100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Frau Richter

Die Weimarer Reichsverfassung sieht die Aufhebung von Berufsbeschränkungen für Frauen vor. Ausnahmeregelungen für weibliche Staatsdienerinnen darf es somit nicht mehr geben. Natürlich gibt es von Seiten der männlichen Fachkollegen allerlei (teils vorgeschobene) Bedenken. Die hiesige Artikelautorin betont aber auch die Vorzüge weiblicher Juristinnen.

Das Preußische Justizministerium

Weibliche Richter und Rechtsanwälte.

Von nicht geringerem Interesse für die gesamte Frauenwelt als seinerzeit die Zulassung der Frauen als Aerzte, ist heute die gleichfalls geforderte der Frauen zu den juristischen Berufen. Wenn sie sich bisher nur in geringem Maße dazu äußerte, so liegt diese Zurückhaltung vorwiegend wohl in unseren derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnissen begründet, die bald nach dieser bald nach jener Richtung hin das Hauptinteresse sowohl der Hausfrauen, wie auch der berufstätigen Frauenwelt fesseln. Namentlich der letzteren kann es nicht gleichgültig sein, ob ihr bei den durch die Reichsverfassung zugebilligten staatsbürgerlichen Rechten in einseitiger ablehnender Begründung durch die Männer ein Beurf verschlossen bleibt, zu dem sie vielleicht dieselbe Eignung wie diese besitzt. In anderen Ländern, wie Holland, Frankreich, Italien, Amerika usw., sind z.T. Frauen schon seit längerer Zeit erfolgreich sowohl als Rechtsanwälte, wie auch in einigen davon al Richter tätig, und auch England ist in jüngster Zeit dazu übergegangen, den Frauen die Richterlaufbahn zu erschließen.

Da wirkt es denn um so mehr befremdend, daß immer wieder Stimmen laut werden, die den deutschen Frauen die Befähigung zur juristischen Laufbahn absprechen. Nur als Laienrichter, als Schöffen und Geschworene will man sie in der Rechtspflege heranziehen, die eigentliche juristische Laufbahn ihnen aber nach wie vor verschlossen halten. Wohl besitzen die Frauen die Berechtigung zum Rechtsstudium auf der Universität und seit dem 5. Mai 1919 können nach einer Verordnung des Justizministers in Preußen jene Frauen, die die Rechte studiert haben, „um ihnen einen Abschluß des Studiums zu gewähren, zur ersten juristischen Prüfung zugelassen werden, wenn nicht im Einzelfall besondere Bedenken obwalten. Ihre Ernennung zu Referendaren erfolgt nicht.“ Die Bedenken, die behördlicherseits dagegen vorgebracht werden, sind ganz verschiedener Art. Einerseits fürchtet man die mangelnde Objektivität und überwiegende Subjektivität der Frau, zum anderen einen zu starken Zudrang zur juristischen Laufbahn, Gründe, die kaum als so schwerwiegend anzusehen sind, wie der viel einleuchtendere: daß verheiratete Frauen als Richter und Staatsanwälte nicht mit voller Hingabe ihres Amtes walten würden, da neben der Berufstätigkeit ihre Pflichten als Hausfrau, Mutter und Gattin ihre geistigen und körperlichen Kräfte zu stark absorbieren. Es fehlt denn auch nicht an Stimmen aus Juristenkreisen selbst, die in direkter Anerkennung der Befähigung mancher besonders tüchtiger Frau zu diesem Beruf die Forderung aufstellen, daß den Frauen, die das Rechtsstudium wählten, die Richterlaufbahn baldigst erschlossen werde, jedoch mit der Einschränkung, diese mit erfolgter Verheiratung nicht nur in persönlicher, sondern auch im Allgemeininteresse wieder aufgeben zu müssen. Gesetzt nun den Fall, dieser Auffassung wurde seitens der Regierung beigepflichtet und den Frauen außer der für sie geforderten Zulassung als Laienrichter auch die juristische Laufbahn ohne jedwede Einschränkung erschlossen, wie würde sie das nötige Vertrauen zu ihren Mitschwestern in derartigen Aemtern haben, um sich anstandslos auch deren Entscheidung oder eventuellem Rechtsspruch zu fügen? Hanni Lehmann, Göttingen, berichtet von einem Fall, daß eine Frau, die das Recht erhielt, weibliche Gefangene während der Untersuchungshaft aufzusuchen, von diesen „mit einer geradezu rührenden Freude begrüßt wurde.“ Rückhaltlos offenbarten sie ihr ihr Inneres und gaben ihr Einblick in die intimsten Angelegenheiten ihres Lebens. Das ist ja auch ganz erklärlich, wenn man bedenkt, daß hier die Frau der der Geschlechtsgenossin gegenübersteht, die ganz anders wie der Mann ihre weibliche Seelenregung versteht, deren Psyche Art von eigener Art ist, vor welcher deshalb auch ohne Bedenken der letzte Schleier gelüftet werden kann. Jedenfalls würde die Frau vorkommendenfalls, wo sie sich ganz allein ihr Recht suchen muß, sich viel lieber der Frau als Rechtsbeistand bedienen. Das zeigt z.B. die starke Inanspruchnahme der öffentlichen Rechtsauskunftsstellen, an denen Frauen tätig sind. Namentlich Ehescheidungsklagen werden viel lieber diesen, als den von männlichen Kräften geleiteteten Rechtsauskunftsstellen unterbreitet, ebenso so manche andere Klagesache. Dabei muß immer noch mit einer Neuerung gerechnet werden, die sich erst allmählich durchsetzt und deren unbedingte Notwendigkeit erst nach einer gewissen Zeit des Bestehens vollgültig bewiesen werden kann. Jedenfalls muß im Interesse der gesamten deutschen Frauenwelt gewünscht werden, daß auch in diesem Beruf bald die letzten hemmenden Schranken fallen, die deren vollem Auswirken im Dienste des Allgemeinwohls hinderlich sind, wenn nicht anders, dann mit dem nochmaligen Hinweis auf die Grundrechte der Verfassung, nach der Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Beamte zu beseitigen sind. Und bei der Geneigtheit der Regierung, allen Volkswünschen Rechnung zu tragen, ist anzunehmen, daß auch diese Forderungen Gehör finden werden.

Dr. Elvira Kabitzsch

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 19.2.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Juristenausbildung_in_Deutschland#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-H08110,_Berlin,_Preußisches_Justizministerium.jpg