100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wann kommt der Crash?

Die Kursschwankungen an der Börse bereiten der Rhön Zeitung Sorgen vor einem eventuellen Kurs-Crash. Die momentane Attraktivität von Aktienwerten hängt eng mit der steigenden Inflation zusammen, die Sparbücher rasch entwertet und nicht jeder mit den immer wertloseren Geldscheinen seine Wohnung verschönern möchte.

Tapezierarbeiten während der Hyperinflation 1923

Die Hausse an der Börse

An der Berliner Börse hat seit einigen Wochen ein Haussetreiben eingesetzt, wie in den seltensten Zeiten der Hochkonjunktur. Kurssprünge von 20 bis 30 Prozent sind ganz alltägliche Erscheinungen geworden. Die Banken sind derart mit Arbeit überlastet, dass der Börsenverkehr durch Einschiebung mehrerer Ruhetage wesentlich eingeschränkt werden musste. Die Arbeitsbelastung ist jedoch durch die technischen Eingriffe nicht zu beseitigen. Die Ursachen liegen viel tiefer. Das Publikum ist von einem geradezu fanatischen Spekulationstaumel ergriffen. Wer irgendwie bares Geld zu liegen hat, legt es in Wertpapieren an, und zwar hauptsächlich in Auslands- und Industriewerten. Diese Papiere erfahren in den letzten Tagen eine geradezu schwindelerregende Kurssteigerung, bei der an eine rentable Verzinsung nicht mehr zu denken ist. Es sind dies höchst ungesunde Verhältnisse, die bei dem geringsten Ereignis zu einem verhängnisvollen Zusammenbruch der trügerischen Spekulation führen müssen.
Auf der anderen Seite kann man ein ständiges Sinken unserer Reichsmark wahrnehmen. Von Zeit zu Zeit hat es ja den Anschein, als ob die Valuta sich wieder zur Besserung neigen wollte, dich meistens ist es eine bittere Enttäuschung. Die sinkende Tendenz der Reichsmark kommt immer wieder zur Geltung, und man muss die bange Frage aufwerfen, ob es überhaupt noch möglich ist, die drohende Katastrophe aufzuhalten. Vor einiger Zeit war immer von Maßnahmen gegen das Valutaelend die Rede. Parlament und Presse forderten energische Maßnahmen. Die Regierung hat darauf eine Valutakommission einberufen, die durch Aufstellung verschiedener Richtlinien dem Valutaelend abzuhelfen bemüht ist und die eine internationale Valutaaktion für notwendig erklärt. Weiter sind wir aber noch nicht gekommen. Unterdessen geht die Entwicklung weiter ihren Gang. Man kann aber doch nicht annehmen, dass die zuständigen Stellen gewillt sind, untätig und widerstandslos die Gefahr eines Zusammenbruchs unseres Wirtschaftslebens auf uns zukommen zu lassen.
Handeln ist das Gebot der Stunde. Ehe es zu spät ist. Es geht um das Schicksal des deutschen Volkes. Rasche und sichere Entschlüsse sind notwendig, wenn wir nicht einem Chaos entgegentreiben wollen.

Quelle:

Rhön Zeitung vom 13.02.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00172673/RhoenZ_1920-0146.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00201146.

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Inflation_1914_bis_1923#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_102-00104,_Inflation,_Tapezieren_mit_Geldscheinen.jpg