100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Kirche ohne Mitgefühl

Die Neue Zeitung aus Jena klagt im Nachhall des Weihnachtsfestes einen evangelischen Pfarrer aus Lehesten an. Dieser habe wiederholt gegen die „christliche Liebe“ verstoßen, etwa indem er einen Kriegswitwe die nötige Unterstützung versagt habe. Das kommunistische Blatt nutzt solche Geschichten, um die Zahl der Kirchenaustritte zu erhöhen.

Dorfkirche in Lehesten (bei Jena)

Offener Brief an den Pfarrer Heyl in Lehesten.

Von H. Precht.

Soeben wird mir bekannt, daß sie eine arme Witwe, die um Ihre Hilfe vergeblich nachsuchte, gefragt haben, ob ich es sei, der dieser Witwe den großen Haß gegen die Kirche eingeflößt habe. Dieser Umstand gibt mir Veranlassung, Ihnen eine öffentliche Antwort zu erteilen.

Ich habe der Frau keinen Haß gegen die Kirche eingeflößt, sondern, daß Sie das selbst getan haben, will ich Ihnen sofort beweisen.

Im Mai 1919 stellte die Witwe M. einen Antrag auf Kriegselterngeld. Die zuständige amtliche Fürsorgestelle lag in Ihren Händen, Pfarrer Heyl, und von Ihnen hing es ab, ob der Antrag an die höhere Instanz befürwortend oder ablehnend weitergeleitet wurde.

Die 54jährige, mit einem störenden Leistenbruche behaftete Witwe M. hat, nachdem sie 5 Kinder der ersten Frau ihres 1911 verstorbenen Ehemannes, sowie 8 eigene Kinder großgezogen hatte, im Kriege einen Sohn und einen Stiefsohn verloren. Dieser Sohn, der am meisten an seiner Mutter hing, war schon vor dem Kriege ihr hauptsächlicher Ernährer. Die älteren Kinder waren verheiratet oder standen kurz davor und konnten daher von ihrem kargen Einkommen nichts an die Mutter abgeben. Die jüngeren Kinder konnten es erst recht nicht. Beispielsweise verdiente eine damals 17jährige Tochter monatlich 20 Mk. als Bauernmagd und ein jetzt 18jähriger Sohn erhält heute als Kutscher ganze 70 Mk. im Monat. Können die beiden irgend etwas abgeben? Der jüngste Sohn ist krank und muß sich von seiner Mutter ernähren lassen. Die arme Frau hat von seiner Mutter ernähren lassen. Die arme Frau hat weder Haus noch Hof oder Vieh, wohl aber hat sie naturgemäß zudem seit ¾ Jahren die Miete, weil sie mit ihrem entkräfteten, bretthaften Körper keinerlei nennenswertem Erwerbe nachgeben kann.

Ueber diese arme, kranke, hilfsbedürftige Frau haben Sie, Pfarrer Heyl, berichtet, daß sie nicht unterstützungsbedürftig sei! Daraufhin ist der Antrag nach 1 ½ jährigem Hangen und Bangen abgelehnt worden! Die Schuld daran tragen einzig Sie! Sie sehen in der Frau ein räudiges Schaf, für das Sie „christliche“ Liebe nicht mehr zu bezeugen für nötig hielten.

Aber Sie konnten auch anders, Pfarrer Heyl! Im gleichen Orte erhielten durch Ihre amtliche Vermittlung zwei andere Familien, die Haus und Hof besitzen, und deren eine zudem zwei Söhne daheim hat, die gutbezahlte Arbeitsstellen inne haben, das Kriegselterngeld. Und zwar mit Recht! Warum aber nicht auch die Witwe M., die doch gar nichts hat? Aber Sie konnten auch noch besser! Ebenfalls durch Ihre amtliche Vermittlung erhält im gleichen Orte ein rüstiges Ehepaar, das neben Haus und Feld drei Kühe im Stalle stehen hat, das Kriegselterngeld, trotzdem der Mann noch in den Schieferbruch geht und dort monatlich rund 800 Mk. verdient, obwohl er sich von seinem Bauernhofe allein recht gut ernähren könnte!

[…]

Solche Taten helfen mit, den Haß gegen die Kirche zu verbreiten, und da wundern Sie, Pfarrer Heyl, sich über Kirchenflucht?

[…]

Wie die Kirche im Kriege nur ein williges Instrument der Kriegstreiber und Kriegsgewinnler gewesen ist, so ist sie es jetzt noch weit mehr. Der Dank des Vaterlandes ist nichts als ein schäbiger Bettelpfennig, der zu alledem meist auf dem Papier steht. Für die, die am meisten geopfert, die Gut, Gesundheit und Leben eingesetzt haben, hat das Vaterland nicht einmal so viel schnöden Mammon übrig, um sie vor dem Hunger zu schützen! Kein Diener Gottes setzt sich für sie ein! Warum auch? Das goldene Kalb könnte es übel nehmen!

„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, haben Sie, Pfarrer Heyl, wieder einmal gepredigt. Was mag sich die Witwe M. dabei denken!

Allen Mühseligen und Beladenen, all jenen Menschenkindern, die nicht ebenbürtig und vollwertig gelten nach den Satzungen der „Gesellschaft vom goldenen Kalb“, denen rate ich dringend: Heraus aus der Kirche, aus der eine Mördergrube geworden ist.

Quelle:

Neue Zeitung vom 29.12.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Lehesten_(bei_Jena)#/media/Datei:Kirche_in_Lehesten.JPG