100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

600 Jahre Herrschaft enden ohne Knall

Carl Franz Joseph Ludwig Hubert Georg Otto Maria von Österreich (1887-1922) trug nur für zwei Jahre den Titel Kaiser Karl I. Die Abdankung des Herrschers von Österreich-Ungarn war nach der Novemberrevolution 1918 unvermeidlich geworden. Zuvor hatte er aber versucht einen Sonderfrieden mit der Entente auszuhandeln. In deutschen Zeitungen kommt er deshalb keinesfalls gut weg.

Karikatur von Theo Zasche (1919)

Das unehrliche Spiel Kaiser Karls.

Keine der Persönlichkeiten, die im Weltkriege an sagender Stelle gestanden haben, ist so unrühmlich von der Bildfläche verschwunden, wie der letzte Herrscher der Donau-Monarchie, Kaiser Karl. Er hat damit das verdiente Schicksal gefunden; von der Entente, die ihn um Krone und Reich gebracht, wird es ihm jetzt bezeugt, denn deren Presse veröffentlicht Briefe und Sonderfriedensangebote, die Prinz Sixtus von Parma in geheimer Mission für Kaiser Karl schon im Jahre 1917 unseren Feinden überbracht hatte. Zweifel an der Zuverlässigkeit dieser dokumentarischen Angaben sind kaum am Platze, und überdies hatten viele Deutsche es seinerzeit wohl schon im Gefühl, daß der Habsburger fragwürdige Politik trieb. Wenn man nun freilich jetzt von einem geheimen und persönlichen Brief Kaiser Karls an den Präsidenten Poincarè hört mit der verräterischen Erklärung: „Wir werden Frankreich unterstützen und einen Druck auf Deutschland ausüben.“ – was Herrn Poincarè begreiflicherweise als annehmbare Grundlage erschien – , wenn Kaiser Karl sich zum Sonderfrieden bereit erklärte, da er die Monarchie nicht dem „Wahnwitz des Nachbarn“ opfern wollte, wenn Graf Ezernin vom „drohenden Auftreten des deutschen Hauptquartieres“ sprach, daß ihn in seinem Verlangen nach Verhandlungen nicht einschüchtern könne, und all das in einem Jahre besonders guter militärischer Aussichten für die Mittelmächte: dann muß ehrlichen Menschen über solch feiges und unehrliches Verhalten noch nachträglich die Zornesröte aufsteigen. Die Entente hat denn auch diesen ehrvergessenen Monarchen nach Gebühr abfassen lassen: sein letzter Brief mit Friedensgewinsel blieb unbeantwortet. Und Achtung in der Welt wird der entthronte Habsburger nie wieder gewinnen. Die Ungarn erklärten jüngst, von keinem Habsburger mehr etwas wissen zu wollen. In Deutschland, dem Lande der Nibelungentreue, findet man das nur allzu begreiflich.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 5.2.20

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273476/JVB_19200105_004_167758667_B1_001.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_I._(%C3%96sterreich-Ungarn)#/media/Datei:Zasche_Heimkehr-Habsburger-1919.jpg