100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Es geht um jeden Pfennig

Der Gemeinderat von Sondershausen debattiert die Entlohnung städtischer Arbeiter. Es geht um Stundenlohnerhöhungen von wenigen Pfennig, aber dies ist angesichts der Tatsache, dass 7.000 Mark Einkommen im Jahr (!) ein sehr gutes Gehalt darstellen und die große Mehrheit mit weit weniger auskommen muss, eine sehr ernste Angelegenheit.

Stadtwappen von Sondershausen

Oeffentliche Sitzung des Gemeinderats.

(Schluß.)

Der Stundenlohn der städtischen Arbeiter.

Die Arbeiter sagen in einer Eingabe, bei den Verhandlungen über eine Beschaffungsbeihilfe hätten sie sich allerdings verpflichtet, vor Ablauf des Tarifes keine neuen Forderungen aufzustellen, es sei ihnen aber nicht mehr möglich, die immer weiter steigenden Kosten für den Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie erbitten daher für die Zeit vom 15. Januar bis 15. März eine Stundenlohnerhöhung, andernfalls würden sie den Tarif kündigen. Der Magistrat schlägt vor, den Arbeiter über 21 Jahre 40 Pfg., den andern 20 Pfg. Stundenzulage zu gewähren. G.-R. [Gemeinderat] Oertel unterstützt den Antrag. G.R. Kämpf findet die Abstufung nicht richtig, die Stadt sei mit 5 M. im Rückstand. Bei Lindner seien die Löhne viel höher gekommen, sie gingen über 20 M. Tagelohn hinaus. Weshalb kommt der Magistrat nicht nach? Es müßten 65 und 35 Pfg. bewilligt werden, damit die Industrielöhne erreicht werden. Ich erinnere nur an die künftigen Gebührnisse der Reichswehr in Höhe von 7.800 M. für den Mann. G.-R. Zorn: Ich verstehe nicht, weshalb die Arbeiter nicht einen bestimmten Satz beantragen. Mit den Sätzen des Magistrats ist nicht auszukommen. Eine Kommission sollte mit den Leuten verhandeln. G.-R. Oertel: Das könnte die bereits vorhandene Kommission besorgen. G.-R. Gerig: Den Arbeitern liegt daran, recht bald etwas zu erhalten. Ich schlage 50 und 25 Pfg. Stundenlohnerhöhung vor. G.-R. Dielau: Heute kostet 1 Pfund Fett 22 M. Dabei soll die Arbeitsleistung gesteigert werden. Die Arbeiter werden ihre Arbeit mit Freuden leisten, wenn ihnen entgegengekommen wird. G.-R. Oertel stimmt den 50 und 25 Pfg. zu. – So wird beschlossen.

[…]

Siedlungsgelänge an den Deutschen Offizierssiedlungsbund in Berlin.

Der Bund wünscht Gelände am Bahnhofswege, am Franzberg, überlassen zu erhalten. Der Magistrat empfiehlt den Antrag nicht, da der Bund nur von Fall zu Fall, wie er Siedlungen schafft, Zahlung leisten will. Die Straßenbaukosten würden sehr hoch sein. Der Bund wäre an die hiesige Siedlungsgesellschaft verwiesen. G.-R. Schlufter führt aus, die Stadt habe das Gelände allerdings als Abfindung erhalten. Er schlägt vor, den Bund nicht ganz abzuweisen, sondern ihm anheim zu geben, über anderes Terrain in Verhandlungen einzutreten. Es brauche nicht in der Nähe des Bahnhofes zu sein, das Scherfental würde sich dazu eignen. G.-R. Dielau empfiehlt Ablehnung. Die Stadt müßte neue Schulden machen, sie habe aber zunächst für die Arbeiter zu sorgen. G.-R. Wenzel: Die Offiziere befinden sich vielfach in größter Not. Sie erhalten Pensionen, von denen sich bei 20 und 30 M. Tagelohn weit besser. Die Offiziere sind vielfach ältere Herren, die ohne ihre Schuld aus ihrer Laufbahn gedrängt sind. Gerade aus sozialem Empfinden sollte man ihnen entgegenkommen. Man sollte also weiter mit ihnen verhandeln, sie haben es verdient.

G.-R. Dielau: Nicht jeder Arbeiter hat 7.000 M. Einkommen. Die Offiziere können auch noch etwas tun, der Arbeiter muß auch arbeiten, bis er umfällt, nächstens vor Hunger, wie sich bald zeigen wird. Wer den Krieg verschuldet hat, soll auch die Folgen ausbaden. G.-R.- Weise: Die Offiziere haben im Kriege ihre Gesundheit geradeso geopfert, wie andere. – Der Antrag Schluster wird angenommen, es wird also mit dem Offizierbund weiter verhandelt, im übrigen wird er an die Siedlungsgesellschaft verwiesen.

Quelle:

Der Deutsche. Sonderhäuser Tageblatt und General-Anzeiger vom 16.2.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00246778/SDH_19376538_1920_Der_Deutsche_0168.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00307050

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Wappen_Sondershausen.png