100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Der Geburtstag der Republik

Welchen „Geburtstag“ hat die Republik eigentlich? Der 9. November, der 11. August oder der 6. Februar? Zum ersten „Geburtstag“ der Nationalversammlung rekapituliert das Jenaer Volksblatt das erste Jahr der parlamentarischen Demokratie. Am 6. Februar 1919 hatte der Volksbeauftragte Friedrich Ebert die „Verfassungsgebende Versammlung der deutschen Nationen“ eröffnet. Inzwischen ist viel passiert…

Simplicissimus - Zeichnung vom Dez. 1918

Vor einem Jahr.

Am 6. Februar ist ein Jahr verflossen seit der ersten Sitzung der Nationalversammlung. Viel schwere Arbeit liegt hinter ihr und schwere Mühen hat sie noch zu überwinden. Aber sie kann an ihrem Jahrestag doch auf manchen Erfolg zurückblicken, wenn auch noch immer harte Sorge auf unserm Vaterlande lastet: in politischer und nicht minder in wirtschaftlicher Beziehung, in der inneren, wie in der äußeren Politik.

Als die Nationalversammlung vor einem Jahr in Weimar zusammentrat, sah sie sich vor allem vor vier Aufgaben gestellt: den Friedensvertrag mit der Entente zum Abschluß zu bringen, die Reichseinheit zu erhalten, dem neuen Reiche eine neue Verfassung geben und seine Finanzen zu ordnen.

Der Friede ist da. Endlich! Wie anders ist er ausgefallen, als wir alle uns dachten! Ein Krieg nach dem Kriege! So wird er auf der Gegenseite aufgefaßt. Seine Bedingungen sind für uns natürlich unerfüllbar; sie sind deshalb von der großen Mehrheit der demokratischen Fraktion auch als unannehmbar angesehen worden. Trotzdem müssen wir heute dazu beitragen, ihn, soweit unsere Kräfte reichen, zu erfüllen.

Erfreulicher war die Lösung der zweiten großen Aufgabe der Nationalversammlung: die Reichseinheit ist uns erhalten geblieben, so tief schmerzlich die Wunden sind, die uns der Frieden mit dem erzwungenen Verzicht auf kerndeutsche Gebiete geschlagen hat.

In der neuen Reichsverfassung ist, wenn auch nicht alle Wünsche erfüllt sind, ein Werk geschaffen, auf das die Deutsche demokratische Partei, deren Vertreter in der Regierung wie in der Volksvertretung hierbei als Führer vorangingen, voll Genugtuung blicken kann. Jetzt gilt es, nicht bloß diese freiheitliche, auf demokratischer Grundlage aufgebaute Verfassung gegen Anstürme von rechts und links zu schützen, sondern auch ihre Vorschriften durchzuführen, sie dem Volke bekannt zu machen und in ihrer Bedeutung voll zum Bewußtsein zu bringen. Noch ist der Inhalt der großen Masse viel zu wenig vertraut. Erst in Jahren wird er dem heranreisenden Geschlecht allmählich in Fleisch und Blut übergehen. Zunächst wird es bei den nächsten Wahlen darauf ankommen, einen Block der verfassungstreuen Parteien zu bilden gegenüber den sonst sich gegenseitig erbittert bekämpfenden Parteien von rechts und links, die einmütig ein und dasselbe Ziel zu erreichen streben: die Beseitigung der neuen Reichsverfassung. Die heutigen drei Mehrheitsparteien werden alles daran setzen, daß dieser gemeinsame Wunsch der sehr ungleichen Gegner der Verfassung nicht erfüllt wird.

Für die Regelung der Finanzen müssen die Grundlagen von der Nationalversammlung noch erst geschaffen werden. Allzuschwer sind die Lasten, die durch den schrecklichen Krieg und den nicht minder furchtbaren Frieden uns erwachsen sind und die durch die noch längst nicht überwundene Arbeitsunlust vermehrt werden.

Vor wenigen Wochen haben wir am 13. Januar durch den erfreulicherweise mißglückten Anschlag auf den Reichstag den untrüglichen Beweis erhalten, wie klug vor einem Jahr die Einberufung der Nationalversammlung nach Weimar war. Nicht überall war damals Verständnis dafür vorhanden, daß die Volksvertretung nicht am Sitz der Reichsregierung tagen sollte, obwohl doch gerade die nur mit Mühe und nach schweren, blutigen, tagelangen Kämpfen unterdrückten Unruhen der Januartage 1919 gezeigt hatten, welch großen Gefahren in Berlin die Nationalversammlung ausgesetzt gewesen wäre. Vor einem Jahr verfügten die radikalen Elemente, die der heutigen Republik ebenso feindlich gegenüberstehen, wie einst dem monarchistischen System, noch hinreichend über Waffen, um in der Millionenstadt einen Versuch gegen den Reichstag mit erheblich mehr Aussicht auf Erfolg unternehmen zu können als heute. Inzwischen ist es dem am Wiederaufbau unserer Wirtschaft in erster Reihe beteiligten Parlament und seinen Vertretern in der Regierung gelungen, die Hoffnung auf Wiederherstellung der Ordnung in unserem Vaterlande zu stärken. Allmählich – leider viel zu langsam – aber doch immerhin ständig mehr gelingt es, die Arbeiter zur Arbeit zurückzuführen. Die Arbeitslust wächst und die Ueberzeugung durchdringt immer weitere Kreise, daß Deutschland ihne Arbeit, ohne angestrengte, stetige Arbeit aller Volkskreise rettungslos verloren ist.

Noch viel, sehr viel bleibt zu tun übrig, bis wir wieder auf geordnete Zustände blicken können. Aber die Nationalversammlung darf am Jahrestag ihres Zusammentritts das Verdienst für sich beanspruchen, daß sie als Stütze der Reichsregierung ehrlich und eifrig bestrebt gewesen ist, die Aufgaben zu lösen, die ihr gestellt sind. Wenn sie ihre Arbeiten noch nicht abschließen konnte: gerade die Parteien haben am wenigsten Recht, Vorwürfe zu erheben, die, anstatt freudig mitzuarbeiten an der Wiederaufrichtung des Vaterlandes, auf Schritt und Tritt bemüht waren, der deutschen Volksvertretung Steine auf den Weg zu rollen.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 6.2.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273504/JVB_19200206_032_167758667_B2_001.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00370925

 

Bild:

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/23/23_38.pdf