100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Erziehung vor Strafe

In Weimar debattiert die Staatsbürgerliche Gesellschaft die Notwendigkeit einer grundlegenden Strafrechtsreform. Straffällige Jugendliche und Kinder müssten resozialisiert und nicht lebenslang bestraft werden. Dies sind wegweisende Gedanken und 1923 wird unter der Leitung des Justizministers Gustav Radbruch (SPD) ein gesondertes Jugendstrafrecht kodifiziert.

Gustav Radbruch

Staatsbürgerliche Gesellschaft. Vergangenen Donnerstag hielt die Vorsitzende des Landesverbandes der Jugendgerichtshilfe für Sachsen-Weimar-Eisenach, Frau Gräfin Bose einen Vortrag über „Ursachen, Aufgaben und Ziele der Jugendgerichtsbarkeit“. Ausgehend von den Problemen, die sich bei jeder Erziehung Jugendlicher ergeben, die sich aber zu schier unüberwindlichen Schwierigkeiten auftürmen, wenn ungünstige Veranlagung bezw. Vererbung vorliegen, schilderte die Vortragende an Hand von Beispielen die seelische und sittliche Not der bedauernswerten Kinder, die in ungesunden Verhältnissen aufwachsen. Die Vortragende gab eine Uebersicht über die von Juristen, Psychiatern, Laien seit Anfang des 20. Jahrhunderts getanen Schritte, eine Reform vorzubereiten, die nunmehr sich in einem Gesetzentwurf kristallisiert habe. In der Vorermittlung durch gebildete, sozial empfindende Laien würde dem Richter eine sichere Grundlage geboten, die alles, was über Umwelt, Persönlichkeit, Gesundheit usw. zu wissen wünschenswert sei, einbezieht und sich gutachtlich über einen Strafaufschub äußert. Die gleichzeitig einsetzende Schutzaufsicht gäbe eine Gewähr für verständnisvolle und individuelle Behandlung und Ueberwachung des Kriminellen. In dem Entwurf zur Gesetzesreform wird ohnehin die Mitwirkung der Laien in viel größerem Umfange als bisher vorgesehen: Schöffengerichte, auch mit Frauen besetzt, sollen die jetzt von Land- und Amtsgerichte behandelten Fälle übernehmen; Jugendgerichte, bei denen die gesetzlich zu verankernde Jugendgerichtshilfe in bezug auf Vorverfahren und Verteidigung ein wesentlicher Bestandteil sein wird, können angeordnet werden. Dann würde die Tragik, das unreife, erziehungsbedürftige Menschen, die in den meisten Fällen nicht die zur Erkenntnis der Strafbarkeit ihrer Handlungen nötige Einsicht belaßen, und die so häufig nur ein Opfer ihrer Umgebung waren, ins Gefängnis kämen und ihr lebelang in Ketten ihrer Verfehlung in Gestalt der Eintragung ins Strafregister mit sich schleppen, fortfallen, und an ihre Stelle würde straffe staatliche Erziehung und Auferlegung von Wiedergutmachung des angerichteten Schadens treten. Denn keinesfalls erstrebt die Jugendgerichtshilfe eine sentimentale Straffreiheit; das muß immer wieder betont werden. – Schließlich gab die Vortragende noch einen kurzen Ueberblick über die Organisation der Jugendgerichtshilfe in Sachsen-Weimar-Eisenach und über das Ergebnis der bisher von ihr bearbeiteten Fälle, welches berechtigt, mit Hoffnung auf die weitere Tätigkeit zu blicken.  – An der Diskussion beteiligten sich u.a. Herr Dr. Tille, der Erfahrungen als Schöffe an einem Dresdner Amtsgericht gab und dessen Ausführungen seine idealistische Weltanschauung spiegelten, welcher Herr Dr. Kahle seine mehr materialistische durch Hervorhebung der Vererbungstheorie entgegensetzte. Herr Superintendent Stade sprach über seine als Gefängnisgeistlicher gewonnen Erkenntnisse und seine Erzählung des vollen Falles der Verurteilung eines 12 ½ Jahre alten „Mörders“, der die zur Erkenntnis der Strafbarkeit seiner Handlung erforderliche Einsicht nicht besessen habe, wird wohl den Zuhörern die Ueberzeugung gebracht haben, daß Jugendgerichtshilfe bitter not tut.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 26.2.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Radbruch#/media/Datei:RadbruchGustav.jpg