100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die Kartoffelesser

Das Hungerproblem war nicht nur während des Krieges dauerpräsent, sondern auch danach akut. Der allgemeine Rückgang landwirtschaftlicher Produktion, fehlende Saatgüter und Betriebsmittel wie Futter oder Dünger, dementsprechend steigende Haltungspreise für Viehbauern und mangelhafte Importe von Nahrungsmitteln – diese Probleme kennzeichnen die Nachkriegsjahre in allen deutschen Gebieten. Und so fühlt sich auch der Bezirksdirektor von Apolda Anfang 1920 bemüßigt, den problembedingt entstehenden Gerüchten und Nachfragen aus der Bevölkerung entgegenzutreten.

Die Kartoffelesser (von Vincent van Gogh)

Die Ernährungsfrage im 2. Verwaltungsbezirk

Der Bezirksdirektor in Apolda schreibt uns:

In der Januar-Sitzung des Volksversorgungsausschusses des 2. Verwaltungsbezirks, der sich aus Vertrauenspersonen der Verbraucher aus allen Teilen des Bezirks zusammensetzt, wurde die Ernährungsfrage eingehend behandelt. Insbesondere war die Kartoffelversorgung Gegenstand der Aussprache. Zu diesem Punkt der Tagesordnung waren auch Vertreter der Landwirtschaft eingeladen, mit denen die für die unbedingt notwendige Erhöhung des Kartoffelbaues im nächsten Jahr zu treffenden Maßnahmen beraten wurden, hierzu bedarf es vor allem der Beschaffung des erforderlichen Saatgutes, das leider in den früheren Jahren wegen der Knappheit an Speisekartoffeln in der Erwartung auf Einfuhr von Saatkartoffeln im Frühjahr teilweise verzehrt worden ist. Der Kommunalverband hat für dieses Jahr die Einfuhr erheblicher Mengen Saatkartoffeln in die Wege geleitet; es wird aber vom Volksversorgungsausschuß davor gewarnt, das einheimische Saatgut zu Speisezwecken zu verwenden, bevor nicht das fremde Saatgut wirklich da ist. Bei dieser Gelegenheit wurde bekannt gegeben, daß es dem Bezirksdirektor gelungen war, mehrere tausend Zentner Speisekartoffeln aus dem Ausland einzuführen und daß er wegen weiterer Einfuhr in Verhandlungen steht. Es ist daher unverständlich, wie sich das Gerücht verbreiten kann, der Bezirksdirektor habe sich der Einfuhr ausländischer Kartoffeln widersetzt.

Wegen der durch die Witterungsverhältnisse unvermeidlichen Unregelmäßigkeiten in der Belieferung der noch nicht versorgten Bevölkerung mit Kartoffeln ist der Bezirksdirektor fortdauernd bemüht, Ersatzmittel zu beschaffen. So werden Mehl, Hülsenfrüchte und später auch eigens für den Kommunalverband hergestellte Haferflocken zur Verteilung kommen. Selbstverständlich geschieht alles, um die abgabepflichtigen Kartoffeln im Bezirk zu erfassen. Auch hier entbehren die Gerüchte, daß ein Kartoffelaufkäufer die Landwirte mit der Inaussichtstellung höherer Preise im Frühjahr zur Zurückhaltung der Kartoffel aufforderte, jeglicher Grundlage. Die Reichskartoffelstelle hat ebenso wie die Reichsgetreidestelle auf das Bestimmteste erklärt, daß nach Einführung des Prämiensystems weder für Kartoffeln noch für Brotgetreide eine weitere Erhöhung stattfinden werde. Die Gerüchte, daß der Brotpreis in den nächsten Wochen wieder steigen würde, sind daher falsch.

Die Milch- und Fettversorgung ist Gegenstand dauernder Sorge wegen des immer mehr fortschreitenden Rückgangs des Milchviehs. Der Milchertrag der Kühe läßt infolge des Fehlens des Kraftfutters immer mehr nach. Dabei sind die Unkosten für die Viehhaltung durch die allgemeine Verteuerung entsprechend gestiegen. Eine allgemeine Heraufsetzung des Milchpreises durch die Landesfettstelle wird sich daher wohl nicht entgehen lassen, wie dies anderwärts bereits geschehen ist.

Die Bevölkerung kann versichert sein, daß alles Menschenmögliche von den Behörden getan wird, um der sich von allen Seiten auftürmenden Schwierigkeiten Herr zu werden und die Versorgung so billig und so gut wie nur irgend möglich zu gestalten. Auf der anderen Seite wird aber auch die Bevölkerung dringend gebeten, die Schwierigkeiten anzuerkennen und nicht jedem wilden Gerücht Glauben zu schenken, sondern sich an der maßgebenden Stelle erst zu erkundigen. Auskunft wird jedem bereitwillig erteilt.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 15.1.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273485/JVB_19200115_013_167758667_B1_003.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00370906

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kartoffel#/media/Datei:Van-willem-vincent-gogh-die-kartoffelesser-03850.jpg