100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Wahre Religion lässt sich in der Schule nicht einpflanzen.“

Der Volksrat tagt weiter und debattiert gleich zwei richtungsweisende Gesetzesvorhaben. Erstens braucht das kommende Thüringen eine einheitliche Notgeldwährung, die die monetäre Kleinstaaterei abschaffen soll. Zweitens braucht Thüringen ein einheitliches Schulgesetz, dass vor allem die Regelung des Religionsunterrichtes neu gestalten muss und gleichzeitig die Institution Schule demokratisieren soll. Die autoritäre Schule der Kaiserzeit soll (so der Reformwunsch) Geschichte sein.

Hermann Brill (im Jahr 1930)

Volksrat für Thüringen.

Das vorläufige Schulgesetz für Thüringen mit Stimmenmehrheit angenommen.

Einheitliches thüringer Notgeld.

Weimar, 11. Februar 1920.

Nach ½ 10 Uhr eröffnete Präsident Leber die Sitzung.

Vizepräsident Leven verlas eine Interpellation über die Haferpreise, die von Abgeordneten der Rechten und dem Abgeordneten Matthes eingebracht ist.

Weiter wies Präsident Leber darauf hin, daß in dem neugewählten Finanzausschuß nicht alle Staaten vertreten sind, z.B. Meiningen nicht. Es soll eventuell durch Austausch erreicht werden, daß sämtliche Staaten in dem wichtigen Ausschuß vertreten sind.

Hierauf gab es zwei sogenannte tatsächliche Berichtigungen der Gothaer Abgeordneten Wolff und Dr. Witzmann, denen der Präsident den Rat gab, die Angelegenheit im Gothaer Landtag auszufechten.

Nunmehr trat man in die Tagesordnung ein.

  1. Wahl des Petitionsausschußes.

Nach den getroffenen Vereinbarungen werden 9 Abgeordnete in den Petitionsausschuß gewählt. Sozialdemokraten: Lang, Grütze und Rennert. – Unabhängige: Heer und Kies. – Demokraten: Matthes und Dr. Mehnert. – Deutsch-Nationale: Reichardt und Kaiser.

  1. Erste Lesung des Antrages des Abg. Dr. Gutmann und Gen., betreffend die Ausgabe einheitlichen Notgeldes für die Gemeinschaft der thüringischen Staaten.

Abg. Dr. Guttmann begründete den Antrag, der von den Mehrheitssozialisten und den Unabhängigen mit unterstützt wird. Der Antrag lautet: „Der Volksrat wolle beschließen, der Staatsrat von Thüringen wird ersucht, für die Gemeinschaft der thüringischen Staaten einheitliches Notgeld bis zum Betrage von 20 Millionen Mark auszugeben und zwar 50- und 25-Pfg.Stücke in Papier und 10-Pfg.-Stücke in Metall, und für die allmähliche Einziehung des Notgeldes der Gemeinden usw. zu sorgen.“ Der Antragsteller wies auf die Vorteile einheitlichen Geldes in Thüringen hin, indem er darauf hinwies, daß einzelne Städte Thüringens sehr hohe Summen an Notgeld ausgegeben haben. Man möge dem Antrag zustimmen, zumal er auch ein gutes Propagandamittel für den Zusammenschluß Thüringens bedeute.

Dr. Krämer sprach sich gegen den Antrag aus, da er eine Schädigung der Gemeinden bedeute, die Gemeindenotgeld ausgegeben haben.

Staatsrat Benz sicherte zu, daß man dem Antrag entsprechen werde.

Abg. Metzschke sprach sich entschieden gegen den Antrag aus, der endlich mit der Vielgestaltigkeit bei den Zahlungsmitteln der verschiedenen thüringischen Staaten aufräumen kann. Man möge auf künstlerische Ausführung des neuen Geldes sehen.

Nach weiterer kurzer Debatte wurde beantragt, den Antrag gleich in allen Lesungen zu erledigen. Das geschah. Mit großer Mehrheit wurde der Antrag gegen die Stimmen der Abgg. Krämer, Höfer, Thümmel und v. Eichel-Streiber angenommen.

  1. Bericht des Verfassungs- und Gesetzgebungsausschusses über die Vorlage betreffend die vorläufige Regelung des Volksschulwesens in Thüringen.

Abg. Brill (U.-Soz.) war Berichterstatter. Er gab zunächst einen allgemeinen Bericht wie folgt:

Der Verfassungs- und Gesetzgebungsausschuß hat die Vorlage des Staatsrates von Thüringen im Beisein der zuständigen Vertreter des Staatsrats und unter Anhörung von Sachverständigen, insbesondere von Sachverständigen über die Erteilung des katholischen Religionsunterrichts, in zwei Lesungen eingehend beraten. Er ist in seiner Mehrheit zu dem Ergebnis gekommen, daß es zweckmäßig ist, nicht nur ein politisches Sperrgesetz für das Volksschulwesen, sondern eine vorläufige Regelung desselben in dem vom Staatsrat von Thüringen vorgeschlagenen Umfange zu erlassen. Er war sich dabei im einzelnen klar, daß die angestrebten Regelungen nur Richtlinien für die umfassende Materie des Schulrechts sein können, daß in vielen Punkten jetzt noch die Durchführung den einzelnen Gemeinschaftsstaaten, die erschöpfende Behandlung aber der künftigen Schulgesetzgebung des verfassungsmäßig konstituierten Staates Thüringen überlassen werden muß.

Der Berichterstatter ging dann auf die hauptsächlichen Aenderungen, die im Ausschuß vorgenommen worden waren, ein und verwies auf die Entschließungen, die der Ausschuß dem Plenum zur Annahme empfiehlt.

Man trat dann in die Generaldebatte ein.

[…]

Staatsrat Polz: Die Vorlage ist von größerer Tragweite, als viele glauben. Der Schwerpunkt liegt in den Paragraphen 10 und 14 (Religionsunterricht und Schulleitung). Der Redner ging auf schultechnische Einzelheiten des § 14 (Schulleitung) ein und erwähnte zum § 10 (Religionsunterricht), daß man hier wohl überhaupt zu einer Einigung nicht komme. Hier sprächen nicht nur Fragen der Weltanschauung mit, sondern vor allem solche der Pädagogik. Sie habe festgestellt, daß der breite protestantische Religionsunterricht, wie er bisher erteilt wurde, nicht zum Segen der Kinder wirkte. Es ist nicht zu erwarten, daß die protestantische Mehrheit der Bevölkerung die Religionsfrage im Sinne der katholischen Staatsbürger regelt. Die christliche Idee soll durchaus nicht ausgeschaltet werden, da sie die Grundlage unserer Kultur bildet. Seit zwei Jahrtausenden mühe man sich mit Weltanschauungsfragen ab und doch habe die christliche Religion nicht vermocht, die Kultur zu retten, die im Weltkriege zugrunde ging. Auch die Kirche als solche versagte völlig gegenüber dem Wucherer- und Schiebergeist, der trotz der eifrigen Religionsbetätigung bis zum Kriege eingezogen ist. Die wahre Religion müsse ein inneres Erlebnis sein, sie lasse sich nicht durch möglichst breiten Schulunterricht einpflanzen.

Hierauf war die Generaldebatte zu Ende. Gegen 12 ½ Uhr trat man in die Spezialdebatte ein. Die einzelnen Paragraphen wurden mit Stimmenmehrheit angenommen.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 12.2.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273509/JVB_19200212_037_167758667_B1_001.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00370930

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Brill#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1974-008-05,_Hermann_Louis_Brill.jpg