100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Deutschlands „moralische Entwaffnung“

Der Deutsche aus Sondershausen berichtet von der letzten Sitzung des Französischen Parlaments und erläutert unter anderem die Erwartungen, die Deutschland entgegen gebracht werden und berichtet von Querelen innerhalb des Parlaments. Die von Frankreich nach dem Krieg intensivierte Politik der kolonialen Annexion wird nicht von allen Seiten mitgetragen.

Alexandre Millerand

Die französische Kammer

In der Interpellationsdebatte in der französischen Kammer ergriff zuerst Maurice Barres das Wort. Er verlangte die tatsächliche und moralische Entwaffnung Deutschlands und die strikte Ausführung des Friedensvertrags. Barres fragte, welche Mittel die Regierung gegenüber Deutschland zu ergreifen gedenke, im Falle es eine einzige der Verpflichtungen nicht erfülle. Im Rheinland finde man alte Beziehungen, die wiederangeknüpft werden könnten. Diese Beziehungen seien durch Preußen vernichtet worden. Alle Minister, namentlich aber die Minister für den öffentlichen Unterricht und für den Handel könnten für diese Annäherung arbeiten, indem sie in den Rheinlanden ein Vorzugszollsystem aufrichten, Eisenbahnen bauten und französische Schulen gründeten. Ein Sozialist ruft: Das ist eine versteckte Annexion. Barres erwidert: Wie denken nicht an Annexion, es handelt sich um Annäherungsversuche, um das Rheinland dem preußischen Einfluss zu entziehen, es handelt sich um die Sicherheit Frankreichs und der Welt. Ministerpräsident Millerand erklärte, seine Regierung werde sich nicht der Geheimdiplomatie bedienen. Frankreich wolle den Bevölkerungen nur eine gute Verwaltung und eine gute Justiz geben. Zu den Orientfragen übergehend, erklärte der Ministerpräsident, Frankreich werde nichts von seiner Tradition aufgeben. Als er gestern die Ausführungen von Cochin gehört habe, habe er geglaubt, ein Echo der Verleumdung zu hören, die die deutsche Regierung gegen das französische Werk in Marokko geschleudert habe. Die Sozialisten protestierten lebhaft und verlangen den Widerruf dieser Worte. Es entsteht ein minutenlanger Skandal, während dessen der Präsident Ordnungsrufe erteilt und vergeblich die Ruhe wiederherzustellen versucht. Millerand fuhr fort: Ich habe sagen wollen, und ich wiederhole: Man verleumdet Frankreich, wenn man ihm in Syrien, wie man es in Marokko getan hat, die Absicht zuschreibt, eine Unterdrückungs- und Eroberungspolitik zu betreiben. Millerand führte weiter aus, Cochin habe gestern hinsichtlich der Anteilnahme Englands an den Verhandlungen zwischen Sowjetrussland und Estland die falsche Behauptung aufgestellt, England bleibe dem Abkommen treu. Der Ministerpräsident sprach sodann über Polen und sagte, dass Polen, wenn es von den bolschewistischen Heeren angegriffen werde, auf die vollkommenste Mitwirkung der Alliierten rechnen könne.

Quelle:

Der Deutsche vom 09.02.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00246778/SDH_19376538_1920_Der_Deutsche_0141.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00307043.

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Alexandre_Millerand#/media/Datei:Alexandre_Millerand_(cropped).jpg