100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Anlauf zur Schulreform

Die Landesgründung setzt auch eine Vereinheitlichung des Schulwesens voraus. Die verantwortlichen sozialdemokratischen Minister nutzen dies für eine grundlegende Reform. Doch zur Vorbereitung der „Greilschen Schulreform“ von 1922 – benannt nach dem späteren Bildungsminister Max Greil (USPD) – ist einiges zu leisten. Ein erster Anlauf wird im Volksrat gemacht, der gemessen an damaligen Vorstellungen durchaus fortschrittlich zu nennen ist, wie etwa der Abschnitt über die Schulbildung von Menschen mit Behinderungen zeigt.

Staatsrat Tenner: Meine Herren! In dem vorliegendem Entwurfe tritt der Staatsrat mit der Regelung des Volksschulwesens an den Volksrat mit der Bitte um Genehmigung heran, es handelt sich hier um die Schule. Es ist das erstemal, daß die wichtigste Materie im Staatswesen gesetzlich geregelt werden soll, das Schulwesen.

Durch die Revolution wurde der Staat weitgehend umgestaltet. Diese weitgehende Umgestaltung erstreckte sich auf sämtliche Einrichtungen, besonders auch auf die Grundlagen der Schule. Schon vorher drängten viele Kräfte nach freierer Gestaltung, die unter dem Drucke des alten Obrigkeits- und reaktionären Zwangsstaates sich nach Freiheit sehnten. Als die Revolution eintrat, machten sich sofort zahlreiche Reformbestrebungen in ganz Deutschland geltend.

Wir haben schon eine Reihe von reformerischen Arbeiten zu verzeichnen, sie erstrecken sich auf alle Gebiete des Schulwesens, auf den Aufbau der Einheitsschule, die selbstverständlich nicht nur auf das Volksschulwesen, sondern auch auf das höhere Schulwesen tiefgehende Einwirkungen zeigt, ferner auf die Fortbildungsschule, auf den Umbau der Lehrerbildung, auf den Umbau der Lernschule in die Arbeitsschule, auf die Demokratisierung der Schulverwaltung, auf die Verstaatlichung der Schule, Beschaffung der Lehr- und Lernmittel durch die Gemeinden. Jedes von diesen Dingen ist ein Programm. Es erübrigt sich aber heute, einzeln zu ihnen programmatisch Stellung zu nehmen. Das würde zu weit führen, denn der vorliegende Entwurf wird alle diejenigen, die eine weitgehende Reformarbeit erwarteten, enttäuschen, er enthält nur wenige Bestimmungen, die zusammenhanglos aneinandergereiht sind. Es fragt sich: warum hat der Staatsrat von Thüringen kein anderes Schulgesetz, kein umfassenderes Schulgesetz vorgelegt? Die Gründe liegen in den Verhältnissen, die stärker waren als wir. Zunächst läßt sich die umfassende Materie in der kurzen Zeit nicht regeln. In allen thüringischen Staaten herrscht eine so weitgehende Vielgestaltigkeit der Schulgesetzgebung, daß eine Angleichung in den einzelnen Staaten erstrebt werden muß, ehe auf breiterer Basis weiter gebaut werden kann. Das größte Hindernis, das im Wege steht, ist die Reichsgesetzgebung. Während bisher das Reich sich nicht um die Schulgesetzgebung gekümmert hat, sondern sie den einzelnen Ländern überließ, hat die Reichsverfassung sich das Recht vorbehalten, in die Schulgesetzgebung einzugreifen. In Artikel 146 Abs. 2 der Reichsverfassung wird von einem Reichsschulgesetz gesprochen, das noch zu erlassen ist. Dieses bindet selbstverständlich auch uns die Hände. Es läßt sich keine allgemeine Regelung des Schulwesens in Thüringen erledigen, bevor nicht die großen Richtlinien durch das Reichsschulgesetz festgelegt sind. Auch im Reich drängte man zum Fortschritt, aber auch das Reich kann die Arbeit nicht in der kurzen Zeit leisten. Nachdem im Herbst die Reichsschulvorkonferenz stattgefunden hat, wurde beschlossen, daß zuerst ein kleines Reichsschulgesetz erlassen werden soll. Wir werden erst ein kleines Reichsschulgesetz und im Verlaufe von zwei Jahren das große Reichsschulgesetz bekommen. Erst nach Erlaß dieses großen Reichsschulgesetzes wird es möglich sein, auch in Thüringen das Schulwesen voll gesetzgeberisch zu regeln. Bis dahin müssen aber weitere Reformgebiete wenigstens in Angriff genommen werden, und diese Inangriffnahme soll dieses Gesetz ermöglichen.

[…]

Abg. Otto: Die Vorlage ist eine Kollektivarbeit, das entschuldigt manches, vor allen Dingen, daß man einen organischen Aufbau des Gesetzes vermissen muß. Sie ist zum Teil nur eine Wiedergabe der sich mit der Schulfrage befassenden Artikel der Reichsverfassung. Wer sich wie wir seit vielen Jahren nach einem neuen Schulgesetze sehnt, ist keineswegs befriedigt. Leider müssen wir auf ein thüringisches Schulgesetz noch lange warten. Der Herr Vertreter des Staatsrates hat soeben verkündet, daß es noch Jahre dauern kann, bis wir ein Reichsschulgesetz bekommen. Erst dann können wir ein thüringisches Schulgesetz erhalten. In einzelnen Punkten muß aber schnellstens gehandelt werden, sonst geht wieder ein neues Schuljahr verloren. Deshalb begrüßen wir die Vorlage und glauben, durch eine Reihe von Abänderungen die Vorlage so zu vervollständigen, daß die eiligsten Fragen bei Beginn des neuen Schuljahres gelöst werden können. Strittig ist, wo zuerst mit der Reform begonnen werden soll, bei der Ausbildung der Lehrer oder der Ausbildung der Schüler. Der Gedanke liegt nahe, zuerst bei den Lehrern zu beginnen. Dadurch geht aber wieder Zeit verloren. Wir müssen deshalb das eine tun und das andere nicht lassen.

[…]

Ich möchte noch einige Worte über die Hilfsschulen, Krüppelheime und Erziehungsanstalten erwähnen. Es können nicht alle Kinder in die Volksschule gebracht werden, vor allen Dingen nicht die Kinder, die geistig oder körperlich nicht normal sind. Da brauchen wir Ersatz dafür. Die ganze Krüppelfürsorge lag ja bisher meistenteils in den Händen der freien Liebestätigkeit. Der Staat muß sich jetzt dieser Ärmsten der Armen mehr denn je annehmen. Er muß dafür sorgen, daß diese Erziehungsanstalten so ausgebaut werden, damit sie allen Anforderungen genügen. Es darf nicht sein, daß, wenn ein taubstummes Kind untergebracht werden soll, jahrelang gewartet werden muß, bis irgendwo eine Stelle frei ist. Blinde Kinder unterzubringen, ist überhaupt fast unmöglich in Thüringen. Wir haben wohl in Weimar eine Blindenschule, aber Halle wird immer bevorzugt. Alle diese Schulen, die wir auf diesem Gebiete innerhalb Thüringens haben, müssen von Staats wegen besser ausgebaut werden, damit sie alles das leisten können, was wir von ihnen verlangen.

(Sehr richtig! Mitte.)

[…]

Quelle:

Stenographische Berichte des Volksrates von Thüringen, 8. Sitzung, 28.1.1920.

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00184786/509000330_0197b.tif