100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Was ist normal, was ist Dada?

Gemischte Nachrichten aus Weimar und dem Reich. Ein neuer Weimarer Arbeitgeberverband konstituiert sich und möchte zur Gesundung der Wirtschaft beitragen. Die Evangelische Kirche sieht den Protestantismus in Österreich auf dem Vormarsch und das ehemalige Oberhaupt dieser Kirche – Wilhelm II. – gewinnt einen Gerichtsprozess gegen Dokumentarfilmer. Als Reaktion auf die Katastrophenpolitik des Kaiserreiches gründet sich eine neue Kunstrichtung: der Dadaismus als Zelebrierung der Sinnlosigkeit.

Zeichnung von Johannes T. Baargeld (1920)

Weimarer Nachrichten.

Weimar, Montag, den 16. Februar 1920

- Konstituierung des Arbeitergeberverbandes. Nach vielen Bemühungen ist es endlich gelungen, dem Arbeitergeberverband Weimar eine feste Gestalt zu geben. Der Verband Thüringischer Industrieller hat sich schon länger bemüht, auch in Weimar eine Vertretung zu schaffen, die die vielen Fragen auf dem Gebiete des Tarifwesens, der Arbeitsgemeinschaft, der Betriebsräte usw. für Weimar möglichst einheitlich regelt. Nach vorherigen Verhandlungen der stellvertretenden Syndici wurden am Freitag den 13. Februar, von der sehr gut besuchten Versammlung die Satzungen im ganzen angenommen und die Leitung des Verbandes in die bewährten Hände des Herrn Direktor Schramm gelegt. Es ist zu hoffen, daß der Verband, der natürlich auf dem Boden der Arbeitsgemeinschaft steht, durch Pflege eines guten Einvernehmens zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer dazu beitragen wird, Deutschland zum Aufstieg seiner schweren Not zu verhelfen.

- Evangelischer Bund, Am 12. d. M. fand im Gemeindehaus ein Gemeindeabend des Evangelischen Bundes statt. In seiner Begrüßungsansprache wies der Vorsitzende des Zweigvereins, Prof. Fink, darauf hin, daß altem Herkommen gemäß in der Nähe von Luthers Geburtshaus und Todestag eine Versammlung des Evangelischen Bundes stattfindet, zum Zeichen, daß Luthers Geist bei uns allezeit lebendig sein soll. Danach ergriff der Redner des Abends, Pfarrer lic. Hochstetter, Berlin, das Wort zu seinem Vortrage: „Deutsch-evangelische Nöte in Oesterreich“. Nach einer Gegenüberstellung des alten habsburgischen, jesuitisch regierten Oesterreich und des Oesterreich, das standhaft und opferwillig dem Deutschtum und dem evangelischen Christentum die Treue gehalten hat, schilderte der Redner die großen Nöte, in die dieses evangelische Deutschtum durch den Zusammenbruch geraten ist. Es ist zerstückelt, aufgeteilt unter die slawischen Staaten, die durch die Entente Gnaden selbstständig geworden sind. Diese aber gehen z.T. mit rigoroser Gewalt gegen das Deutschtum und den Protestantismus vor, denen sie doch erst ihre Kultur verdanken. Zu den völkischen Bedrückungen kommt die große allgemeine Not: die ungeheuere Teuerung und ihre Folgen: Verarmung, Hunger und Blöße, Krankheit und Tod. Diese furchtbare Lage wirkt natürlich auch auf die evangelischen Kirchgemeinden. Ihre Einnahmen sind nicht im Verhältnis zur Entwertung des Geldes gestiegen; infolgedessen fehlt es, trotz großer Opferwilligkeit der Gemeindeglieder, an allen Enden; in vielen Pfarr- und Lehrerhäusern ist die bitterste Not eingekehrt. Und doch scheint es, als ob gerade jetzt für die evangelisch-protestantische Kirche in Oesterreich eine Zeit der Ernte gekommen sei; die Uebertritte mehren sich: die große Not und Unsicherheit des Lebens läßt viele Menschen fragen nach dem, was ewiglich bleibt. Da ist es die Aufgabe des evangelischen Deutschlands, dieses in Oesterreich sich regende religiöse Leben evangelisch-protestantischer Prägung nach Kräften fördern, […]

 

Aus den Gerichtssälen.

Der Kaiserfilm-Prozeß.

Berlin, 15. Febr. Vor dem Moabiter Kriminalgericht wurde am Sonnabend wegen des Kaiserfilms verhandelt. Die Vorgeschichte dieses Prozesses ist bekannt. Es handelt sich um den von dem Schauspieler Ferdinand Bonn in Gemeinschaft mit der Handelsgesellschaft „Völkerbund“ hergestellten Film unter dem Namen „Kaiser Wilhelm II. Glück und Ende“. Auf Antrag des ehemaligen Kaisers wurde die Beschlagnahme des Films sowie der betreffenden Propaganda angeordnet. Die Beschwerde dagegen wurde vom Landgericht zurückgewiesen. Dem Verfahren schloß sich dann der Kaiser als Nebenkläger an. Rechtsanwalt Dr. Alsberg, bekannt aus dem Erzberger-Prozeß, übernahm die Wahrnehmung der Interessen des Kaisers. Der Staatsanwalt beantragte die Negative und alle Kopien des genannten Bildes zu vernichten und die übrigen Gegenstände zu beschlagnahmen. Der Kaiser sei zwar eine Person der Zeitgeschichte und Bildnisse von ihm dürften ohne seine Genehmigung verbreitet werden. Im vorliegenden Falle sei jedoch das berechtigte Interesse des Kaisers gröblich verletzt worden. Um dem Gericht ein Bild von der ganzen Sachlage zu geben, wurde der Film während der Verhandlung vorgeführt. Das Urteil des Gerichts ging dahin: Das Gericht hat keinen Zweifel darüber, daß auf dem Film, vermittelt durch einen Darsteller, das Bild des Kaisers erschienen ist. Es war also nur zu prüfen, ob nach § 28 Abs. 2 seine berechtigten Interessen dadurch verletzt worden sind. Dies ist dann geschehen, wenn jemandem die schuldige Achtung versagt wird, wenn insbesondere damit eine Kränkung verbunden ist. Nach dieser Richtung hin hat das Gericht gar keinen Zweifel: es erblickt in der Darstellung eine erhebliche Kränkung des Kaisers als Menschen. Ob die dargestellten Vorgänge wahr sind oder nicht, kommt hier nicht in Betracht; auch durch spätere Darstellungen wahrer Tatsachen könne einem Menschen eine Kränkung zugefügt werden. Somit hat der Kaiser ein Recht auf Vernichtung des Films und die zur Vervielfältigung und Vorführung ausschließlich bestimmten Vorrichtungen sowie alle Wiedergaben des Kaiserbildes aus dem Film sind zu vernichten. Die Kosten des Verfahrens trägt der Staat.

 

Vermischte Nachrichten.

* Was ist Dadaismus? Das Zentralamt der dadaistischen Bewegung in Deutschland, Berlin, Kantstraße 118, versendet folgende offizielle Kundgebung: Dada ist die vernünftigste Bewegung der Welt. Sie stellt den wirklichen Menschen dar, so wie er heute lebt, mit allem Unsinn und allen Zufälligkeiten unserer heutigen Kultur. Wenn man bedenkt, daß nach 6000 Jahren vergeblicher geistiger Anstrengung die Philosophie kläglich versagt hat, und daß die Naturwissenschaften uns ebensowenig ein festes Programm bieten konnten, muß man einsehen, daß Dada, geboren aus der Metaphysik eines glücklichen Augenblicks, die einzige praktische Religion unserer Zeit darstellt. – Ehe Sie abends sich der Pantoffeln entledigen und die Wärmflasche in Ihr Bett befördern, lassen Sie darum nochmals die Wahrheiten des Dadaismus an Ihrem geistigen Auge vorüberziehen. Was ist der Mensch anders als ein Paar Schuhsohlen, die der Asphalt zerschleißt? Was ist er anders als ein Motor, der nur auf den Augenblick zu warten hat, da ihm die Panne den Atem benimmt? Dada aber ist der Gleitflug der kosmischen Vernunft über Menschen und Dinge, über die Widrigkeiten des irdischen Jahrmarktes. Verlassen Sie Ihren Etat und die Wärme Ihres Familienofens mitsamt Ihrer ehelichen Zentralheizung und treten Sie Dada bei, denn Dada siegt mit Sicherheit.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 16.2.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Dadaismus#/media/Datei:Baargeld.jpg