100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Die Friedensglocken läuten zu lassen, haben wir keine Stimmung“

Der Friedensvertrag von Versailles wird endlich ratifiziert. Und das symbolträchtig knapp 49 Jahre nach der Proklamation des Deutschen Reiches im Versailler Spiegelsaal im Jahre 1871. Dem damaligen Sieg über Frankreich steht nun die verheerende Niederlage gegenüber und anstatt einen Schlußstrich zu bringen öffnet der Friedensvertrag neue Streitfragen. Das linksliberale Jenaer Volksblatt blickt mit Sorge auf die Zukunft und befürchtet (nicht zu Unrecht), dass die Ratifikation die antidemokratischen Kräfte in Deutschland beleben wird.

Die "Kaiserproklamation" am 18.1.1871 (Gemälde von 1877)

Der Tag der Unterschriften.

Der 10. Januar ist nun endgültig als der Tag der Unterschriften unter das Ratifikationsprotokoll festgesetzt worden. Am Ende früherer Kriege pflegten geraume Zeitfristen zwischen den Präliminarien und den endgültigen Friedensschlüssen zu verstreichen. Diesmal hat man auf die Form ein Präliminarfriedens verzichtet, aber das Friedensgeschäft hat damit an Schnelligkeit gang und gar nichts gewonnen. Denn 1871 war z.B. der Frankfurter Definitivfriede nach Ablauf ganz weniger Tage ratifiziert, obwohl der Aufruhr von Paris die französischen Verhältnisse verwirrte. Daß jetzt noch 6 ½ Monaten nach Deutschlands Unterzeichnung vergehen mußten, ist unerhört. Die eigentliche Hauptursache der Verschleppung wird gewesen sein, da Frankreich die Verzögerung noch zu weiteren Erpressungen ausnutzen wollte.

Und wir fürchten, daß solche Versuche auch jetzt noch nicht ausbleiben werden. Die Ausführung der Bedingungen, die nunmehr beginnen muß, dürfte allerlei neue Handhaben und Vorwände zu Bedrückungen liefern. Denn die Debatten im französischen Parlamente haben offenbart, daß dortzulande eine starke Partei unzufrieden ist, daß mit Elsaß-Lothringen nicht auch gleich das ganze linke Rheinufer unter französische Herrschaft gelangt ist. Wer verbürgt den Franzosen die künftige Wiederkehr eine gleich günstige Gelegenheit, mit Hilfe ausländischer Armeen die alte Sehnsucht zu erfüllen, um die man 1870 mit so schlimmem Ausgange ins Feld gerückt war und eigentlich schon 1840 losschlagen wollte? Daß Frankreichs eigene Kräfte für eine solche Eroberung nicht ausreichen, hat es ja 1870 wie 1914 erfahren.

Eigentlich ist das Friedenswerk übrigens auch auf dem Papier mit der Ratifikation des 10. Januar noch durchaus nicht abgeschlossen. Es fehlt noch die Festsetzung der von Deutschland zu entrichtenden Entschädigungssumme. Es klang so harmlos, als vor dem Waffenstillstande davon gesprochen wurde, daß wir bloß den angerichteten Schaden wiedergutmachen, den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete auf unsere Kosten besorgen sollten. Schon unter diesem Titel werden auf der Gegenseite – z.B. vom Finanzminister Klotz – Ansprüche von schwindelhafter Höhe angemeldet, die selbst ein im Innern befriedetes und arbeitswilliges Deutschland vielleicht niemals zu erfüllen vermöchte!

Und eine noch schwerere Kette schleppen wir am Fuße mit dem Artikel des Friedensvertrages, der uns die Auslieferung der sogenannten Kriegsverbrecher auferlegt, der Personen, die angeblicher Frevel wider die völkerrechtlichen Gebräuche bezichtigt werden. Noch ist uns die Liste nicht bekanntgegeben, welche die Namen der Angeschuldigten enthält. Auf alle Fälle wird das Auslieferungsbegehren an sich als eine schwere Demütigung empfunden, und die Ausführung wird nicht leicht werden.

Mit Freude würde dieser Friedenstag gewiß auch dann nicht begrüßt werden, wenn er in eine sonst weniger düstere Zeit fiele. Aber schwer hängt ja auch ohnehin der Himmel über unser hart heimgesuchtes Land herab. Hungersnot und Teuerung werden tagtäglich fürchterlicher, und gewissenlose Ausstände wühlen abermals am Lebensmarke unseres Wirtschaftslebens. Dieser 10. Januar wird uns von keinem Albdrucke befreien. Es steht zu fürchten, daß die Schürer des neuen inneren Unfriedens von ihm erst recht Anlaß nehmen, ihr schändliches Gewerbe zu betreiben. Und den Patrioten bedeutet die Inkraftsetzung der Friedensartikel den Abschied von den Volksgenossen, die vom Körper des Reiches getrennt werden sollen. Hoffen wir, daß wenigstens die Plebiszite, deren Termine nun auch nahegerückt sind, noch einen Teil der bedrohten Gebiete retten werden! Die Friedensglocken läuten zu lassen, haben wir keine Stimmung. Dieser Friede von Versailles ist unendlich viel härter als jener den den dreißigjährigen Krieg abschließende, der das Reich Elsaß, Holland, und die Schweiz kostete!

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 10.1.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273481/JVB_19200110_009_167758667_B1_001.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Proklamierung_des_deutschen_Kaiserreiches_(18._Januar_1871)#/media/Datei:Die_Kaiserproklamation_1871_(Anton_von_Werner).jpg