100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Bismarcks Erben

Dieser Artikel aus der rechtsgerichteten Thüringer Tageszeitung bietet eine ganze Sammlung der gängigen Argumente gegen die demokratischen Parteien. Egoismus, Vaterlandsverrat und Dolchstoßlegende. Alles scheint dabei. Sogar der „echte“ Sozialismus wird als „national“ dargestellt. Bismarcks geistige Erben sind erklärte Feinde der Demokratie.

Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898)

Die „Konkursverwalter“.

Von einem Freunde unseres Blattes wird uns geschrieben:

Die Masse wird nie den Kern der sozialistischen Lehre erfassen und befolgen. Sozialismus ist Selbstverleugnung und Uneigennützigkeit in reinster Form. Diesen Idealismus haben die meisten „Sozialisten“ sich nie zu eigen gemacht und werden ihn auch nie begreifen. Der krasse Egoismus, ein Ausfluß des Selbsterhaltungstriebs, ist allzu menschlich.

Ihre Anhängerschaft konnte die Sozialdemokratie gar nicht dadurch gewinnen, daß sie die Pflicht der Verleugnung des eigenen Ichs im Interesse des Volksganzen, der Gesellschaft, predigt, das wäre vielleicht der richtige Weg gewesen, den Kampf gegen die Auswüchse des Kapitalismus zu führen und das Los der werktätigen Bevölkerung zu bessern, wofür die weitesten Kreise volles Verständnis hatten. Die Sozialdemokratie hat vielmehr im Gegensatz zu ihrer Theorie die egoistischen Triebe der Masse in planmäßiger und zielbewußter Arbeit sich zunutze gemacht, ihr goldene Berge versprochen und sie so an sich gefesselt. Der von Karl Marx als das Allheilmittel gelehrte Klassenkampf hat die Gegensätze nur vermehrt, die Leidenschaften der Masse aufgepeitscht und so schon seit längerer Zeit den Wirtschaftsfrieden Deutschlands gefährdet. Es war auch eine Verblendung, für die Internationale einzutreten; so wurde der Masse die Anhänglichkeit ans eigene Vaterland verleidet, in dem allein die Wurzeln aller Kraft ruhen.

Die Entwicklung über die „glorreiche“ Revolution und den Schmachfrieden bis zur düsteren Gegenwart beweist, daß die Sozialdemokratie auf dem falschen Wege war. Die für den sozialistischen Staat völlig unreife Masse verlangt die Einlösung der gemachten Versprechungen, die nicht erfüllt werden können. Das erkennen die Führer ganz genau, daher die verzweifelten Aufrufe der Regierung zur Arbeit und Mäßigung. Doch die Geister, die man rief, die wird man nun nicht los. In den eigenen Reihen der Führer beginnt es zu dämmern; leider ist es zu spät; die von der Sozialdemokratie heraufbeschworenen innerpolitischen Kämpfe, ihr leichtfertiges, jetzt so schwer enttäuschtes Vertrauen auf die Internationale haben die Widerstandskraft des deutschen Volkes im Verteidigungskampfe um seine politische und wirtschaftliche Freiheit untergraben helfen.

[…] Auch die anderen Regierungsparteien, die Demokraten und das Zentrum, haben ein gerüttelt Maß Schuld am deutschen Untergange. Sie waren nie überzeugungstreue Kämpfer für des Reiches Macht und Herrlichkeit. Die antimilitaristische Politik der Demokraten, die egoistische Sonderpolitik des Zentrums sind in aller Erinnerung. Das durch die Demokraten vertretene internationale Großkapital ist gar nicht an Gedeih und Verderb des deutschen Volkes gebunden. Das Interesse des Zentrums weist in erster Linie über die Alpen. Es kann gar nicht oft genug auf eine Tatsache hingewiesen werden, die die politischen Wege der drei jetzigen Regierungsparteien blitzartig beleuchtet: sie hatten sich bereits im Jahre 1895 zusammengefunden, als es galt, dem greisen Bismarck die Ehrung aus Anlaß seines 80. Geburtstages zu versagen. Derselbe Geist von damals hat fortgewirkt. Von Beginn des Krieges an suchten alle drei Parteien unter Ausnutzung der außenpolitischen Lage Sondervorteile für sich herauszuschlagen. Schlagworte wie Weltbürgertum, Völkerfreiheit, Selbstbestimmungsrecht, Völkerverbrüderung, Abrüstung und nicht zuletzt die von Menschenliebe strotzenden 14 Punkte des Heuchlers Wilson, - den die Zeitung „Deutschland“ am Karfreitag 1919 in überaus geschmackloser Weise sogar als den „Heiland“ pries – alle diese hatten das klare Denken der international gerichteten drei Regierungsparteien umnebelt. Die in richtiger Erkenntnis der Ziele des Feindes zum Durchhalten Mahnenden wurden als Kriegshetzer und –verlängerer gebrandmarkt. Die Friedensresolution hat die Siegeszuversicht geschwächt, aber den Siegeswillen der Feinde gestärkt. […]

[…] Daneben tauchen auch von Mitgliedern der Regierung gehaltene Parteireden auf, die zum Fenster hinaus gehalten werden und mit agitatorischen Phrasen und Schlagwörtern gespickt sind.

Ein beredtes Beispiel dafür bildet die von einem Staatsrat im Thüringer Volksrat aufgestellte Behauptung, daß die Reichsregierung die Rolle eines Konkursverwalters spiele. Ihr Vergleich hinkt, Herr Staatsrat! Zu Konkursverwaltern bestellt man nur unparteiische Leute, nicht solche, die planmäßig und zielbewußt den Konkurs in die Wege geleitet haben, um den Konkursverwalter spielen zu können. Ein Konkursverwalter soll auch unparteiisch die Interessen aller Beteiligten wahrnehmen. Die jetzigen „Konkursverwalter“ richten sich nur nach ihren Parteien, das ist für sie die summa lex. Nur in einem Punkte stimmt Ihr Vergleich, Herr Staatsrat: Die Konkursverwalter liquidieren mit Hilfe der selbstmörderischen Finanzpolitik Erzbergers alle Vermögenswerte des deutschen Volkes. Darauf warten nur die Konkursgläubiger, unsere Feinde, um mit rauher Hand alles zwangsweise wegzuholen.

Du armes Vaterland, was hilft dein Weinen und Klagen? Was helfen die Schreie der Entrüstung und die „flammenden“ Proteste, die in den Papierkorb der grausamen Peiniger wandern? Finde dich selbst wieder! Hilf die selbst so hilft dir Gott! Verlaß dich nicht auf andere! Wirf weg die angeblich die Völker beglückenden Schlagworte wie „Weltgewissen“, „Völkermoral“, von denen immer noch Phantasten faseln. Es gilt, ein neues Deutschland von Grund aufzubauen. Gebe Gott, daß es noch festgefügter, freier und mächtiger wird, als Bismarcks gewaltiger Bau es war. Kommt, Ihr deutschen Volksgenossen, die Not wird uns zusammenschweißen zu einem einigen Volk von Brüdern. Die Ihr noch abseits steht, Ihr werdet alle noch umlernen, auch Ihr, Ihr Männer der jetzigen Regierung.

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 8.2.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_von_Bismarck#/media/Datei:Franz_von_Lenbach_Bismarck_1894.jpg