100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Tanz des „Gesinde“ im Jenaer Volkshaus

Das Jenaer Volksblatt berichtet von einem „Gesinde-Ball“, also einem Kostümfest zum Thema Hausangestellte, das die anwesenden Personen erheitert und mit allerhand Unterhaltung schöne Stunden beschert.

Beispiel für eine traditionelle Gesindetracht (um 1750)

Gesinde-Ball im Volkshaussaal

Veranstaltet vom katholischen Frauenbund, Zweigverein Jena

Groß und zahlreich war die Schar, die sich am Sonntag im Volkshaus eingefunden hatte, um durch Teilnahme am Gesinde-Ball auch ihr Scherflein zum Besten unserer armen Kinder beizutragen. Jung und alt, groß und klein, alles war erschienen, beseelt von dem Gedanken, ein paar schöne, lustige Stunden zu verleben. Der mit besonderem Fleiß stil- und kunstgerecht geschmückte Saal trug allem Erhofften und Erwünschten Rechnung und führte die Erschienenen im Geiste auf einen ausgesprochenen „Gesinde-Ball“. Dirndel und Burschen, Knechte und Mägde, Dienstmädchen und Köche, Lakaien und wie sonst die Berufsnamen der wohllöblichen Gesindeschaft heißen mögen, trugen nicht zuletzt dazu bei, dem Feste ein buntes, farbenprächtiges Gepräge zu geben, das durch die buntbemützte Studentenschaft noch wesentlich verstärkt wurde. Neben ausreichenden Tanzbelustigungen für die junge Schar, boten die prächtige Waldschänke (Weinstube) und Teestube mit Likörverschank den älteren Herrschaften ausreichend Gelegenheit, von einem ruhigen Plätzchen aus dem lustigen Treiben der Jugend zuzusehen. Kabarett und Schießbude erhielten starken Zulauf, galt es doch, den weltberühmten (?) Komiker Erbsrich kennen zu lernen, während jeder Schütze bestrebt war, mit Orden und Ehrenzeichen zu prangen. Auch für das leibliche Wohl war ausreichend gesorgt: Belegte Brötchen, Kuchen, Torte und sonstiges Gebäck mußten selbst den Feinschmecker zufriedenstellen, und so mancher dürfte wohl seit langem zum ersten male wieder seinen Hunger mit Erbsensuppe und Würstchen gestillt haben. Nicht unerwähnt sei das Standesamt, wo sich von Liebe entflammte Herzen ohne Sorgen um die Wohnungsnot konnten trauen lassen. Eigenartig wirkte eine kleine Arrestzelle, in der so mache Schöne hinter der ungewohnten Gitteraussicht ausharren musste, bis einer der vorübergehenden Gesinderitter sie durch ein Lösegeld befreite. Meisterhaft arbeitete der Leiermann, der mit seiner anscheinend noch sehr jungen Ehehälfte wohl keinen ungerupft vorbeiziehen ließ. Für Ruhe und Ordnung sorgten die Hüter des Gesetzes, zwei stramme Dorfwachtmeister, die all ihre Kraft anwenden mußten, um ihren Pflichten nachzukommen. Allzufrüh schlossen sich die Pforten des Volkshauses für so viele, die gestern in würdiger Weise ein paar recht lustige, vergnügt-frohe Stunden auf dem „Gesinde-Ball“ verlebt hatten.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 7.2.1921

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273810/JVB_19210207_031_167758667_B1_003.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371253

 

Bild:

William Hogarth 010 - Gesinde – Wikipedia