100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Das Sexualleben nach dem Krieg

Die Weimarer Republik ist auch eine Hochphase der Sexualreformbewegung. Allgemeines Ziel ist es die rechtliche Stellung von Frauen, Kindern, Müttern und sexuellen Minderheiten zu verbessern. Eine einheitliche Linie gibt es jedoch nicht. Die Schriftstellerin Grete Meisel-Heß kritisiert in diesem Leitartikel vor allem die Folgen des Krieges und der Revolution für das Sexualleben.

Grete Meisel-Heß (1879-1922)

Republik und Sexualprobleme.

Von Grete Meisel-Heß.

Das Ergebnis zwanzigjähriger Arbeit der Frauenbewegung und der Bewegung für Mutterschutz und Sexualreform dürfte nun erreicht sein. Erst mußte bewiesen werden, daß die Frau außer ihrer Stellung im Hause auch noch die Möglichkeit eigenen Broterwerbes sich erringen muß, – dann mußte sie einen sehr beharrlichen Kampf führen, um ihren Wirkungskreis so zu erweitern, daß sie auch zu den besseren und höheren Stellungen Zutritt hatte. Noch während diese Brot- und Erwerbsfragen dauernd erörtert wurden, machte die Bewegung aus sich selbst heraus eine Biegung, die wieder zu dem ursprünglichsten aller Frauenprobleme zurückführte, zu der Stellung der Frau als Gebärerin und Erzieherin der Menschheit. Diese Bewegung hat besonders im deutschen Bund für Mutterschutz ihren Ausdruck gefunden, der seit seinem Bestehen bemüht war, auch die uneheliche Mutter und vor allem das Kind – mag es legitim oder illegitim geboren sein – zu schützen. Aus der Verwahrlosung, aus der wilden Verzweiflung der verfolgten Mutterschaft, die ihr Kind „weglegt“ oder gar tötet, erwachsen die blühenden Gärten der Charitas und des sozialen Verständnisses, die Mütter- und Säuglingsheime.

Diese Bewegung hat etwas Universales in ihrem Wirken, weil sie eben nicht nur das Naturbedürfnis des Weibes als solches erklären und legitimieren mußte, sondern weil sie sich auch mit den exakten Fragen der Bevölkerungspolitik zu befassen hatte. Selbstverständlich kann zu einer unbegrenzten Gebärfreiheit nicht ermuntert werden, wenn dadurch eine Menge Menschenmaterial in die Welt gesetzt wird, welches man nicht ernähren kann. So hat z.B. Prof. Dr. Hamburger schon längst nachgewiesen, daß auch der Malthusianismus und die Beschränkung der Geburtenzahl durchaus ihre Berechtigung haben, weil eben der Nahrungsmangel eine Menge Neugeborener wieder dahinrafft, so daß durch den Frühtod der Neugeborenen unnötige Energie vergeudet wird.

Im Anfang des Krieges wurde diese Tendenz zurückgedrängt, weil kriegführende Völker immer wieder neue und große Armeen wünschen. Daher kam es, daß selbst die illegitime Mutterschaft auf einmal im Ansehen stieg. In einem republikanischen Staat liegt die Sache wieder anders. Heute sind wir so weit in Deutschland, daß man junge Paare auf dem Standesamt darauf aufmerksam macht, ob sie denn auch die nötigen Mittel hätten, um einen Haushalt zu gründen, ob sie Wohnung, Wäsche und die nötigen Einkünfte besäßen. Wenn dies nicht der Fall sein sollte – so möchten sie sich lieber nicht trauen lassen!

In einer Zeit der allgemeinen Not ist es in der Tat so, daß eine gewisse Fortpflanzungsfreudigkeit nur dort bestehen kann, wo eben das Notwendigste dazu da ist, um den Storch würdig zu empfangen. Nichtsdestoweniger werden die schon vorhandenen Mütterheime weiter gehalten, und es wird weiter darum gekämpft werden, daß auch die illegitimen Kinder der gefallenen Krieger dieselbe Hinterbliebenenfürsorge genießen wie die legitimen, und daß das neue Leben, wo immer es sich regen mag, Schutz findet. Da für den Luxus so ungeheure Summen aufgewendet werden, trotz der hohen Preise, so ist auch zu erwarten, daß alle Mütterheime, wo es sich nicht um Luxus, sondern um die Erhaltung des Lebens handelt, die nötigen Mittel bekommen, um weiter zu bestehen.

Die ausgesprochen republikanische „Note“ liegt in der degagierten [d.i. abweisenden, Anm.] Behandlung des Sexualproblems überhaupt. Es ist immer so, daß nach Kriegen die Triebe nach Lustbarkeit, nach Freiheit, nach Genuß sich besonders stark entwickeln.

Es gibt jetzt eine Art Sexualaufklärungsliteratur, die nichts anderes ist als verkappte Pornographie, – so wie auch die jetzige Mode die Tendenz nach dem Schlüpfrigen und Hetärischen keck zum Ausdruck bringt. Der Druck des Krieges hat so lange schwer auf den Nationen gelastet, daß sie jetzt, wo der Frieden geschlossen ist, bemüht sind, sich „auszutoben“. Außerdem fallen in revolutionären Zeiten alle Zensurschranken fort. Der Mutterschutz kann meines Erachtens ohne Zensur bestehen, während Theater, Kunst und besonders das Kino doch immer wenigstens die Zensur eines guten Geschmackes respektieren müßten. Man hat den Aufklärungsfilm erst sehr gefördert, dann unendlich angegriffen. Ich habe einige dieser Filme gesehen und finde sie im ganzen recht gut und wirksam, wenn sie sich künstlerisch in den Grenzen des guten Geschmacks halten. So ist zum Beispiel der den Paragrapen 175 [, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellt, Anm.] behandelt, durchaus maßvoll und zeigt nur, daß die perverse Anlage zu Störungen in der Entwicklung einer Lebenslaufbahn führt. Auch die Filme „Es werde Licht“, die das Problem der Geschlechterkrankheiten vor die großen Massen brachten, sind weitaus besser als ihr Ruf. Viel gefährlicher als ein Aufklärungsfilm ist eine schlüpfrige Posse, die die Gefahren der unbegrenzten Freiheit eben nicht zeigt. Alle diese Probleme wurden natürlich samt und sonders aus der Bewegung für Sexualreform entnommen, die im deutschen Bund für Mutterschutz würdig und vornehm repräsentiert ist. Im Laufe der letzten zehn bis fünfzehn Jahre haben wir eine gewaltige Literatur über diese Fragen anwachsen stehen, an der sich Mediziner, Philosophen, Sozialhygieniker, führende Frauenrechtlerinnen, Künstler und Priester fast gleichermaßen beteiligten.

Zeitgemäß ist auch das Problem der „Liebesehe“. Während einerseits Menschen, die sich Wäsche, Möbel und dergleichen nicht verschaffen können, vor der Ehe einen noch größeren Respekt haben als früher, wächst wieder auf der anderen Seite auch unter den Männern die Zahl derjenigen, die sich Knall und Fall verheiraten und das erstbeste Mädchen ihrer Bekanntschaft heimführen, während sie in Friedenszeiten sich genügt hätten, mit ihr bloß zu flirten. Der Grund ist sehr naheliegend: Arbeitskräfte auf häuslichem Gebiet sind heute kaum zu haben und unerschwinglich teuer. Darum sucht jeder Mann eine Hausfrau, die für die Küche sorgt, und die ihn betreut, wenn er einmal krank sein sollte. Besitzt einer der beiden die Möbel und die Wohnung, so kommt die Sache gewöhnlich schnell zum Friedensabschluß. Vor dem Krieg hatte kein Mann nötig, der häuslichen Bedienung halber zu heiraten. In jedem Restaurant konnte er für weniges Geld gut essen. Heute ist es geradezu unschätzbar, wenn eine Frau den Haushalt führt und persönlich zugreift, wenn sie sich in dem Labyrinth der Karien zurechtfindet und die täglich schwieriger werdenden Nährfragen durch ihre persönliche Arbeitskraft lösen hilft. Dafür stellt man ihr gern Herz und Hand zur Verfügung.

Hoffentlich wird trotz der republikanischen Sturm- und Drangperiode, die die Freiheiten des einzelnen äußerlich erweitert, die Jugend von den Idealen im höchsten Sinne nicht ablassen. Sie wird sich trotz aller Ueppigkeit, die das Auge blendet, trotz der Zuchtlosigkeit, die man auf Straßen und Tingeltangels sieht, eben doch der Belehrungen erinnern, die sie in diesem zwanzig Jahren empfangen hat, und die darin gipfeln, daß man junge Menschen rein und gesund erhalten will, damit sie später einmal in der Liebe und in der Ehe für sich und ihre Nachkommen das Höchste leisten und erhalten, was das Dasein lebenswert macht.

Der heimgekehrte Soldat wird jedenfalls infolge der Wohnungsnot sehr froh sein, wenn er zu seiner Frau und seiner Familie zurückkehren darf, obwohl man andererseits, zum Beispiel in Oesterreich, von Massenscheidungen liest. Meines Erachtens sollten die Menschen, die halbwegs gesund diesem Weltgericht entronnen sind, froh und dankbar sein, wenn sie irgendwie in ihr Heim zurückkehren können. Freilich kommt mancher nach Hause und findet seine Frau vermählt oder in freier Ehe lebend mit einem anderen. Aber solche Enoch Arden-Fälle sind doch relativ selten. Und wenn jetzt die Gefangenen nach Deutschland zurückkehren, so werden sie sehr froh sein, wieder unter menschenunwürdigen Bedingungen in ihrem Heim Unterkunft zu finden.

Jedenfalls ist die Stimmung der Zeit derart, daß das Sexualproblem nicht mehr Bevormundungen ausgesetzt ist und jeder frei darüber seine Meinung äußern kann. Deswegen wird es im deutschen Volke doch niemals zu einer allgemeinen Ueberschreitung der Grenzlinien kommen, da das Ideal des häuslichen Familienlebens doch immer für das deutsche Empfinden das höchste bleibt!

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 1.2.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Grete_Meisel-Heß#/media/Datei:Grete_Meisel_Hess.jpg