100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Zwei Kugeln gegen die Republik

Der amtierende Reichsfinanzminsiter Matthias Erzberger (Zentrum) war Ende Januar das Opfer eines Mordanschlages geworden. Die Justiz sieht dies jedoch anders und verurteilt den Attentäter nur zu 1 ½ Jahren Haft.

Derweil läuft in Frankreich ein Prozess gegen den ehemaligen Finanzminister Joseph Caillaux an, der während des Ersten Weltkrieges mit dem (deutschen) Feind korrespondiert haben solle. Caillaux wird aber per Amnestie entlastet werden.

Gedenktafel für Erzberger in Finowfurt

Aus den Gerichtssälen.

Der Mordanschlag auf Erzberger vor Gericht.

Berlin, den 21. Februar 1920.

Die Frage des Vorsitzenden, ob denn nun der Angeklagte das Recht zu haben glaubte, den Minister durch eine Kugel zu beseitigen, bejaht der Angeklagte. Nach längerer Vernehmung erklärt er wiederholt mit Nachdruck, er gebe zu, daß der politische Mord nicht vorkommen dürfe, aber Erzberger stütze sich auf die Gewalt und sei auch nur mit Gewalt zu beseitigen. Weiter betonte er, er habe am 26. Januar dem Prozeß beigewohnt, und das, was er dort gehört habe, habe ihn in seiner Ansicht, daß Erzberger von der politischen Bildfläche verschwinden müsse, bestärkt. Als die Verhandlungen beendet gewesen, sei er auf die Straße gelaufen, sei dort an das Auto herangetreten und habe gefragt: Sind Sie der Minister Erzberger? Hierauf habe er einen Schuß auf die Brust abgegeben, um die Lunge zu treffen, da er als früherer Soldat gewußt habe, daß die kleinen Geschosse fast nie tödliche Lungenschüsse verursachen. Er habe nicht die Absicht gehabt, den Minister zu töten, er wollte ihn nur für einige Zeit unschädlich machen.

Es folgt darauf die Vernehmung der Sachverständigen. Gewehrsfabrikant Barella widerlegt die Vermutung, daß aus dem angewandten Revolver schon vor den konstatierten zwei Kugeln noch eine abgeschossen sein könnte. Die daraufhin als Zeugin vernommene Mutter des Angeklagten bekundet, daß man zu Hause keine Ahnung davon gehabt habe, was der Sohn ausführen wollte. Geheimer Medizinalrat Dr. Hoffmann hat den Angeklagten auf seinen Geisteszustand untersucht. Er sei geistig nicht ganz auf der Höhe. Seine Tat sei die eines Fanatikers. Von einer Willensfreiheit bei der Tat könne nicht gesprochen werden. Der Angeklagte sei minderwertig, jedoch für seine Tat verantwortlich.

Minister Erzberger bestätigt, daß er schon am Montag nach der Tat seine Beschäftigung wieder aufgenommen [hatte].

Das Urteil.

Berlin, 23. Febr. Das Urteil gegen den Fähnrich a. D. Oltwig v. Hirschfeld lautet wegen gefährlicher Körperverletzung unter Zubilligung mildernder Umstände auf 1 ½ Jahre Gefängnis unter Anrechnung der ganzen Untersuchungshaft von 26 Tagen. Der Haftentlassungsantrag wurde mit Rücksicht auf die Höhe der Strafe abgelehnt. Der Staatsanwalt hatte zwei Jahre Gefängnis beantragt.

Gerichtssaal des Caillaux-Prozesses

Der Prozeß Caillaux.

Paris, 23. Febr. In Paris trat am Freitag der Staatsgerichtshof im Senat unter Vorsitz von Senatspräsident Bourgeois in die Verhandlungen des Prozesses Caillaux ein. Nach dem Zeugenaufruf begann der Präsident die Vernehmung Caillaux‘. Er ging dabei von seiner Verwendung in der französischen Armee aus und besprach dann im einzelnen die wirtschaftliche Mission, die ihm die französische Regierung anvertraute und die ihn nach Brasilien und nach Uruguay führte. Es wurden auch einige Telegramme des Grafen Luxburg verlesen, zu denen sich Caillaux äußerte. Er erklärte u.a.: „Ich bitte die Mitglieder des hohen Gerichts, mir das Geständnis zu gestatten, daß ich in meinen Unterredungen sehr spontan bin. Dadurch kann es kommen, daß meine Worte sehr oft über das hinausgehen, was ich dachte und wirklich sagen wollte. Andererseits sündige ich oft, indem ich allzu großes Vertrauen erweise; daß ist aber ein Fehler anständiger Menschen.“

Caillaux aus der Haft entlassen.

Basel, 23. Febr. (Sonderdepesche.) Die „Preßinformation“ meldet aus Paris: Der Staatsgerichtshof hat die Haftentlassung von Caillaux auf Anregung der Verteidigung und unter Berufung auf den Begnadigungserlaß genehmigt.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 23.2.1920

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Matthias_Erzberger#/media/Datei:Gedenktafel_Erzbergerplatz_(Finowfurt)_Matthias_Erzberger.jpg

https://fr.wikipedia.org/wiki/Joseph_Caillaux#/media/Fichier:Procès_Caillaux,_Haute_Cour_de_Justice_française,_17_avril_1920.jpeg