100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Erzbergers Ende“

Matthias Erzberger, Politiker der Zentrums-Partei, unterzeichnete am 11. November 1918 als Bevollmächtigter der Reichsregierung das Waffenstillstandsabkommen von Compiègne, wodurch der Erste Weltkrieg formell beendet wurde. Durch die Erzbergerschen Reformen erreichte er 1919/20 die Zentralisierung unter Steigerung von Steuereinnahmen zum Ausgleich der Reichsfinanzen. Daher wurde Erzberger zum Ziel rechter Propagandaangriffe, was zu bereits zu einem Mordanschlag auf ihn führte. Auch in der rechtsnationalen Jenaischen Zeitung steht er im Fokus der Kritik.

Karikatur des Simplicissimus

Erzbergers Ende.

Berlin, 24. Febr. Nach Bekanntgabe der gestohlenen Steuerakten des Reichsfinanzministers Erzberger in der Presse hat dieser unverzüglich beim Finanzamt in Charlottenburg eine Untersuchung gegen sich veranlaßt und damit seinerseits auf jede materielle Erwiderung in der Presse verzichtet, die der Untersuchung vorgreifen könnte. Gleichzeitig hat er den Herrn Reichspräsidenten gebeten, ihn bis zum Abschluß dieser Untersuchung von der Wahrnehmung der Dienstgeschäfte zu entbinden, damit auch nicht der Schein eines Druckes auf die Untersuchung des Finanzamtes fallen möge. Der Herr Reichspräsident hat dem Ansuchen des Reichsfinanzministers nunmehr entsprochen und angeordnet, die Untersuchung mit tunlichster Beschleunigung durchführen und ihm sofort Bericht über das Ergebnis zu erstatten. Mit der Stellvertretung des Ministers ist der Unterstaatssekretär Mösle beauftragt.

(Ueber den Vorwurf der Steuerhinterziehung s. 2. Blatt.)

Berlin, 25. Febr. In der „Deutschen Allgem. Zeitung“ wird ausführlich betont, daß es sich bei dem Dispens des Reichsfinanzministers Erzberger nur um etwas Vorübergehendes handele. Verschiedene rechtsgerichtete Blätter, wie die „Kreuzzeitung“, haben in dem Schritt der Suspendierung die ersten Anzeichen des Sturzes Erzbergers zu erkennen geglaubt. Der „Lokal-Anz.“ will erfahren haben, daß sich gestern die Demokratische Fraktion der Landesversammlung mit der Angelegenheit befaßt habe.

Demnach scheidet hoffentlich für immer aus dem öffentlichen Leben ein Mann, von dem der Staatssekretär Helfferich sagte, er sei ein Verhängnis für das Deutsche Reich und das deutsche Volk; dieser Mann müsse nicht nur als Minister, sondern überhaupt als Politiker aus unserm öffentlichen Leben verschwinden, wenn überhaupt noch eine Gesundung für uns möglich sein solle. Sicherlich hat er sein Amt nicht niedergelegt, ohne daß ein starker Druck auf ihn ausgeübt worden ist.

Es hat schwergehalten, Herrn Erzberger aus dem Sattel zu heben. Dieser Mann, der seit 1903 Reichstagsabgeordneter war und es rasch verstand, sich in seiner Fraktion und bei der Regierung Einfluß zu verschaffen, ist mit einer Skrupellosigkeit und einem Egoismus vorgegangen, der seinesgleichen in der deutschen Politik nicht gehabt hat. In den Jahren 1904 und 1905 war er der Urheber der „Kolonialskandale“; er fiel damals der Regierung in den Rücken mit Anschuldigen, deren Haltlosigkeit bald erwiesen wurde. Im Prozeß Pöplau wurde er nicht vereidigt mit der Begründung, daß er der Teilnahme an der in Rede stehenden Straftat verdächtigt sei. Zu gleicher Zeit fand ein Aktendiebstahl in den Räumen des Flottenvereins statt – Erzberger verweigerte als Zeuge die Aussage, mit der Begründung, daß er sich durch eine Auskunft die Gefahr einer strafgerichtlichen Verfolgung zuziehe. Helfferich hat nachgewiesen, daß Erzberger diese Methoden der „Materialbeschaffung“ auch später beibehalten hat.

Trotzalledem blieb Erzberger Vertrauensmann der Zentrumsfraktion, er brachte es in den Tagen der Revolution zum Minister und wurde der verantwortlichen Urheber des mörderischen Vertrages, der ein Waffenstillstand genannt wurde, aber nichts anderes war als eine Auslieferung des entwaffneten deutschen Volkes auf Gnade und Ungnade – oder vielmehr auf Ungnade, wie wir seitdem erfahren haben. Erzberger war es, der den Siegeswillen des deutschen Volkes gebrochen hat, der mit dem Hause Parma sich gegen Deutschland verschwor, der schließlich auch den Schmachfrieden abschloß und dann, als ganz Deutschland sich wand in Schmach und Schmerz, in die Weinstube ging und ins Stammbuch seinen Grundsatz eintrug: „Erst mach dein Sach, dann trink und lach!“ Wahrhaftig, er hat „seine Sache gemacht“ – Deutschland ist durch ihn arm und elend geworden, er selbst aber ist Millionär.

Trotzalledem ist er bis vor kurzem von der Regierungsmehrheit in Schutz genommen, erst neuerdings rücken die Demokraten von ihm ab. So mußten erst so ungeheuerliche Auflagen zusammengenommen wie der Helfferich-Prozeß und die Veröffentlichung über seine Steuerhinterziehungen. Helfferich aber hat, was nicht vergessen werden darf, monatelang kämpfen müssen, ehe er Erzberger zur Klageerhebung bewegen konnte.

Hoffentlich ist dieser Schädling nun erledigt für die Oeffentlichkeit. Die Nationalversammlung aber sollte nun darauf dringen, daß gegen ihn die Ministeranklage erhoben wird.

Erzberger verfügt ohne Wissen der Regierung über 500 Millionen Mark.

Lörrach, 23. Febr. Die Vereinigung der vertriebenen Elsaß-Lothringer hatte gegen die Ueberweisung einer Vorentschädigung von 500 Millionen Mark an die aus Elsaß-Lothringen vertriebene Schwerindustrie protestiert mit dem Hinweis, daß die vielen Gesuche der vertriebenen Elsaß-Lothringer um eine finanzielle Beihilfe des Reiches bisher immer noch unbeantwortet geblieben seien. Die Vereinigung erhielt gestern ein amtliches Telegramm mit der Mitteilung, daß die Zuweisung von 500 Millionen an die Schwerindustrie ohne Wissen der Reichsregierung vom Finanzminister Erzberger verfügt worden sei.

Aachen, 25. Febr. Der Hauptvorstand der Ortsgruppe Aachen der Deutschen Demokratischen Partei hat folgende Entschließung an die Reichsparteileitung in Berlin gerichtet: Im Hinblick auf die Wiederaufrichtung von Ordnung und Disziplin im deutschen Vaterlande erscheint es uns verhängnisvoll, wenn die Autorität der Regierung untergraben wird durch die Zugehörigkeit eines Kabinettsmitgliedes, dessen Grundstücke so verwerflich erscheinen, wie jene des Reichsfinanzministers Erzberger. Wir bitten die Reichsparteileitung daher, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Zusammensetzung des Kabinetts zu Bedenken besagter Art seinen Anlaß gibt.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 25.2.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_02_0121.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00376238

 

Bild:

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/24/24_51.pdf