100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Deutsche Herzen verzagen nicht“

Nach dem rechtskräftigen Friedensschluß heißt es Abschied nehmen von der Bevölkerung der abzutretenden Landesteile. Reichspräsident Friedrich Ebert und das Kabinett der Weimarer Koalition unter Gustav Bauer versichern in dieser emotionalen Botschaft den „Volksgenossen“ ihre „unverbrüchliche Treue“. Der Text ist auch Ausdruck eines parteiübergreifenden Wunsches nach einer Revision des Versailler Vertrages. Die Streitfrage wird in den kommenden Jahren jedoch sein, wie dieses Ziel erreicht werden kann.

Gebietsänderungen im Zuge des Versailler Vertrages

Eine Kundgebung der Reichsregierung.

Berlin, 12. Jan. (WTB) Der Reichspräsident und die Regierung haben folgende Kundgebung erlassen:

An die deutsche Bevölkerung der aus dem Reichsverband ausscheidenden Landesteile.

Der unglückliche Ausgang des Krieges hat uns wehrlos der Willkür der Gegner preisgegeben und legt uns unter dem Titel des Friedens die schwersten Opfer auf. Das schwerste aber, das man uns aufzwingt, ist der Verzicht auf deutsche Gebietsteile im Osten, Westen und Norden. Unter Mißachtung ihres Rechtes auf nationale Selbstbestimmung werden Hunderttausende deutscher Volksgenossen fremder Staatsgewalt unterstellt.

Deutsche Brüder und Schwestern! Nicht nur in der Stunde des Abschieds, sondern immerdar wird die Trauer über diesen Verlust unsere Herzen erfüllen, und wir geloben Euch im Namen des gesamten deutschen Volkes, daß wir Euch nimmer vergessen werden. Auch Ihr werdet das gemeinsame deutsche Mutterland nicht vergessen. Dessen sind wir gewiß. Ueber die zerrissene Staatsgemeinschaft hinaus werden Eure Herzen Treue halten der deutschen Stammes- und Kulturgemeinschaft, die der Nährquell Eures geistigen Lebens war und jederzeit bleiben wird.

Seien wir uns in dieser schweren Stunde des Verlustes des Tröstlichen bewußt, was uns als gemeinsames Gut bleibt, was keine fremde Macht uns rauben kann. Gemeinsam bleibt uns die Sprache, die uns die Mutter lehrte; gemeinsam die Welt der Gedanken, der Worte, der Töne, der Bilder, in denen die großen Geister unseres Volkes nach dem höchsten und edelsten Ausdruck deutscher Kultur gerungen haben. Mit allen Fasern unseres Denkens, unseres Liebens und ganzen Seins bleiben wir verbunden.

Was von unserer Seite geschehen kann, um Euch die Muttersprache, die deutsche Eigenart, den innigen geistigen Zusammenhang mit dem Heimatlande zu erhalten, das wird geschehen. Wie es schon, soweit Verhandlungen möglich waren, unsere vornehmste Sorge war, Euch trotz der Trennung Eure nationalen Lebensrechte zu bewahren, so werden wir nicht aufhören, dafür einzutreten, daß die vertraglich gegebenen Zusagen gehalten werden. Unsere Schulen aber und alle unsere Einrichtungen für die Bildung des Geistes, für die Pflege der Wissenschaften und Künste, sollen Euchauch fernerhin wie bisher offen stehen. Herüber und hinüber soll jeglicher Austausch gepflegt und jedes seelische Band geschützt und gestärkt werden. Der unermeßliche und unversiegbare Schatz an geistigen Gütern, den das deutsche Volk besitzt, gehört Euch mit. Seine nationale Bindekraft wird sich bewähren.

Seit Jahrhunderten schon war es das Schicksal unseres Volkes, daß zahlreiche Deutsche außerhalb des deutschen Staatsverbandes unter fremder Herrschaft gestanden haben. Wo auch immer inmitten fremden Volkstums ihre Siedlungen standen, sie haben die deutsche Eigenart und den geistigen Zusammenhang mit dem Mutterlande in den schwersten Zeiten bewahrt und die Kraft ihrer nationalen Kultur über weite Gebiete ausgestrahlt. Ihre Arbeit wird Euch vorbildlich sein für die schwere Aufgabe, die ein herbes Geschick Euch auferlegt. Deutsche Herzen verzagen nicht, und deutscher Wille findet den Weg sich zu behaupten. Seid gewiß, daß unsere Teilnahme, unsere Sorge und unsere heiße Liebe Euch unverbrüchlich erhalten bleiben!

In diesem gegenseitigen Vertrauen wollen wir in der schwersten Stunde der äußeren Trennung uns unserer unlösbaren inneren Gemeinschaft in erhöhtem Maße bewußt werden. Ueber alle Grenzpfähle hinaus bleibt das deutsche Volkstum ein einziges Ganzes. Seid stark mit uns in dem Glauben: das deutsche Volk wird nicht untergehen. Aus der tiefen Trübsal dieser Tage wird es sich emporarbeiten; von der schwer errungenen freiheitlichen Grundlage aus wird es durch Entfaltung aller guten Kräfte den Aufstieg gewinnen zu höchster politischer, wirtschaftlicher und sozialer Kultur.

Volksgenossen! Mit der gewaltsamen Trennung ist Euch und uns hartes Unrecht geschehen. Das Recht der Selbstbestimmung ist der deutschen Bevölkerung versagt worden. Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben, daß auch Euch eines Tages dieses nationale Grundrecht zugesprochen werden wird.

Darum wollen wir uns trotz allen Schmerzes voll Hoffnung und Zuversicht in dieser Abschiedsstunde zurufen: Treue um Treue! Für das Recht unseres Volkstums wollen wir miteinander einstehen alle Zeit und mit ganzer Kraft.

Der Reichspräsident.

Ebert.

Die Reichsregierung.

Bauer. Schiffer. Koch. Dr. Bell. Dr. Mayer. Dr. David. Müller. Erzberger. Noske. Dr. Geßler. Schlicke. Giesberts. Schmidt.

Quelle:

Weimarische Landeszeitung „Deutschland“ vom 12.1.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedensvertrag_von_Versailles#/media/Datei:Versailler_Vertrag.png