100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die „Tüchtigkeit der Frauen"

Diese Rede von Helene Glaue (DDP) – ihres Zeichens Landtagsabgeordnete von Sachsen-Weimar-Eisenach – begründet im Volksrat den Antrag, dass Frauen in den Ausschussarbeit mit einbezogen sein sollten. Da es keine weiblichen Abgeordneten im Volksrat gibt, müssen Politikerinnen von außerhalb aushelfen. Der Antrag wird vom Volksrat sehr positiv aufgenommen. Insbesondere in schulischen Fragen ist die Expertise der Frauen offenbar willkommen.

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Abg. Frau Glaue: Meine Herren! Da ich den Vorzug habe, heute unter Ihnen zu sein, erlauben Sie mir ein paar Worte zu dem Antrage, den meine Kollegin [Dr. Marie Schulz, Anm.] aus Gera und ich gestellt haben.

Es würde mir leid tun, wenn bei einem der Herren der Gedanke wachgerufen worden wäre, daß wir mit diesem Antrag ein Sonderrecht für Frauen haben wollten. Das hat uns fern gelegen. Wir stehen nicht mehr auf dem Standpunkt, daß wir in feindliche Lager von Männern und Frauen geschieden sind, sondern betrachten uns als Volksgenossen, die zusammen arbeiten wollen am Aufbau unseres Vaterlandes. Und weil in uns Frauen die Erkenntnis in den letzten Monaten so stark gewachsen ist, daß alle Kräfte, die verfügbar sind und die sich fähig glauben, mitzuarbeiten, auch herangezogen werden sollen, sind wir mit diesem Antrage zu Ihnen gekommen, und ich möchte Sie bitten, vergessen Sie auch uns Frauen nicht, wenn Sie an die Arbeit gehen! Zu dem, was der Herr Abgeordnete Leutert sagte, möchte ich folgendes bemerken: Wir Frauen haben uns bisher des Eindrucks nicht erwehren können, daß, wenn die Männer allein daran gingen, Kommissionen zusammenzusetzen, sie sehr gut zu beurteilen wußten, was die Männer Tüchtiges geleistet haben, daß die Männer aber, weil sie nicht hineingesehen haben in die Kleinarbeit, die die Frauen im Hause und in ihren Berufen leisten, nicht orientiert sind über die Tüchtigkeit der Frauen. Hier sind wir Frauen die besten Beurteiler und deshalb möchten wir Frauen gern selbst mit gehört werden, und möchten Ihnen diejenigen, die wir als besonders erfahren, als besonders tüchtig schätzen, auch vorschlagen dürfen zu diesen Ausschüssen, damit eben tatsächlich dann eine Zusammenarbeit zustande kommt, aus der etwas Gutes für unser Volk hervorgehen kann. Erst wenn die männliche und die weibliche Eigenart sich zusammenfinden in gemeinsamer Arbeit, kann etwas Ganzes, etwas Gutes geleistet werden. Aus diesen Gedanken ist unser Antrag entstanden, und ich bitte Sie, diese Gedanken freundlich aufnehmen zu wollen. – Ich habe die Freude, Ihnen mitzuteilen, daß es mir inzwischen gelungen ist, auch die Unterschrift meiner Spezialkollegin vom weimarischen Landtage, Frau Rudolph, zu diesem Antrage zu gewinnen. Wir haben den Antrag auch an die andern weiblichen thüringischen Abgeordneten geschickt und hoffen, daß sie ihre Zustimmung dazu geben werden. Es war uns bei der Kürze der Zeit, da der Volksrat schon am 20. Januar zusammentrat, nicht möglich, wie das eigentlich unser Wunsch war.

Über die Aufgaben, an denen wir Frauen in den Ausschüssen im einzelnen mitarbeiten wollen, kann ich mir sparen, noch irgend etwas zu sagen, da der Herr Berichterstatter darauf schon so ausführlich eingegangen ist. Ich würde es aber dankbar begrüßen, wenn der Volksrat dem Beschlusse des Ausschusses beitreten würde und uns Frauen heranziehen wollte zu der Arbeit, die noch zu leisten ist.

(Bravo!)

Minister v. Brandenstein: Meine sehr verehrten Damen und Herren! Der Staatsrat von Thüringen begrüßt es mit außerordentlicher Freude, daß die Frauen an dem Werke, das wir jetzt vorhaben, so intensiven Anteil nehmen, wie das in dem von den Damen gestellten Antrage seinen Ausdruck gefunden hat, der soeben verlesen worden ist. Der Staatsrat von Thüringen wird zuerst in der Lage sein, diesen Wünschen entgegenzukommen, da er in die vorbereitenden Kommissionen und Ausschlüsse, die für alle Gebiete der Gesetzgebung einzurichten sind, voraussichtlich bald einberufen wird. Da wird es ihm leicht sein, den Wünschen der Frauen entgegenzukommen. So werden wir z.B., wenn ich von dem mir übertragenen Referate reden darf, bei der Vorarbeit des Bezirksrechtes Gelegenheit finden, auch Frauen zur Mitarbeit heranzuziehen. Wir werden jedenfalls von seiten des Staatsrates alles tun, um den Wünschen, die wir für sehr berechtigt halten, in jeder Weise gerecht zu werden.

Quelle:

Verhandlungen des Volksrates von Thüringen. Stenographische Berichte, 6. Sitzung, 22.1.1920, S. 109f.

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00184786/509000330_0176b.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6here_M%C3%A4dchenschule#/media/Datei:Victoria_Lyceum.jpg