100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Die besitzlosen Klassen, laufen in ihrer Dummheit denen nach, die sie abschlachten.“

Die Landesversammlung des Freistaates Gotha debattiert die Frage der Schulreform und wie Arbeitern eine bessere bzw. überhaupt eine Bildung zugute kommen kann. Während der Debatte geraten die Abgeordneten hart aneinander. Das Zitat im Titel stammt von Otto Geithner (USPD). In seiner Antwort hielt ihm Hermann Anders Krüger (DDP) einen „Sauherdenton“ vor. Es ging nicht zimperlich zu im Gothaer Landtag…

Otto Geithner (USPD, später KPD)

Landesversammlung des Freistaates Gotha.

[…] Der erste Dringlichkeitsantrag lautet: Die Landesversammlung wolle beschließen, die Landesregierung zu ersuchen, Vorlagen über die notwendigen Erneuerungen des Schulrechts, insbesondere in der Richtung der Demokratisierung der Schulverwaltung und des Aufbaues der Einheitsschule im Rahmen der in der thüringischen Staatengemeinschaft geltenden Gesetzgebung zu machen. Gez. Brill, Drechsel, Geithner, Manteuffel.

Abg. Brill: In Gera und Sondershausen habe man bereits neue Gesetze erlassen, die körperliche Züchtigung aufgegeben und die Grenzen des Religionsunterrichtes auf das fünfte Jahr hinaufgesetzt. Er ersucht um schleunige Erledigung wegen des näherrückenden Osterfestes und des Neuaufbaues des Schulwesens, der Einheitsschule und bittet um Annahme des zweiten Dringlichkeitsantrages: Die Landesversammlung wolle beschließen, die Landesregierung zu ersuchen, dem Bildungsausschuß für die Arbeiterhochschule in Gotha sofort 25.000 Mark zum Ausbau seiner Bildungsbestrebungen zur Verfügung zu stellen. Gez. Brill, Geithner, Manteuffel, Wolf.

Referent Abg. Brill begründet diesen Antrag und schilderte die bisherigen Vorgänge in dieser Angelegenheit, welche genügend geklärt worden sei, aber die bürgerliche Partei habe die Sache stets zu verschleppen gesucht. Die Sache heute nochmals an die Schulkommission zu verzweifeln, habe keinen Zweck; er bittet das Haus, den Antrag heute zu verabschieden. Ein Bildungsbedürfnis der Arbeiter bestehe. Zur Volkshochschule fehle den Arbeitern die Vorbildung. In der Eisenbahnbetriebswerkstatt ist ein Bildungsausschuß gegründet worden, um eine Elementar-Betriebsschule einzurichten. Von den 1.500 Arbeitern haben sich bereits 10 Prozent daran beteiligt, es wird Deutsch und Rechnen gelehrt. Solche Veranstaltungen werden mehr und mehr angestrebt, daher ist es angebracht, eine wirkliche Arbeiterhochschule für die Bildungsbestrebungen zu beschaffen.

Abg. Wiegleb unterstützt den Antrag. Als Buchdrucker mache er in seinem Berufe traurige Erfahrungen. Über die Bildung des Volkes durch Einsicht in die Eingesandts. Es ist eine große Lücke im Bildungsgang des Arbeiters. Die Themen der Volkshochschule sind für die Arbeiter viel zu schwierig; der Arbeiter muß sich Kenntnisse zueignen, um Gedanken zu Papier zu bringen, das kann er in der Volkshochschule nicht erreichen. Diese Lücke auszufüllen, sei Pflicht der Volksvertretung und der Regierung. Der geforderte Betrag ist gering, wir wünschen aber auch, daß die Landbewohner an den Bestrebungen teilnehmen können. Wenn nun die bürgerlichen Parteien in dieser hochwichtigen Frage Opposition machen, so beweisen sie, daß ihre Worte nur Worte waren, wir als Volksvertreter wären schlechte Vertreter des Volkes. Unser Weg ist uns vorgezeichnet, wir müssen unserem Volke beispringen, daher ist der Antrag anzunehmen.

Präsident Wolf: Die Schulkommission hatte genügend Zeit, sich schlüssig zu werden, aber man fürchtet die Bildung der Arbeiter. Ich bitte, den Antrag anzunehmen.

Abg. Geithner unterstützt den Antrag. Der Volkshochschule fehlten alle psychischen und physischen Voraussetzungen. Bei 30.000 Volksschülern betrage die Ausgabe pro Kopf 1 Mark. Wir wollen erst die Möglichkeit schaffen, weiter zu arbeiten. In den Realschulen stellte sich die Ausgabe pro Kopf auf 378 Mark, in den Gymnasien auf 442 Mark. Schon vor dem Krieg hatten wir einen Bildungsausschuß; es ist eine selbstverständliche Pflicht, daß wir dieser Aufgabe nachkommen. Unser Volk ist durch den verbrecherischen Krieg verarmt. Das Bildungsbedürfnis ist eine Notwendigkeit, auch den untersten Klassen soll man die Bildungsmöglichkeit gewähren. Die besitzlosen Klassen, laufen in ihrer Dummheit denen nach, die sie abschlachten.

Volksbeauftragter Grabow: Wir von der Regierung haben nun der bürgerlichen Partei die Maske vom Gericht genommen; wo es gilt, den Arbeitern zu helfen, da verlassen sie den Saal. Die Bildung der Arbeiter halten sie für gefährlich, deshalb sind sie gegen eine Arbeiterhochschule. Die Arbeiter haben kein Interesse an der Volkshochschule.

Abg. Grübel: Ich werde für den Antrag stimmen. Der Arbeiter ist in der Bildung vernachlässigt worden. Die Volkshochschule ist keine Kost für die Arbeiter, die wollen von Grund auf unterrichtet sein. Es werden an die Arbeiter heute größere Anforderungen gestellt, sie müssen vorgebildet werden.

Abg. Krüger (in den Saal zurückgekehrt): Wir gönnen den Arbeitern auch eine gute Bildung, das sei durch Stipendien zu ermöglichen. Wir wollen die Klassen beseitigen. Herr Geithner, was haben Sie mit Ihrem „Volksblatt“ für die Bildung in Gotha getan, mit Ihrem Sauherdenton? Eine wissenschaftliche Bildung kann man nur auf einer Hochschule erlangen. Da hört man Volkswirtschaft etc., aber mit der Schule, die Sie machen wollen, mit dieser Arbeiterhochschule, wollen Sie uns nur ködern. Man solle nicht nur für die Bildung, sondern auch für die Edelung eintreten. Man will uns die Kommissionsbildung abschneiden und eine Parteischule gründen. Lösen Sie doch den Landtag auf.

Abg. Wiegleb: Dr. Krüger spricht von Vergewaltigung, er will sich nicht von der Mehrheit vergewaltigen lassen. Es ist eine taktische Ungeschicklichkeit, auf einer solchen Basis Opposition zu machen, deshalb sind Sie wie ein gedrückter Lohgerber wieder in den Saal gekommen. Wir können keine Parteischulen gründen. Mit Stipendien sind wir nicht einverstanden. Ein ehrlicher Arbeiter würde lange laufen können, bis er Stipendien bekommt. Ich bin ein Anhänger der Volkshochschule, sie kann aber nicht erfüllen, was der Arbeiter von ihr verlangt; ein großes Vorwissen gehört dazu. Englisch und Französisch wird da gelehrt. Unsere Arbeiterschaft soll Deutsch lernen.

Volksbeauftragter Schauder: Die gegenwärtige Regierung, sagt man, liege in der Luft. Wie die Gothaer Regierung diskreditiert wird, geht aus anonymen Schreiben an das Reichsministerium hervor, es heißt, in Gotha herrsche Unordnung; Denunziationen gemeinster Art gehen hinaus. Wir sind der Reichsregierung gegenüber kein Lehrling.

Abg. Dr. Krüger beantragt nochmals, den Antrag einer Kommission zu überweisen.

Nachdem Abg. Brill nochmals für seinen Antrag eintrat, erfolgte Abstimmung, an welcher auch Abg. Grübel sich beteiligte.

Einstimmig wurden die Dringlichkeitsanträge angenommen. […]

Quelle:

Volksstimme. Tageszeitung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands für den Freistaat Gotha und angrenzende Gebiete vom 7.1.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Geithner#/media/Datei:Otto_Geithner-Grab-CTH.JPG