100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die Hungergefahr

Im Winter ist nicht nur die Versorgung mit Brennstoffen und Gütern des alltäglichen Bedarfs kritisch. Insbesondere die Getreidevorräte sind knapp und die nächste Ernte ist noch viele Monate hin. Aber wie kann eine weitere Hungersnot vermieden werden?

Friedrich Edler von Braun (DNVP)

Getreidevorrat nur für 14 Tage?

Die Ernährungslage ist doch nicht so günstig, wie die Regierung es dieser Tage darzustellen beliebte. Es kann im Gegenteil geradezu von einer Gefährdung unserer Brotversorgung gesprochen werden, die unzweifelhaft zu einer Katastrophe führen muß, wenn die Regierung nicht sofort alle Hebel in Bewegung setzt, um die auf dem Lande lagernden Vorräte zu erfassen.

Die Gemeinden sind noch bis zum 15. Januar mit Brotgetreide vorbeliefert. Dann sind sie wieder auf die Belieferung der Reichsgetreidestelle angewiesen. Letztere verfügt zur Zeit jedoch nur über einen Vorrat, der nicht viel weiter als vierzehn Tage ausreicht. Der Berliner Magistrat behauptet in einem neuen dringenden Aufruf an die Regierung, daß die Reichsgetreidestelle Anfang Februar leer von Getreide sein werde, wenn bis dahin nichts Durchgreifendes zur Auffüllung der Bestände geschieht.

Die Regierung baut darauf, daß die Lieferungsprämien auf eine Beschleunigung der Ablieferung von Brotgetreide hinwirken werden. Ob die neue Getreidelieferungsprämie ihre Zugkraft sofort ausüben wird, zumal sie auf eine schleunige Lieferung nicht eingestellt ist, steht jedoch keineswegs fest. Selbst wenn es gelingen sollte, der gegenwärtigen Schwierigkeiten Herr zu werden, muß man sich darauf gefaßt machen, daß die Krisis mit dem Augenblick, da die Lebensmittellieferungen wieder hinter dem Bedarf zurückbleiben, von neuem ausbricht. Noch über ein halbes Jahr trennt uns von der Ernte. Es ist wohl kaum anzunehmen, daß unsere Versorgung mit inländischem Brotgetreide bis dahin sichergestellt ist. Vielmehr werden wir nach dem Urteil maßgebender Sachverständiger mindestens noch zwei Monate von eingeführtem Getreide leben müssen. Nicht weniger als 600.000 Tonnen zu einem Weltmarktpreis für Mehl von über 7.000 Mark sind dazu erforderlich. Dabei fragt sich noch, ob ein solches Quantum noch verfügbar ist und ob auch der Schiffsraum zu seiner Beförderung bereitgestellt werden könnte.

Zur Beseitigung der augenblicklichen Krisis muß die Regierung auf restlose Erfassung des noch vorhandenen Getreides hinarbeiten. Diese wird sich am besten im Einvernehmen mit den landwirtschaftlichen Organisationen erreichen lassen. Mit Gewalt wird man nicht weit kommen, nur friedliche Vereinbarungen dürften zum Ziele führen. Der Vorschlag des früheren Unterstaatssekretärs im Reichsernährungsamt Edler von Braun, eine direkte Verständigung zwischen Erzeuger und Verbraucher herbeizuführen und zu diesem Zwecke einen aus den Vertretern des Städtetages, der Konsumvereine, der Landwirtschaft und der Genossenschaften gebildeten Ausschuß einzuberufen, wäre ein geeigneter Weg zur Besserung unserer Ernährungslage.

Quelle:

Rhön-Zeitung vom 8.1.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00172673/RhoenZ_1920-0021.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00201055

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Braun#/media/Datei:BraunFriedrichEdlervon.jpg