100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wie du mir, so ich dir!

Die Jenaische Zeitung berichtet von einem Vorfall auf See im August 1918, bei dem schiffbrüchige deutsche Soldaten von englischen Schiffen zunächst nicht aus Seenot gerettet und später zur Preisgabe deutscher Kriegsgeheimnisse genötigt worden seien. Auf der anderen Seite des Kanals vertritt man die völkerrechtliche Auffassung, dass aufgrund der zahlreichen Angriffe auf zivile Schiffe prinzipiell alle deutsche U-Boot-Kapitäne Kriegsverbrecher seien. Besonders verlustreich war etwa die Versenkung des britischen Passagierschiffes RMS Lusitania 1915 mit 1.198 Toten.

Zeitgenössische Zeichnung der Untergangsstelle der Lusitania

Englands Kriegsverbrechen

Am 3. August 1918 geriet „U.-B. 53“ gelegentlich einer Fernunternehmung im Mittelmeer in ein Netz und erlitt durch Sprengpatronen so schwere Beschädigungen, dass der Kommandant sich entschließen musste, das Boot zu versenken.
Die feindlichen Bewachungsfahrzeuge dampften sofort mit hoher Fahrt heran, machten aber wieder Kehrt, nachdem „U.-B. 53“ gesunken war, ohne sich um die überlebenden zu bekümmern. Ein englischer Zerstörer fuhr in nächster Nähe an den im Wasser schwimmenden Leuten vorüber, traf jedoch keinerlei Rettungsanstalten. Es war 7 Uhr abends und noch taghell. – Für die schiffbrüchigen folgten lange qualvolle Stunden. – Endlich gegen Mitternacht näherte sich ein englischer Zerstörer und setzte Boote aus, um die überlebenden an Bord zu nehmen. Zehn Mann er 37köpfigen Besatzung hatten jedoch inzwischen den Tod durch Ertrinken erlitten. – Sogar noch beim Rettungswerk kam die Grausamkeit des Feindes zum Ausdruck. Die englischen Matrosen tauchten zunächst die Schwimmenden wiederholt unter Wasser und stellten ihnen jedes Mal, wenn sie an die Oberfläche gezogen wurden, eine wichtige Frage in der unzweifelhaften Absicht, von den Leuten in ihrer Todesangst den Verrat militärischer Geheimnisse zu erpressen. – Der Kommandant des U-Bootes, den ein englischer Matrose mit dem Bootsriemen zu erschlagen drohte, entging nur durch seine Geistesgegenwart der Gefahr, indem er sich kurz entschlossen an Bord des Rettungsbootes schwang.
An Bord des Zerstörers erfuhren die Geretteten, dass derselbe Zerstörer sie aufgenommen hatte, der nach dem Untergang des U-Bootes so dicht an ihnen vorbeigefahren war. Als Erklärung für das unmenschliche Verhalten wurde angegeben, man hätte die im Wasser schwimmenden Leute wohl gesehen, doch der Kommandant hätte zunächst seine Aufklärungsfahrt beenden wollen.
Der Kommandant des „U.-B. 53“ wurde an Bord eines englischen Kreuzers gebracht, dessen Kommandant ihn mit den Worten empfing: „Sie wissen, ich bin berechtigt Sie zu erschießen, zu erhängen oder sonst wie um das Leben zu bringen. Das werde ich auch tun, wenn Sie Ihr Geschick nicht dadurch abwenden, dass sie uns Aussagen machen. Falls sie uns wichtige Angaben machen, sind wir sogar bereit, Sie zu entschädigen.“ Als der deutsche Offizier dieses Ansinnen entrüstet zurückwies, wurde er in einem kleinen Raum neben der Maschine eingesperrt, in dem er bei unerträglicher Hitze und Stickluft mehrere Tage lang die größten Qualen zu erdulden hatte.
Auch die übrigen Überlebenden vom „U.-B. 53“ hatten eine längere Leidenszeit in verschiedenen Gefängnissen durchzumachen, bevor sie einem Gefangenenlager zugeteilt wurden. Nach jedem Verhör steigerte sich die Härte ihrer Behandlung.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 18.02.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_02_0096.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00376238.

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/RMS_Lusitania#/media/Datei:Track_of_Lusitania.jpg