100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Grenzkampf mit dem Stimmzettel

Der Versailler Vertrag sah in mehreren deutschen Grenzregionen mit einem hohen Anteil von sprachlichen Minderheiten Volksabstimmungen vor. Ähnlich wie bei der Strafverfolgung von (deutschen) Kriegsverbrechern wurde hiermit völkerrechtliches Neuland betreten. Dementsprechend neu und teilweise ungerecht kam die Maßnahme den Zeitgenossen und Zeitgenossinnen vor, wie der hiesige Artikel der linksliberalen Reichstagsabgeordneten Getrud Bäumer zeigt. Aber der Stimmzettel ist immerhin ein besseres Mittel, um eine Streitfrage zu entscheiden, als ein weiterer Waffengang…

Deutsches Abstimmungsplakat von 1920

Die Deutschen im Abstimmungsgebiet.

Von Gertrud Bäumer, M.d.R.

Als der Krieg ausbrach, fühlten wir Zurückbleibende: Könnte ich doch auch diesen höchsten Beweis meiner Zugehörigkeit zu meinem Vaterlande bringen. Heute fühlen wir ähnlich für die Deutschen in den Abstimmungsgebieten: Gehörte ich doch zu ihnen, könnte ich doch mit ihnen das „Dennoch!“ eines unverbrüchlichen Deutschtums aussprechen, das Bekenntnis, das über Schmach und Not in Liebe und Stolz hinwegträgt.

Denn es ist uns bewußt: diese Abstimmung kann sein: Beginn einer inneren Aufrichtung, sie kann aber auch neue Steine auf unser Grab wälzen. Wie hundertmal suchen wir in dumpfen, ratlosem Schmerz nach der Stelle, an der wir anfangen können, aufzubauen. Und immer wieder stürzen neue Trümmer auf das mühselige Werk. Wir möchten handelnd bekennen können, daß wir trotz allem und trotz allem zu unserer Art, zu unserem Geist, zu uns selbst stehen. Aber wir können nur Notarbeit tun, von außen diktiert, unter dem furchtbaren Zwang der Umstände von einem Tag zum anderen uns forthelfen.

Die Deutschen im Abstimmungsgebiet sind hundertfach begnadet. Sie können etwas Entscheidendes, Wirksames, Weithinhallendes tun. In ihrer Hand liegt ein Stück moralischer Rettung, Aufrichtung der Ehre, unendliche Möglichkeit, über die ganze Heimat Trost und Glauben auszugießen. Ueberall müssen wir uns der Gewalt beugen, das Unwürdige erdulden, das Schmachvolle ertragen. Sie können – die einzigen – etwas Stolzes, Freies tun, sie können ihrer Gesinnung folgen.

Die Volksabstimmung ist im Plan der Entente ein Stück jenes heuchlerischen Kleides von Gerechtigkeit und Demokratie, das der Gewaltpolitik umgehängt wird. Ihre Durchführung wird alle Mittel benutzen, um unter dem Schein der Freiheit den Zwang walten zu lassen. Die Maßnahmen in Schleswig-Holstein zeigen das schon deutlich. Die Machtmittel – die wirtschaftlichen, die politischen, die militärischen – sind überall in der Hand derer, zu deren Gunsten nach dem Willen der Feinde die Wagschale sich senken soll. Wir wissen und ahnen die hundert Hemmungen, die dem freien Ausdruck der Volksmeinung in den Weg gestellt werden können. Es ist uns bewußt, von wieviel äußeren Bedingungen eine wirkliche Freiheit der Wahl abhängig ist. Und wir haben nicht wie bei den Reichstagswahlen die Möglichkeit, die Entscheidung wegen der Anwendung illoyaler Mittel nachher anzufechten.

Darum muß jeder Deutsche helfen, um den Machtaufgebot von drüben das Gegengewicht zu halten und dafür zu sorgen, daß keinerlei äußere Unzulänglichkeiten den vollen, unverkleinerten Ausdruck der deutschen Stimmung in den bedrohten Gebieten beeinträchtigen. Die äußere Hilfe, die dazu gehört, um Abstimmungswillige hinzuschaffen, die Aufklärung, die auch den letzten Berechtigten an entlegenster Stelle erreicht, alles, was an Organisation zum Zustandekommen einer vollzähligen auch bei größter innerer Bereitschaft gehört – diese ganze materielle Hilfe kann und muß von uns geleistet werden, von denen, die nicht selbst dabei sein dürfen, und doch, ach, so gern ihr „für Deutschland!“ in die Urne legen möchten. Es gibt diese Form, in der auch wir es tun können und zugleich zum Ausdruck bringen, was uns dieses Votum wert ist.

Und diese Hilfe, die wir leisten, sie ist zugleich unser Gruß an die Grenzmarken, denen für uns alle das Zeugnis anvertraut ist, daß wir weiter eine deutsche Nation sein wollen. Wir wollen sie halten, jeden einzelnen da draußen, der zu uns gehört, mit dem ganzen Aufgebot nationaler Kraft, dessen unsere erschöpfte Seele fähig ist. Wir wollen ihnen zeigen, daß wir an ihr Deutschtum glauben und an ihre Bereitschaft, was an ihnen ist, alle Versuche der Verfälschung und Verdunkelung der Volksmeinung zuschanden zu machen. Wir wollen dazu beitragen, daß in Welt und Geschichte ein kraftvolles Zeugnis – das überzeugendste, das zu geben in unserer Lage möglich ist – unseres deutschen Lebenswillens hineinklingt – ein Zeugnis, an dem Generationen ihre nationale Würde aufrichten können. Die Abstimmung soll, für die draußen und für alle Deutschen in Heimat und Ausland, das Wort Ulrich von Huttens bezeugen: „Ob ich nit mag gewinnen, noch soll man spüren Treu.“

*

Wer im Sinne der ergreifenden Worte, die hier eine deutsche Frau spricht, mithelfen will, einen günstigen Ausfall der Volksabstimmung zu sichern, der gebe sein Scherflein der „Grenz-Spende“. Einzahlungen können bei allen Banken oder auf Postscheckkonto Berlin Nr. 73776 erfolgen.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 17.2.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273513/JVB_19200217_041_167758667_B1_001.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00370934

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Volksabstimmung_in_Schleswig#/media/Datei:Afstemningsplakat3.PNG