100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Bildung unter Schwarz-Weiß-Rot

Mit einem eigentlich sehr fortschrittlich wirkenden Anliegen bildet sich eine „Politische Abteilung für Frauen und Männer“, die sich der politischen Schulungsarbeit verschrieben hat. Inhaltlich ist dieser Ansatz allerdings alles andere als geeignet zur Stabilisierung der Republik. Hier formiert sich unter den kaiserlichen Farben Schwarz-Weiß-Rot der Widerstand gegen die Demokratie.

Katharina von Oheimb (DVP)

Politische Schulung.

Von Anna Stuhlmann, Goslar a. H.

In der Erkenntnis, daß die Frauen der politischen Schulung bedürfen, sollen sie die ihnen zugelassenen Aufgaben wirksam lösen, erweiterte der Nationalverband deutscher Frauen (früher Flottenbund) sein Arbeitsfeld, indem er demselben eine Politische Abteilung angliedert. Da die Politik für die Frauen ein Neuland bedeutet, in welchem sie die Führung nicht entbehren können, so forderte der Verband Männer auf, in dieser Abteilung mit zu wirken und zu helfen. Der Arbeitsplan stellte seit der Gründung der nun entstandenen „Politischen Abteilung für Frauen und Männer“ drei Ausbildungskurse auf, je zu drei Wochen, die unter der Leitung der tatkräftigen Vorsitzenden des Verbandes, Frau K. von Oheimb, M. d. R., und der von ihr gewonnenen Führer in großzügigster Weise verwirklicht wurden.

Es war ein frohes Arbeiten in den Kursen, jeder wies eine große Zahl auswärtiger Teilnehmer auf, der letzte 140, und der Erfolg hat gezeigt, wie nötig und fruchtbringend solche Lehrgänge sind. Ein großer Vorteil ist es, daß sie überparteilich abgehalten werden, so daß sich Teilnehmer aller bürgerlichen Parteien zu gemeinsamer Arbeit vereinen können. Von den bedeutenden Rednern, die uns in alle Spalten unserer nationalen und politischen Behausung einführten, nenne ich hier Prof. Kahl, Prof. Maurenbrecher, Dr. Stadtler, Dr. Ostwaldt, Dr. Kaufmann, Prof. Dr. Runkel, Dr. Käthe Schirmacher, Martha Voß-Zietz, Klara Mende, Walter Lambach u. a. m.

Aus diesen Lernzeiten wurde uns Frauen vor allem eins klar: was haben wir versäumt, zu tun! Und die wichtigste Frage, die immer wiederkehrt, wie ein steter Vorwurf, ist die Warum haben wir unsere völkischen Aufgaben nicht besser erfaßt? An dem Beispiel englischer und französischer Frauen, die wir im Ausland beobachten konnten, hätten wir lernen können, wie eine jede ihrem Vaterlande in irgendeiner Weise dienstbar ist. Aber wir haben sie nur bewundert deshalb, ohne für uns Lehren aus ihrem Handeln zu ziehen. Es sind bittere Wahrheiten, die sich uns in ruhigem Rückschauen auf eine verlorene Zeit enthüllen. Ein merkwürdiges Volk sind wir Deutschen! Während sehr viele von uns ästhetischen Genüssen eine allzugroße Bedeutung beilegen, andere künstlerischen Ideen nachgehen, viele in Vergnügungen jeglicher Art Zerstreuung suchen, die meisten an nichts anderes denken können oder wollen, als an ihren Broterwerb, vergessen wir das Wichtigste: Erhaltung unserer völkischen Eigenart, vergessen wir den Stolz auf die germanische Rasse. – Und wenn in einem Vortrag gesagt wurde, das 19. Jahrhundert ist die Zeit der Verantwortungslosigkeit in Deutschland, so traf uns dieser Ausspruch wie eine maßlose Härte.

Karikatur des Simplicissimus

Als ich aber daran dachte, wie z. B. auf literarischem Gebiet unsere völkische Kraft unterlegen ist, als mir die Worte Viktor Hahns einfielen: „Als Goethe am 22. März 1832 starb, datierte Börne von diesem Tage an die Freiheit Deutschlands. Wirklich war damit eine Epoche geschlossen und es begann das jüdische Zeitalter, in dem wir jetzt leben“, da warb es mir zur Gewißheit, daß man sich in Deutschland nicht mehr bewußt war, welch hohe Werte preisgegeben wurden. Und das ist Verantwortungslosigkeit. Eine Zeit, die einem Börne recht gibt, einen Heine durch Jahrzehnte auf den Schild hebt, der doch Deutschland und die Deutschen mit ihren Idealen so oft in unannehmbarer Form verhöhnt, dagegen einen Richard Wagner, der edelstes deutsches Gut hebt und es in Vollendung dem Volke darbietet, abweist und so manchen völkischen Dichter totschweigen läßt zugunsten Fremder – eine solche Zeit richtet sich durch sich selbst. –

Der Blick weilt trauernd auf den Trümmern all dessen, was einst so herrlich war. Unsere Führer zeigen uns, daß unser Festhalten an alten Idealen, unser Glaube an Ruhm, Glück, Freundschaft, unser Vertrauen in eine der unseren ähnlichen Gesinnung bei anderen Völkern sich nicht gelohnt hat. Auf den friedlichen Weg zur Höhe, den wir gehen wollten, warb wohlberechnet ein Hindernis nach dem anderen gewälzt, bis der Tag des tiefsten Sturzes kam, den ja ein Volk getan hat. –

Nun gilt es, Wege zu finden aus den Tiefen heraus, die Ideale, die wir aufrichten, jeden anders aus als die alten, von denen unser großer Genius einst sehnenden Herzens sang: „Doch ach, schon auf des Weges Mitte verloren die Begleiter sich, sie wandten treulos ihre Schritte, und einer nach dem anderen wich.“

Setzten wir unseren Fuß auch zuerst zaghaft auf die für uns Frauen neuen Bahnen des politischen Denkens, so festigte sich doch nach einigen Versuchender Schritt, zumal wir ein Wachsen der Aufgaben mit jedem Wegweiser wahrnahmen. Wir sahen Zusammenhänge, die wir früher nicht ahnten, wir fühlten – dank unseren Führern – Kräfte sich entfalten, die uns befähigen, unbeugsamen Willens an der Erreichung unserer Ziele zu arbeiten.

Frauen und Mütter pflanzen der Jugend das Wort Vergeltung tief ins Herz und lehren sie harren auf den Tag des Ausgleichs. Die verwirrte und verwirrende Gegenwart erfordert ein hartes Geschlecht. Die Rätsel der Zeit, die uns lichtlos anstarren aus dem Dunkel, heischen ein entschlossenes Lösen.

Eine der wichtigsten Fragen will Antwort: wie bringen wir wieder gesunde, auf nationalem Grunde fußende Ansichten in die Köpfe dieses irregeführten Volkes? Wie erlösen wir die Massen aus der durch gewissenlose, undeutsche Führer über sie verhängten Verblendung? – Es ist freilich ein weiter Weg vom alten, kraftvollen Germanentum bis in unsere Tage, da die Männer in den Kampf zogen voll des Opfergedankens, angefeuert durch die Frauen, die sich der Heimkehr eines unverwundeten Kriegers nicht freuten. Denn der Krieg ist und bleibt ein Naturgesetz. – Das haben die Deutschen auch zu allen Zeiten bewiesen, daß es ihnen an Opfermut nicht fehlt, sonst hätten wir nicht die überwältigenden Zeugnisse dafür in all den Kriegen, die seither unser Land überzogen haben.

Und nur diesem Zeitalter soll es vorbehalten sein, daß ein Volk die übermenschlichen Heldentaten seiner tapfersten Söhne vergißt, daß es den Krieg als nationale Tat nicht mehr wertet? Wahrlich, mit solcher Gesinnung sinkt auch sein moralischer Halt in ein Dunkel, aus dem er nur durch mühevollste, hingebendste Arbeit an sich selbst zu einem Auferstehen gelangt. Da heißt es für die Frauen, an dieser edelsten Aufgabe des Freimachens aus der Verblendung die Kräfte messen, nicht nachzulassen in unermüdlichem Gedankenaustausch mit den Betörten und Verwirrten, bis wir es erleben, daß alle, die den richtigen Weg wieder gefunden haben, sich bekennen zu der Idee, daß nur die Macht eines Reiches den Mann trägt. Die Erkenntnis, daß es ein trauriges Los ist für Deutschland, von stolzer Höhe über eine Republik zum Vasallenstaat herabzustürzen, die Empfindung der Schmach über die verfehlte Politik schließt dann in sich die Pflicht jedes einzelnen, sich einzusetzen für das höchste Gut eines Volkes, das Land seiner Väter. Dann wird es auch wieder heißen:

Aber der Krieg hat auch seine Ehre,

Der Beweger des Menschengeschicks ….

Denn der Mensch verkümmert im Frieden,

Aber der Krieg läßt die Kraft erscheinen,

Alles erhebt er zum Ungemeinen,

Selber dem Feigen erzeugt er den Mut.

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 19.12.1920

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Katharina_von_Kardorff-Oheimb#/media/Datei:OheimbVonKatharina1920.jpg

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