100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Konzentrationslager“ für kriminelle „Ostjuden“

Auch in der Presse der Weimarer Republik wird eine Migrationskrise diskutiert. Es geht allerdings nicht um Millionen, sondern nur um einige Zehntausend, die meist während des Weltkrieges aus Polen einwanderten. Rufe, wonach diese Personen alle in „Konzentrationslager“ gesteckt und abgeschoben werden sollen, erteilt die preußische Regierung aber eine Absage. Lediglich „kriminelle Ostjuden“ müssten inhaftiert werden. Der Begriff Konzentrationslager wurde bereits vor dem Ersten Weltkrieg für Internierungsstätten verwendet und wanderte während des Krieges in den allgemeinen Sprachgebrauch.

Britisches "concentration camp" während des Burenkrieges um 1900

Die Ueberfremdung Berlins.

Bei einer Razzia der Sicherheitswehr in der Grenadierstraße in Berlin, der bekannten Schieberstraße, wurde festgestellt, daß die Mehrzahl der dort Schleichhandel treibenden, lichtscheuen Elemente Ausländer sind, die keine Legitimationspapiere bei sich führen. Anläßlich dieser Feststellung trat die hauptstädtische Presse von neuem in einen scharfen Kampf gegen die zugewanderten Ostjuden ein. Das preußische Ministerium des Innern legt nun Wert darauf, übertriebene Angaben über die Zahl der sich in Deutschland aufhaltenden Ostjuden entgegen zu treten. Nach einer Mitteilung des Ministeriums kann von 120.000 Ostjuden in Berlin nicht die Rede sein. Es dürften sich höchstens 30. bis 40.000 hier aufhalten. Auch soll die monatliche Zuwanderung nicht 3.000, sondern höchstens 1.000 betragen. Das Ministerium verkennt die Gefahr, die für Deutschland in dieser durchaus unerwünschten Zuwanderung liegt, nicht, sieht sich aber in der Möglichkeit, ihr entgegen zu treten, durch mancherlei Schwierigkeiten beschränkt. Eine Ausweisung der fremden Elemente ist deshalb nur schwer durchzuführen, weil Polen, ihr Ursprungsland, vielfach den Auswanderern die Pässe abnahm und sie ohne Pässe nicht wieder hereinläßt. Die Grenze nach dem Osten ist zurzeit aber fast völlig offen, da die Entente im oberschlesischen Gebiet nach Polen hin keine Sperrungen vornimmt. Es muß deshalb zwischen dem Abstimmungsgebiet und Deutschland eine neue Grenze errichtet werden, wofür bei der Beschränktheit der militärischen Kräfte nur unzureichende Mittel zur Verfügung stehen. Es ist bereits seit längerer Zeit der Plan erwogen, die unerwünschten Ausländer soweit sie nicht abgestoßen werden können, in fremden Kolonien zu sammeln. Die preußische Regierung steht auf dem Standpunkt, daß nur die kriminellen Elemente dort zusammengezogen werden sollen und daß Erwerbslosigkeit an und für sich nicht als genügender Grund angesehen werden könne, um den davon betroffenen Ausländern in ein Konzentrationslager zu stecken. Viele dieser Einwanderer finden in lebenswichtigen Betrieben, vor allem in der Schwerindustrie und der Landwirtschaft, wo Arbeitermangel herrscht, eine die deutsche Volkswirtschaft fördernde Beschäftigung. Die Lager für die kriminellen Fremden, die bereits vorbereitet sind, sind hinlänglich groß genug, um fürs erste ungefähr 7.000 Mann unterzubringen.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 19.2.1920


Bild:

https://en.wikipedia.org/wiki/Internment#/media/File:Boercamp1.jpg