100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wird ganz Asien bolschewistisch?

Jetzt etwas Geopolitik. Die Rote Armee hat den russischen Bürgerkrieg so gut wie für sich entschieden und Lenins Truppen bedrohen nun die Nachbarländer. Die Weimarische Landes-Zeitung macht sich Gedanken über das Ende des Britischen Weltreiches und die drohende Bolschewisierung ganz Asiens. Diese Ängste wirken übertrieben aber angesichts der späteren Ausbreitung des Kommunismus vor allem in Ostasien sind die Gedanken nicht völlig abwegig. Die Türkei wird sich unter der Führung von Mustafa Kemal – später „Atatürk“ genannt – aber nicht nach Norden, sondern nach Westen orientieren.

Kemal Atatürk im Jahr 1934

Vorderasien und die Weltpolitik.

In Vorderasien ist augenblicklich eine Entwicklung im Gang, die für die Gestaltung der politischen Zukunft der ganzen Welt von entscheidender Bedeutung werden kann.

Die Entente hat die Türkei so maßlos unwürdig behandelt, daß die nationalistische türkische Partei, nachdem sie durch den Block der Gemäßigten abgelöst worden war, ganz von selbst, als eine natürliche Reaktion auf die Erdrosselungsabsichten der Entente wieder an das Ruder kam. Es ist das, nachdem die führenden Männer dieser Partei die mit Recht Verhaßtesten der Türkei waren, ein klares Zeichen der Verzweiflung und des fanatischen Entschlusses zum Kampf für die Unabhängigkeit. Das Charakteristische dieser Bewegung, die militärisch in Anatolien von Mustapha Kemal, in Nordpersien (Aserbaidschan) von Enver Pascha geleitet wird, ist ihre politische Anlehnung an den Bolschewismus.

Die Entwicklung in Rußland hat gezeigt, daß der Bolschewismus nicht starr dogmatisch, sondern sehr wohl imstande ist, nationalistische Motive aufzunehmen und militärisch auszuwerten. Die bolschewistischen russischen Heere haben, so viel dies auch bestritten wurde, militärisch doch die Oberhand behalten, weil sie schärfste Disziplin besaßen, gut geführt und rücksichtslos gut verpflegt waren, abgesehen davon, daß in ihnen die stärkere Idee lebte. Diese Idee ist in ihrem Kampfe gegen den Ententekapitalismus den Türken, Arabern, Persern, Afghanen und den Bewohnern Indiens durchaus sympathisch und verständlich. Je mehr die Mohammedaner erkennen, daß im letzten Grunde rein kapitalistische Gründe für England und Frankreich in Vorderasien maßgebend sind, desto leichter und durchgreifender wirkt die bolschewistische Propaganda im Islam.

Diese Propaganda wird gestützt durch drei große bolschewistische Armeen, die im Kaukasus, in Westturan und in der Gegend des Samarkand stehen [d.i. östlich des Kaspischen Meeres in Zentralasien, Anm.]. Die operativ-politischen Aktionsradien dieser Armeen ergeben sich ohne weiteres.

Die Kaukasusarmee, die die Engländer schon aus Baku vertrieben hat, bildet für die nationalistischen Insurgenten in Türkisch-Armenien und Nordpersien den gegebenen Rückhalt. Ob es gelingt, die Armenier zum Bolschewismus und zum Kampf gegen die Entente zu gewinnen, erscheint fraglich. Der Rassenhaß zwischen Türken und Armeniern ist zu groß, und die Hoffnung der Armenier, durch die Entente noch einmal in ihre Rechte eingesetzt zu werden, besteht noch – wenn auch seit dem Desinteressement Amerikas und dem zögernden Verhalten Englands und Frankreichs in der armenischen Frage nur mehr sehr schwach. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieses christliche, außerordentlich talentierte und kulturstarke armenische Volk, d.h. seine spärlichen Reste, nunmehr in den Wellen der bolschewistischen Erhebung Vorderasiens ganz zugrunde geht und für immer versinkt.

Historische Karte der Turan-Region

Die turanische Rote Armee bedroht die Linie Teheran-Mesched [also den Norden des heutigen Iran, Anm.] und propagiert in Persien, in das sie Kavallerie schon vorausgesandt hat, mit Erfolg die Erhebung. England trägt, wenn die persisch-nationalistische Erhebung gelingt, selbst deren Schuld.

Es hat mit seinem wucherischen persischen Vertrag die großen Sympathien, die es in Persien hätte haben können, sich verscherzt. Eine weitere operative und politische Kraftlinie geht von der bolschewistischen Armee in Turan in Richtung nach Afghanistan und findet Möglichkeiten konzentrischer Einwirkung bei der Roten Armee von Taschkent-Samarkand.

England hat seinen afghanischen Krieg von 1918 abgebrochen, das heißt gründlich verloren. Die Beherrschung aller Kabel und aller großen internationalen Nachrichtenlinien durch England ermöglicht es, diesen verlorenen Krieg der übrigen Welt zu verschweigen. Heute ist Afghanistan, gestärkt von bolschewistischem Einfluß, kräftiger als je und bereit und fähig, die Tür nach Indien für den Eintritt des Bolschewismus zu öffnen. Die Nachrichten, die aus Indien kommen, lassen als sicher annehmen, das sowohl eine nationalistische als auch eine bolschewistische Bewegung gegen England im Gange sind. Für Indiens Revolutionierung ist heute noch die gleiche Frage entscheidend, die nicht für die große indische Revolution entscheidend war, nämlich die Versöhnung der Hindus mit den Mohammedanern. Gelingt sie, ist es möglich, diese beiden die Wagschale zu Englands Gunsten balanzierenden Kräfte zu vereinigen, dann hat Englands letzte Stunde in Indien geschlagen. Und diese Einigung ist auf dem Boden des Bolschewismus, in der Form, zu der er sich durchgerungen hat, möglich.

Es ist ohne jeden Zweifel die dämmernde Erkenntnis dieser enormen Gefahr, die England den Frieden mit Sowjetrußland suchen läßt. Aber es ist möglich, daß auch ein Frieden mit Rußland die Bewegung in Asien nicht mehr zum Verebben bringt. Und dann steht England vor dem gewaltigsten Kampf um seine Existenz, den es je zu führen hatte. Ist es nicht in dieses Programm gehörig, daß Amerika sich schlau aus allen vorderasiatischen Verbindlichkeiten gezogen hat? Ist es nicht klar, daß es, wenn dieser Kampf ausbricht, freie Hand haben will?

Der Bolschewismus hat ein unverkennbares Geschick im Militärischen bewiesen. Hier stehen ihm viele Hunderte von Millionen Menschen zur Verfügung, Menschen, die ihrer Kraft in dem Moment bewußt werden, wo eine klare Idee ihnen ein alle übrigen Widersprüche überbrückendes Programm gibt.

Aus Vorderasien ist also die Infektion Indiens naheliegend und möglich. Aber auch nach der anderen Seite, nach Aegypten, ist diese Infektionsmöglichkeit gegeben. Und über Aegypten ist der schwarze Kontinent zu infizieren, in dessen Bevölkerung England durch seine Kämpfe gegen Deutsche in den deutschen Kolonien, Frankreich durch die Aushebung seiner Negerarmeen den Bann der Superiorität der weißen Rasse gebrochen haben. Beide Reiche werden noch mit Entsetzen gewahr werden, wie sehr ihre Autorität als weiße Völker dadurch gelitten hat, daß sie mit Hilfe von Schwarzen gegen andere Weiße gefochten haben.

Unerhörte Perspektiven eröffnen sich, wenn man die Kämpfe in Vorderasien ihren Welt- und rassepolitischen Wirkungsmöglichkeiten nach betrachtet. So aber müssen sie betrachtet werden, denn schon ahnen ungezählte Millionen diese weltumwälzenden Möglichkeiten.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 22.2.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Mustafa_Kemal_Atat%C3%BCrk#/media/Datei:Atatürk_Kemal.jpg

https://en.wikipedia.org/wiki/Turan#/media/File:Iran_Turan_map_1843.jpg