100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ach, diese Gutmenschen!

Der gestrige, sehr preußenkritische Leitartikel in der Weimarischen Landes-Zeitung blieb nicht unbemerkt. Ein Sproß des Uradels macht sich in der rechtsgerichteten Tageszeitung daran, die Ehre des Preußentums zu verteidigen. Allzu schwer fällt ihm dies nicht, da Frankenbergs gestriger Artikel sehr einseitige gehalten war und Dalwigk im direkten Vergleich deutlich differenzierter argumentiert. Natürlich hatten auch preußische Kulturträger zum kulturellen Erbe der Nation maßgeblich beigetragen und wenn Dalwigk nicht einmal die in Rechtskreisen übliche, antisemitische Dolchstoßlegende als Verteidigungsargument bemüht, mag man dies fast schon als fortschrittlich auffassen.

Wappen derer von Dalwigk

Herr von Frankenberg und das Preußentum.

Von Oberst Frhr. v. Dalwigk.

Wiederum ist ein Sonntagmorgen da, und mit der Zeitung „Deutschland“ fliegt der übliche Sonntags-Leitaufsatz ins Haus, den früher Herr v. Brandt verfaßt und nun Herr Egbert v. Frankenberg. Diese Artikel sind ganz hübsch geschrieben, sie atmen den sogenannten „Geist von Weimar“, den die Demokraten und noch andere, weiter links stehende Leute als Schlagwort gepachtet haben, um ihn gegen den „engen Geist von Potsdam“ auszuspielen. Die Artikel haben einen gewissen „Schmiß“, sie holen irgendwoher, möglichst recht weit, historische Erinnerungen oder aus dem Zusammenhang gerissene, daher beliebig anwendbare Dichterstellen und arbeiten mit dem so beliebten Wortgeklingel, wie „Silvesterglockenklang“, „Menschentum“, „Weltirrtum“, „Normaltypus“ usw., Worte, die den braven Bürger bei seinem Morgenkaffee verständnisvoll anlächeln und ihm vorspiegeln, daß er etwas Geistreiches liest. Und dennoch steht es mit dem Inhalt dieser Artikel herzlich schlecht. Auf jeden hätte man mit Leichtigkeit eine Antwort geben können, die die ganze Hohlheit dieser Gedankenreihen offenbart hätte. Doch erlaubte es mir teils meine Zeit nicht, dies auszuführen, teils hielt ich es auch nicht für der Mühe wert. Diesen abermaligen Angriff gegen das Preußentum aus der Feder eines ehemaligen preußischen Offiziers und Kammerherrn, eines der vielen, die – Gott sei’s geklagt – vergessen haben, welch glückliche Zeiten wir dem „alten System“ zu danken hatten, möchte ich nicht unerwidert lassen.

Nach Herrn von Frankenbergs Ansicht hindert die Lösung des Weltproblems ein Weltirrtum, ein Wahn, an welchem auch Deutschland gewaltigen Anteil hat.

Der Weltirrtum soll nach seiner Meinung darin bestehen, daß man immer noch glaubt, der deutsche Kaufmann mit seinen großartigen Leistungen habe die Welt als Feind heraufbeschworen. In Wahrheit sei die Welt nur „dem Preußentum in seinen ausgearteten Tendenzen“ feindlich gesinnt.

Herr v. Frankenberg ist also immer noch der – man kann es wohl sagen – rückständigen Meinung, daß nur das „arrogante Preußentum“ den Weltkrieg entfesselt habe. Gewiß, es gab so etwas, und es hat nicht zu unserer Beliebheit beigetragen. Das wirkliche, echte Preußentum aber, von dem hat die Welt stets Respekt gehabt, und von dem möchte ich mit Herrn v. Frankenberg ein kräftiges Wörtlein reden, nur deutsch, ohne Silvesterglockenklang, Menschentum, Weltirrtum usw., mit denen man den leichtgläubigen Lesern Dunst vormacht. Beinahe lächerlich wirkt es, wenn Verfasser gnädig anerkennt, daß dem Preußentum in seinen Anfängen „durchaus nicht eine hohe kulturelle Bedeutung fehlte“. Weiß er denn nicht, daß der Große Kurfürst, auch sogar sein viel geschmähter Nachfolger Friedrich I., und vor allem Friedrich Wilhelm I. in dem politisch zerrissenen Deutschland der damaligen Zeit, das ein Gespött des Auslandes war, zuerst wieder ein lebensfähiges, straffes und gut verwaltetes Staatengebilde schufen, das alle anderen Fürstentümer trotz seiner geographischen Zersplitterung an Lebenskraft weit übertraf, sodaß es schon unter Friedrich dem Großen zur europäischen Großmacht wurde? War sein Vater und er nicht nach dem Abfall der sächsischen Kurfürsten zum Katholizismus der starke Hort des Protestantismus und damit der Aufklärung? Hat nicht Friedrich der Große durch seine unvergeßlichen Taten die ersten Regungen deutschen Nationalgefühls hervorgerufen?

Auch ist es eine sehr gewagte Behauptung, wenn Herr v. Frankenberg sagt, Friedrich II. habe sich an seinem grausamen Schicksal rächen wollen, das den für Künste und Wissenschaften Begeisterten zum Soldatenhandwerk bändigte, indem er für seine Nachfolger (warum Epigonen?) die Glattheit der Form als Talisman seiner Erfolge gelten ließ. Erstens wurde der große König aus eigenem Antriebe Soldat; denn er war ruhmsüchtig, wie der Herr Verfasser selbst einige Zeilen vorher zugibt, und Ruhm konnte ihm, dem der Lorbeer des Dichters unerreichbar war, nur durch kriegerische Taten winken. Weshalb sollte er sich also rächen? Und an wem? An dem Staate, an dem er mit heißer Liebe hing, dem er aus vollem Herzen eine glänzende Zukunft wünschte? Und wie steht es mit der Glattheit der Form? Herr. v. Frankenberg deutet mal wieder durch dunkle Worte an, was der einfache Leser nicht ohne weiteres versteht, wodurch er sich aber gern blenden läßt. Er meint wohl, daß die Beibehaltung der starren taktischen Formen durch Friedrichs Nachfolger zur Niederlage von Jena führte. Daran ist gewiß etwas Wahres, aber der große König konnte im Jahre 1786 noch nicht ahnen, welche Umwälzung der Kampfart in den Revolutionskriegen eintreten würde. Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg war ein Kolonialkrieg, er konnte nicht als Lehrbeispiel dienen. Und dann ist bei Jena weniger die veraltete Taktik – die hätte ganz gut zum Erfolge führen können – sondern die mangelhafte Führung und die schwankende Politik der Regierung unterlegen.

[…]

Mußte nun die Bahn, auf die das Preußentum geglitten war, unaufhaltsam zur Revolution [von 1918, Anm.] führen? Ich glaube doch wohl nicht. Nur das Abweichen von den vorgezeichneten Bahnen, nur eine so schwache Regierung, wie des Herrn v. Bethmann, die sich auf eine dem Preußentum feindliche Mehrheit stütze und es nicht verstand, die ehemaligen Blockparteien aufs neue zu einigen, endlich die Hungerblockade, die unser armes Volk entnervte, haben die Revolution zum Siege geführt.

„Die Welt aber mußte“, so fährt Herr v. Frankenberg fort, „in diesem Normaltypus einen lästigen und für den Völkerverkehr und die Kultur (!) unmöglichen Menschen empfinden, den sie ablehnte und auch künftig nicht wieder zu dulden gewillt ist.“

Selbst wenn man zugibt, daß es einen gewissen Typus von Preußen gab, der im Auslande durch schroffes und forsches Auftreten anstieß, so gehen doch diese Worte des ehemaligen preußischen Offiziers viel zu weit und unterdrücken ganz die innere Tüchtigkeit, die in diesen Männern steckte. Sie sind um so fadenscheiniger, als sie dem Auslande ohne sichtbaren Zweck in seinen lügenhaften Behauptungen recht geben, was kein Engländer oder Franzose tun würde, weil sie Nationalgefühl besitzen, das den meisten Deutschen leider fehlt und für Herrn v. Frankenberg eine fehlerhafte Eigenschaft zu sein scheint. Der „deutsche Wahn“, der deutsche Kaufmann habe durch seine Betriebsamkeit die Welt als Feind heraufbeschworen, ist kein Wahn, sondern eine Wahrheit, die aus allen Reden englischer Staatsmänner und vor allem aus dem berühmten Saturday-Review-Artikel (Germaniom esse delendam – Deutschland soll zerstört werden) klar hervorgeht.

Und die „geistige Enge“, die mit dem Preußentum verknüpft sein soll, wird wohl am besten durch die Namen Kant, Winkelmann, Herder, die Humboldts, Ranke und eine lange glänzende Reihe anderer Koryphäen der Wissenschaft glänzend widerlegt. In der ganzen geistigen Entwicklung Deutschlands hat Preußen mit kurzen Unterbrechungen an der Spitze gestanden.

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 7.1.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Dalwigk#/media/Datei:Dalwigk-Wappen_091_2.png