wirtschaftlichen Knechtschaft und der Aufbau eines sozialistischen Gemeinwesens nur verwirklicht werden kann durch die Diktatur des Proletariats, wirksam im revolutionären Rätesystem, fordert die Genossinnen und Genossen auf, für die Verwirklichung dieses Gedankens alle Kräfte einzusetzen. Darum muß gefordert werden, daß die weiblichen Berufstätigen nicht nur an den Wahlen ihres Betriebes oder Berufes teilnehmen, sondern auch prozentual der Anzahl der weiblichen Beschäftigten ihre Delegierten in den Betriebsrat zu entsenden haben. Die Konferenz erwartet daher, daß unverzüglich in allen Bezirken ans Werk gegangen wird, auf daß auch die sozialistischen Frauen als Bahnbrecherinnen an der Seite der revolutionären Arbeiterschaft zum Neuaufbau des revolutionären Rätesystems schreiten.

Zum Zwecke der Einbeziehung der proletarischen Hausfrauen beim Aufbau des politischen Rätesystems empfiehlt die Reichskonferenz [die] Schaffung von Wahlverbänden der proletarischen Hausfrauen mit bezirksweiser Untergliederung. Wahlberechtigt bzw. wählbar sind nur solche Frauen, deren Haushalts-Einkommen nicht aus unbezahlter Arbeit herrührt (Zinsen, Grundrente, Unternehmerprofit), die keine fremde Arbeitskraft ausbeuten und die sich zur Diktatur des Proletariats durch die Räte bekennen.

Die Aufstellung der Wählerlisten erfolgt durch Wahlkommissionen der Arbeiterräte nach Bildung der Wahlkörper und vorausgegangener Aufklärung und Aussprache über die Aufgaben der Frau im Rätesystem.

Die Diskussion über das Referat der Genossin Sender wird eröffnet.

Reichert-Berlin: Das Betriebsrätegesetz wird kein Instrument des Klassenkampfes werden. Wir als Frauen haben uns mit dem Gedanken des Rätesystems vertraut zu machen. Alle Zusammenkünfte der Frauen müssen benutzt werden, um den Frauen das Rätesystem nahezubringen. Nicht die Männer allein dürfen den Neuaufbau der Gesellschaft vornehmen.

[…]

Lange-Tilsit: Ich muß mit Bedauern feststellen, daß an das Landproletariat nicht gedacht worden ist. Ich möchte empfehlen, daß besonders über das Landproletariat und sein Verhältnis zum Rätesystem eine Broschüre herausgegeben wird. Die Landleute sind nicht mehr so dumm, sie sind begierig auf Wissen, auch sie sind ergriffen vom Hauch der Revolution. Den Bauern muß klipp und klar gesagt werden, wie sich im Sozialismus die Besitzverteilung regelt. Wo die Arbeiterräte nicht gut zusammengesetzt sind, sollte man sie lieber auflösen. In vielen Fällen stehen sie nur noch als Dekoration der Gemeinde da. Es wäre uns lieb, wenn man uns Klarheit über die Stellung der Arbeiterräte geben würde.

[…]

Genossin Sender hält das Schlußwort: Die Hausfrauenwahlverbände sollen nicht identisch sein mit den bestehenden Wahlvereinen. Sie sollen lediglich für die Wahlen zu den Arbeiterräten in Betracht kommen. Wir müssen die Frauen auch über ihren Aufgabenkreis aufklären und sie dann erst zur Wahl führen. Wenn wir uns als revolutionäre Partei behaupten wollen, müssen wir die Initiative ergreifen und sofort mit der Arbeit beginnen. Es soll die engste Zusammenarbeit aller an der Erziehung aktiv und passiv Beteiligten erstrebt werden durch Schaffung von Lehrer-, Schüler- und Elternräten. In der Agrar- und Landarbeiterfrage muß die Gesamtpartei mit einem klaren Programm hervortreten. Großgrundbesitzer sind entschädigungslos zu enteignen. (Sehr richtig!) Die Kleinbauern werden selbstverständlich nicht gewaltsam enteignet. Man muß ihnen aber vor Augen führen, wie ihr Interesse beim Sozialismus liegt und wie die rationelle Bewirtschaftung des Bodens, die genossenschaftliche Verwaltung im Sozialismus die Produktion erhöht. Wir betrachten heute den Sozialismus nicht mehr als eine Fata Morgana, sondern wir meinen, daß wir uns bereits im Stadium der Realisierung des Sozialismus befinden. Wir sind gegen die von den Rechtssozialisten propagierte Parzellierung des Bodens. Wir wollen keine Eigentümer schaffen. Wir wollen Gemeinbewirtschaftung. Das müssen wir den Landarbeitern klarmachen.

Wir haben gerade den Hausfrauen die Aufgabe zugewiesen, an der Umstellung des Haushaltes mitzuwirken. Hier haben wir mit starken Vorurteilen zu kämpfen. Aber man wird die Frauen überzeugen können, daß sie keine Bequemlichkeit einbüßen, sondern im Gegenteil mehr Freiheit gewinnen. Wir müssen alle Kräfte rationell gebrauchen. Herabsetzung der Arbeitszeit bei trotzdem gesteigerter Produktion, das muß unser Ziel sein. Wir wollen die Arbeit zu einer Freude machen. Die geistige Umstellung wird nicht leicht sein. Aber wir haben die Möglichkeit. Nutzen wir die Zeit, reden wir nicht viel, sondern handeln wir. (Lebhafter Beifall.)

Die Resolution der Genossin Sender wird einstimmig angenommen.

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges sozialistisches Organ vom 6.12.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Tony_Sender#/media/Datei:Independet_social_democratic_party,_leaflet_"Tony_Sender_list"_for_the_general_election_1920_in_the_district_HEssen-_Nassau.jpg