100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Fressen die Wölfe nun Kreide?

Nach der Verhängung des Ausnahmezustandes ist vor allem die USPD-Presse von Verboten betroffen. Auf einer Reichskonferenz der Partei versucht sich der Parteivorsitzende Artur Crispien von der „putschistischen Taktik“ der Kommunisten zu distanzieren und stellt die USPD als parlamentarische Partei dar. Die mehrheitssozialdemokratische Volksstimme aus Gotha traut dem Braten aber nicht und verweist auf die besonders radikale USPD-Strömung in Gotha unter dem Vorsitz von Otto Geithner, der sich später tatsächlich der KPD anschließen wird. Crispien hingegen wird ab 1922 wieder zur SPD gehören.

Arthur Crispien (rechts) mit Wilhelm Dittmann im Jahr 1930 (beide SPD)

Reichskonferenz der Unabhängigen.

Aus Berlin wird uns berichtet:

Am vorigen Mittwoch fand in Berlin eine Reichskonferenz der Unabhängigen statt. Das Hauptreferat über die die innerpolitische Lage hielt Crispien. Mit allem Nachdruck wies er darauf hin, da  die Partei jede putschistische Taktik nach wie vor unbedingt verwerfe und keinen Moment lang daran gedacht hätte, in der gegenwärtigen Situation zu irgendwelchen als zu rein friedlichen Demonstrationen aufzufordern. Insbesondere in Berlin war ausdrücklich festgelegt, daß die Demonstranten durch Ordner und Vertrauensmänner rechtzeitig zum Abmarsch und zur Auflösung der Demonstration aufgefordert werden sollten. Eine unglückliche Verkettung von unvorhergesehenen Zufällen verhinderte das rechtzeitige Eingreifen der Ordner. So kam es zu bedauerlichen Zwischenfällen. Die Regierung benützte diesen Anlaß zu einer völligen Unterdrückung der U.-S.-P.-Presse, zu grundlosen willkürlichen Verhaftungen und zu einer Lahmlegung der Organisationen, wie sie schlimmer auch unter dem Sozialistengesetz nicht da war. Der Redner wies mit größtem Nachdruck darauf hin, daß in dieser Situation die Partei ihre Reihen eng zusammenschließen müsse. Es müsse eine Taktik verfolgt werden, die mit den wirklichen Machtverhältnissen rechne und nicht phantastische Hoffnungen auf einen über Nacht erfolgenden Zusammenbruch nährt. Überwunden werden müsse die Neigung, kommunistischen Gruppen in ihrer Taktik Gefolgschaft zu leisten. Ganz klar sei auch das Verhältnis zu den Gewerkschaften. Die U.S.P. verwerfe jede Absplitterungsbewegung und verlange von den Genossen, daß sie innerhalb der Gewerkschaften im Sinne der Parteibeschlüsse wirken. Die politische Partei müsse die Führung und Entscheidung über alle ihre Aktionen haben. Das schließt selbstverständlich nicht aus, sondern bedingt vielmehr wie bisher ein enges Zusammenarbeiten mit den Räten und den Gewerkschaften. Insbesondere wird es jetzt Aufgabe unserer Organisationen sein, die Wahlen zum Betriebsrätegesetz mit allem Nachdruck  zu betreiben und geeignete Vertrauensmänner in die Betriebsräte zu wählen. Konsequent müßte man auch von allen unseren Vertretern in parlamentarischen Körperschaften verlangen, eine klare Taktik nach festen sozialistischen Richtlinien zu befolgen und sich von antiparlamentarischen Stimmungen frei zu halten.

Einen besonderen Raum nahmen in der darauf folgenden Erörterung noch die Verhältnisse im Bergbau ein. Ein Vertreter der Bergarbeiter schilderte die schwierige Situation, in die die Bergarbeiter dadurch geraten seien, daß die Verbände sofortige Einführung des Sechsstundentages ablehnen und die Regierung alle Machtmittel bereit gestellt hat, um eine Streikbewegung niederzuschlagen. Der betreffende Delegierte wies darauf hin, daß es sich um eine rein wirtschaftliche Bewegung handle, in der alle Bergarbeiter von den Unabhängigen bis zu den Christlichen ursprünglich einig waren, da sie die Überzeugung hätten, daß durch die Verkürzung der Arbeitszeit bei Einlegung von vier Schichten keine Verminderung der Kohlenproduktion eintreten würde.

Die Konferenz erkannte die Forderung der Bergarbeiter als berechtigt an und erhob scharfen Protest gegen die Verhaftung von Däumig und anderer unabhängiger Führer.

Grabstätte Otto Geithners in Gotha

Die Unabhängigen geben sich also wieder einmal als die Harmlosen. In der „gegenwärtigen Situation“ haben sie nur an friedliche Demonstrationen gedacht. Ihren kommunistischen Freunden innerhalb und außerhalb ihrer Reihen gegenüber wird der Ton auf das Wörtchen „gegenwärtig“ gelegt; ein listiges Augenzwinkern dazu deutet an, für welch kluge Taktiker die Uzis sich halten. Man wird den Unabhängigen kein Unrecht tun, wenn man ihre ganze Reichskonferenz und ganz besonders den Bericht, den sie darüber herausgegeben haben, als taktisches Manöver ansieht. Die Redaktionskommission hat viel Zeit auf die zweckentsprechende Abfassung verwendet. Mittwoch war die Konferenz und Montag erschien der Bericht, der eine eingehende Betrachtung verdient. Das Verlangen Crispiens, man solle eine Taktik verfolgen, die den tatsächlichen Machtverhältnissen Rechnung trägt, die Absage an die kommunistischen Gruppen und die Antiparlamentarier, die leise Verspottung derjenigen, die auf einen Umschwung über Nacht hoffen, soll der Regierung zeigen, daß die U.S.P. doch gar nicht so gefährlich ist und deshalb die Zeitungsverbote aufgehoben werden können. Vorsichtshalber hat man all die schönen Redensarten nur Crispien sprechen lassen – später und den sicher höchst verwunderten Mitgliedern gegenüber kann man dann sagen, das alles ist nur die persönliche Meinung Crispiens. Die sonst so resolutionsfrohen Unabhängigen haben diesmal auch gar keine Entschließungen gefaßt, die sagen würde, daß die Reichskonferenz den Anschauungen Crispiens beigetreten ist. Ebensowenig läßt der Bericht etwas von einer Diskussion verlauten. Sollen die Geyer, Koenen geschwiegen haben? Soll Otto der Große von Gotha die Ohrfeigen so ruhig eingesteckt haben? Nicht einmal antiparlamentarisch gestimmt darf man nach Crispien mehr sein, man soll nicht mehr von dem „Kasperltheater Nationalversammlung“ reden dürfen? Den Kommunisten und kommunistelnden Gruppen soll man nicht mehr gut Freund sein dürfen? Wie soll da der unentwegte Otto die Abwanderung nach links aufhalten, zumal er doch selbst zwei linke Füße hat! Otto und seinen Getreuen ist doch sicherlich jener Kommunist viel sympathischer, der am Sonntag bei den Kriegsbeschädigten in Berlin erklärt hat, man müsse bei der Übernahme der Diktatur sich besonders der Intellektuellen versichern, die alle gegenrevolutionär gesinnt seien und wenn es nicht anders gehe, sie auch „abkehlen“ [d.h. die Kehle abschneiden, Anm.]. Aber nur keine Angst! Otto wird seinen Schäfchen auseinandersetzen, daß das alles gar nicht so gemeint war, daß die Reichskonferenz ganz anderer Meinung war, als es nach der „bürgerlichen“ Presse erscheint, daß immer noch ein jeder die Beschlüsse nach Mutter Michaelis „auffassen“ könne und daß im übrigen Zweideutigkeit in der Politik sehr „klug“ und notwendig sei – wenn die „tatsächlichen Machtverhältnisse“ es verlangen.

Dem Referenten über die Sechsstundenschicht der Bergarbeiter ist aber sicherlich gerade in dem Moment das Wort abgeschnitten worden, als er auseinandersetzen wollte, daß die Einführung der vier Schichten im Bergbau augenblicklich deshalb nicht möglich ist, weil die Wohnungsnot so groß ist, daß weitere Arbeiter einfach nicht unterkommen können, daß Arbeitslose deshalb nicht ins Ruhrrevier gehen, daß aber die Regierung durch ein großzügiges Siedlungsunternehmen Wohnungen für 10.000 Bergarbeiter schafft, und daß bis dahin – die Arbeiten sind in Angriff genommen – die Bergarbeiter sich gedulden müssen und daß auch die Unabhängigen im Ruhrrevier gegen die zwangsweise Durchführung der Sechsstundenschicht seien, weil sonst der wirtschaftlichen Zusammenbruch nicht aufzuhalten sei. Das hat nur ein unabhängiger Abgeordneter im preußischen Landtag versichert und es ist immerhin möglich, daß über solche Lebensfragen des deutschen Volkes innerhalb der U.S.P. kleine Meinungsverschiedenheiten bestehen, wie es Leute gibt, die meinen, nur aus dem Zusammenbruch und ewigem Elend käme das Heil!

Quelle:

Volksstimme. Tageszeitung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands für den Freistaat Gotha und angrenzende Gebiete vom 5.2.1920

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Crispien#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_102-10129,_Reichstagsabgeordnete_Dittmann_und_Crispien.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Geithner#/media/Datei:Otto_Geithner-Grab-CTH.JPG