100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Deutschland das Auswanderungsland

Das hohe Bevölkerungswachstum im 19. und frühen 20. Jahrhundert führte zu einer Massenemigration, deren Ziel vor allem die sog. Neue Welt war. Der Erste Weltkrieg führte jedoch zu einer massiven Änderung der Einwanderungspolitik in den englisch- und französischsprachigen Kolonien. Die unabhängigen Nationen des spanisch-sprachigen Amerikas heißen aber weiterhin – mit Abstrichen – deutsche Auswanderer willkommen.

Im Auswanderungsbüro (von Felix Schlesinger)

Nachrichten für Ein- und Auswanderer. Verhältnismäßig günstig lauten die Nachrichten für Ansiedler aus Ecuador. Es gibt im Lande weite Gebiete, die auch für den Nordeuropäer klimatisch erträglich sind. Das Land ist sehr dünn bevölkert, allerdings waren bis vor dem Kriege auch die Verkehrsmöglichkeiten außerordentlich spärlich entwickelt. Die Industriearbeiterschaft soll über leidlich gute Gewerkschaften verfügen. – Chile. Auskunft in Auswanderungsangelegenheiten wird erteilt vom „Deutsch-Chilenischen Bund“ in Santiago de Chile, Casilla de Correro 345. – Der „Deutsche Volksbund für Paraguay“ hat seine Auskunftsstelle in Asuncion, Calle Presidente Franco 23. Die Aussichten für Auswanderer in Paraguay lassen sich kurz dahin zusammenfassen: Landwirte mit größerem Kapital haben gute Aussichten; solche mit geringem Kapital können auch vorwärts kommen, müssen dort aber schwerer arbeiten als in Deutschland, und Arbeiter oder Handwerker haben in geringer Zahl Aussicht, ein bescheidenes Auskommen zu finden. Soweit es auf die Regierung des Landes ankommt, ist ihr die vorstehend genannte zweite Kategorie von Einwanderern am meisten willkommen. Handwerker ohne jede Barmittel haben keinerlei günstige Aussichten. – Peru könnte noch vielen Ansiedlungslustigen die Möglichkeit dazu gewähren, jedoch ist auch hier ohne eigenes Kapital nicht vorwärts zu kommen. – In Australien wird „der Krieg mit anderen Mitteln“ munter fortgesetzt. So erklärte der Premierminister Hughes in einer früheren Versammlung in London: „Deutsche Interessen in unserer Mitte müssen zerstört werden, so verborgen oder festgewurzelt sie auch sind.“ Er arbeitet noch immer getreu diesem Programm. So soll nach neueren Nachrichten die australische Regierung beschlossen haben, Waren, die aus Deutschland oder Österreich stammen, in australischen Häfen alle Erleichterungen zu verweigern. Die Kosten der Lebenshaltung sind in Neuseeland laut „Economist“ vom Juli 1914 bis 1. November 1919 um 50 Prozent gestiegen. – Betreffs der Zulassung von Deutschen in englischen Kolonien ist die Bestimmung getroffen worden, daß jeder Deutsche, der darum nachsucht, einen Erlaubnisschein vom Gouverneur oder dem Kolonialstaatssekretär haben muß. Diese Bestimmung gilt zunächst für drei Jahre.

Quelle:

Volksstimme. Tageszeitung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands für den Freistaat Gotha und angrenzende Gebiete vom 10.2.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Auswanderung#/media/Datei:Felix_Schlesinger_Im_Auswanderungsbüro.jpg