100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wer wird der 29. US-Präsident?

1920 ist Wahljahr in den Vereinigten Staaten. Die größten Themen des Wahlkampfes kreisen um die Außenpolitik, aber auch innere Unruhen erschütterten das Land. Frauen dürfen zudem das erste Mal überhaupt wählen. Woodrow Wilsons Völkerbund-Initiative und seine Kriegspolitik sind hoch umstritten und seine Partei (die Demokraten) gehen nicht unbedingt mit einem Amtsbonus in den Wahlkampf. Das Ansehen des scheidenden Präsidenten hatte zusätzlich darunter gelitten, dass ein schwerer Schlaganfall, den Wilson im Spätsommer 1919 erlitten hatte und der ihn amtsunfähig machte, von seinem Umfeld verschleiert wurde.

Interessanterweise wird keiner der in diesem Artikel primär präsentierten Kandidaten eine zentrale Rolle im Wahlkampf spielen. Die Republikaner werden Warren G. Harding nominieren, während die Demokraten mit James M. Cox ins Rennen gehen. Die im Artikel erwähnten Kandidaten Coolidge und Hoover werden jedoch in späteren Jahren ins Präsidentenamt gewählt werden.

Der nächste Präsident.

Von Bodo Ronnefeld, New York.*)

* In Amerika macht sich in wachsendem Maße eine starke Strömung gegen Wilson geltend, die sich schon zu Vorschlägen für seine durch ein Notgesetz zu ermöglichende Absetzung verdichteten. Diese Stimmung ist wesentlich hervorgerufen durch das mit allen Mitteln sozusagen höfisch-dynastischer Interessenpolitik von seiner unmittelbaren Umgebung geübte Vertuschungssystem, das das amerikanische Volk über den Zustand seines Staatsoberhauptes im unklaren hält. Diese Darlegungen dürften unter diesen Umständen vielleicht eher Aktualität erlangen, als der Verfasser meint.

Wahlergebnis vom 2. Nov. 1920

Obwohl die Präsidentenwahl der Vereinigten Staaten erst in zehn Monaten und sogar die Parteikonventionen, auf denen die Kandidaten nominiert werden, in fünf Monaten stattfinden, beschäftigt die nächste Wahl und der mögliche Sieger das Land und anscheinend die ganze Welt in einem Maße, das wohl alles Frühere übersteigt. Die stärkere Teilnahme des Durchschnittsbürgers an der Politik, der durch Amerikas Teilnahme am Weltkriege aus seinem Schlummer aufgeweckt wurde und durch die Unrast im Lande und jenseits des Ozeans wach gehalten wird, und im Auslande Amerikas, bezw. richtiger Herrn Wilsons politisches Glück und Ende dürften die Hauptgründe für dieses außergewöhnliche Interesse sein.

Dazu kommt noch, daß anscheinend kein wirklich „großer“ Mann im amerikanischen Sinne da ist, dessen sicherer Sieg für die Nomination oder gar für die Wahl selber vorauszusehen wäre. Es gibt eine ganze Reihe von Kandidaten, die zum Teil recht tüchtige Leute sind, aber keiner ist einigermaßen überragend genug, um den anderen von vornherein das Wasser abzugraben.

Eins steht jedenfalls fest: Herr Wilson wird weder kandidieren, noch, falls etwa seine demokratische Anhängerschaft ihn doch aufstellen sollte – was aber ausgeschlossen scheint – gewählt werden. Nicht nur das ungeschriebene amerikanische Gesetz, nach dem auf Grund eines von George Washington gegebenen Vorbildes, kein Präsident mehr als zwei Amtstermine haben soll, sondern auch Wilsons schwere, noch immer vom Schleier dichtesten Geheimnisses umgebene Krankheit und sein politisches Schiffbruch in Paris sind ausschlaggebende Gegengründe dafür.

Der spätere Wahlsieger Warren G. Harding

Da die Republikaner als Partei die relative Stimmenmehrheit von allen amerikanischen Parteien haben, so ist die Möglichkeit eines republikanischen Wahlsieges natürlich in erster Linie in Betracht zu ziehen. Die Republikaner vertreten das konservative Element und haben sich oft recht stark reaktionär gezeigt, weil der Einfluß des Großkapitals diese Partei mehr als jede andere beherrscht. Dagegen besteht auch dieses Mal in der republikanischen Partei die Gefahr der Spaltung (die Roosevelt zum Urheber hatte) in zwei Gruppen, deren eine die alten Anhänger der „G. O. P“, lies: „Grand Old Party“ (Große alte Partei) sind, während die andere die liberalen Elemente um sich scharen und die alte „progressive Partei“ erneut ins Feld führen würde, dieselbe Spaltung, die Wilson zum Präsidenten machte obwohl er nur relative Stimmenmehrheit aufwies. In einem solchen Falle würden natürlich die Siegesaussichten der Demokraten erheblich größer sein, so daß vor dem Ablauf der im Hochsommer stattfindenden Partei-Konventionen völlige Ungewißheit herrschen muß – wenn die Spaltung nicht schon vorher eintritt oder durch Ausscheiden der fraglichen Kandidaten sicher vermieden wird.

Unter den republikanischen Kandidaten spielen die größte Rolle Generalmajor Leonard Wood und Senator Hiram Johnson. Wood, der als rangältester Offizier von rechtswegen – so sagen die Republikaner – die amerikanische Armee in Frankreich hätte führen sollen, ist als persönlicher Freund und politischer Schüler und Mitkämpfer „Teddy“ Roosevelts eine achtungsgebietende und zweifellos bedeutende Figur, deren politische Stärke schwerlich unterschätzt werden kann. Er ist zum Teil wegen der Bevorzugung des Generals Persching, ein ausgesprochener und unversöhnlicher Feind der Demokraten und vor allem Wilsons. Johnson ist die energischste Persönlichkeit, die die Republikaner aufzuweisen haben. Er ist ausgesprochen progressiv und zwar mehr, als Roosevelt selbst es war. Seine Gegnerschaft gegen Hughes bei der letzten Wahl trug viel dazu bei, Wilsons Sieg über den genannten republikanischen Kandidaten zu ermöglichen. Andere wesentliche republikanische Kandidaten sind Gouverneur Lowden von Illinois, Gouverneur Collidge von Massachussetts, Senator Harding, Senator Poindexter und Gouverneur Allen von Kansas.

Der 31. US-Präsident Herbert Hoover

Die Demokraten haben ebenfalls eine ganze Reihe von ehrgeizigen und fähigen Männern zur Auswahl. Obwohl gar nicht zur Partei als Organisation gehörig, ist der als Nahrungsmitteldiktator weltbekannte Bergingenieur Herbert Hoover kürzlich von der demokratischen und Wilson sehr nahestehenden „New York World“ als Kandidat ausgerufen worden, wobei dieses angesehene und einflußreiche Blatt sich den Anschein gibt, als sähe es in Hoover nur einen tüchtigen, bei schweren Problemen bewährten Mann, der fähig sein dürfte, der heutigen Schwierigkeit daheim und draußen leichter Herr zu werden als alle die anderen die mehr oder weniger „Berufspolitiker“ seien. Eine in deutschen Blättern verbreitete Meldung, nach der Hoover als Kandidat abgelehnt habe, ist, wie ich versichern kann, völlig aus der Luft gegriffen. Hoover hat in der Tat viele Anhänger, und wenn er von einer Partei, wahrscheinlich also der demokratischen, nominiert werden sollte, dürften auch viele unabhängige Stimmen für ihn abgegeben werden. Der bekannte Britenfresser Hearst, der größte Zeitungsmagnat der Welt, hat aber in dieses hoffnungsvolle Bild eine Bombe geschleudert, indem er behauptete, daß [Edward] Grey, der kürzlich sang- und klang abgedampfte britische Botschafter, die Hand bei der unerwarteten Ausposaunung Hoovers im Spiele gehabt hätte. Hoover, der tatsächlich mehr in englischen Ländern als daheim gelebt hat und schwer reich ist, sei ein ausgesprochener Britenfreund und deswegen von Wilson und der „Hofclique“ in Washington vorgeschoben worden. Der Sturm im Wasserglase der berufspolitischen Kreise tobt nun erheblich, und die Zeitungsspalten spiegeln diese Streitereien zur großen Langweile der weniger interessierten Leser wider. Wirkliche, d.h. der Partei zugehörige demokratische Kandidaten sind: Senator James M. Cox von Ohio, William G. McAdoo, der Schwiegersohn des Präsidenten Wilson, der im Kriege kaum ärmer geworden sein dürfte und ein gerissener Anwalt ist, Senator Robert L. Owen, der Indianerfreund mit indianischem Blute in den Adern, A. [Mitchell] Palmer, der das deutsche Eigentum während des Krieges verkauft hat und die Deutschenhetze, soweit eine solche amtlich stattfand, unter sich hatte. Senator Underwood, dessen Zolltarif weltbekannt ist, der oben erwähnte Zeitungskönig Hearst, der aber kaum Aussichten auch nur auf eine Nomination haben dürfte, der frühere Botschafter James W. Gerard, der zur Wilson-Gruppe gehört aber dem Publikum aus den Augen entschwunden ist, und schließlich William Jennings Bryan, der „ewige“ Kandidat. Daß Bryan noch politische Kraft zeigte sich kürzlich, als er sich entschlossen gegen Wilson in der Friedensvertrag-Streiterei aufgelehnt und viele Anhänger mit seinen Argumenten zu sichern verstanden hat. Wenngleich er selbst kaum als Kandidat in Frage kommt, so wird seine Unterstützung oder sein Widerstand unter Umständen das Schicksal eines Kandidaten entscheiden, denn er ist zweifellos der beste öffentliche Redner in Amerika.

Der 30. US-Präsident Calvin Coolidge

Für uns Deutsche werden die Wahlen, wie sie auch ausfallen, wenig Aenderung bringen. Sollte, was allerdings möglich wäre, nachdem Wilson dem Senat den Fehdehandschuh hingeworfen hat, der Völkerbund eine wesentliche Rolle bei den Wahlen spielen, so mag auch für Deutschland die Entscheidung von Wichtigkeit werden. Da nach den bisherigen Aussichten und Vorzeichen, die allerdings über Nacht eine Aenderung erfahren können, Wood und Hoover die meisten Aussichten haben, in den Endkampf kommen. Johnson und McAdoo dann als nächste in Frage kämen, wird es gut sein, die öffentlichen Aeußerungen diese s vierblättrigen Kleeblattes in den nächsten Monaten zu verfolgen und daraus Hoffnungen oder Enttäuschungen zu sammeln. Ein ausgesprochener Deutschenfreund ist jedenfalls nicht unter den Kandidaten. Und wenn Hoover mehr Sympathien für unser Vaterland haben sollte, weil er die Kriegsnot aus eigenen Augen gesehen hat, so wird er doch mit dem Blick und Gehirn des Geschäftsmannes, nicht mit dem Herzen des Mitfühlenden seine Politik entscheiden, falls er die Gelegenheit dazu bekommen sollte.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 28.2.1920

 

Bilder:

https://en.wikipedia.org/wiki/1920_United_States_presidential_election#/media/File:1920_Electoral_Map.png

https://en.wikipedia.org/wiki/Warren_G._Harding#/media/File:Warren_G_Harding-Harris_&_Ewing.jpg

https://en.wikipedia.org/wiki/Calvin_Coolidge#/media/File:Calvin_Coolidge_cph.3g10777_(cropped).jpg

https://en.wikipedia.org/wiki/Herbert_Hoover#/media/File:President_Hoover_portrait.jpg