100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ein rechtzeitiger Frieden war unmöglich

Der spätere Reichsaußenminister Walter Rathenau (DDP) äußert sich zur laufenden Debatte um die im Ergebnis katastrophale Außenpolitik während des Weltkrieges. Mit dem kaiserlichen System konnte es keinen Frieden geben, so sein Hauptgedanke.

Walter Rathenau

Konnten wir Frieden schließen, als es Zeit war?

Von Walter Rathenau.

Am 23. Dezember 1916 hatte die Militärdiktatur telegraphisch erklärt, sie könne den Krieg militärisch nicht beenden. (Die gleiche Erklärung, gemildert, gab es im Juli 1918, drei Monate vor dem Zusammenbruch, ein Staatsmann ab und wurde deshalb von der gleichen Militärdiktatur gestürzt.)

Nach dieser telegraphischen Erklärung, so grübelt heute Untersuchungsausschuß und Volk, warum wurde nach dieser Erklärung nicht der Friede erstrebt, sondern das große und aussichtslose Glücksspiel des Unterseekrieges begonnen?

Die Frage ist hoffnungslos unpsychologisch. Es muß begriffen werden, daß das System an sich jede rechtzeitige Kriegsbeendigung unmöglich machte.

Denn weder konnte ein Staatsmann kommen, der sein Veto einlegte. Das wäre der Militärdiktatur gegenüber ein machtloses, rein demonstratives Veto gewesen. Vielleicht eine schöne Tat, doch keine mögliche. Denn jeder damalige Staatsmann bekleidete oder empfing sein Amt unter voller Kenntnis der Machtverhältnisse. Und nicht nur das: wenn er einen leisen Schimmer von den Aussichten hatte (wie [der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Richard von, Anm.] Kühlmann), so wurde er mit Autoritäten zugedeckt; wenn er keinen Schimmer hatte (wie [die Reichskanzler, Anm.] Michaelis und Hertling), so war ihm der Konflikt erspart.

Noch weniger konnte die Militärdiktatur selbst abbauen.

Jeder rechtzeitige Frieden, das weiß nachgerade jeder, hätte zum mindesten Verzicht auf jeden kriegerischen Vorteil und darüber hinaus ernste Zugeständnisse in Elsaß-Lothringen bedeutet. Das heißt nicht mehr und nicht weniger als das volle Eingeständnis des Nichtsieges und das volle Zugeständnis des gegnerischen Rechtsstandpunktes.

Es hätte also eines schönen Tages in der Zeitung gestanden: „Um dem sinnlosen, blutigen Morden ein Ende zu machen usw., um der Welt den ersehnten Frieden zu schenken usw. usw., hat man sich entschlossen, mit dem Feinde in Vorverhandlungen einzutreten. Diese sind auf der und der Grundlage begonnen worden.“

Was hätte das Volk dazu gesagt?

„Also war alles Lug und Trug. Wir sind nicht von vier Mächten überfallen worden, sonst würden wir nicht gutwillig mit ihnen paktieren. Der versprochene Sieg, der Machtzuwachs im Osten und Westen war Schwindel, sonst würden wir nicht klein beigeben. Das Durchhalten war Redensart, denn dies hätten wir gleich zu Anfang haben können. Die gepriesenen Vorzüge der starken Monarchie,, des Militarismus, des Feudalismus, des Volkes in Waffen, des Kadavergehorsams waren Täuschung, denn die anderen haben ohne diese Widerwärtigkeiten mehr erreicht.“

Was wäre das Ergebnis gewesen? In einem verhältnismäßig gesunden Lande hätte sich Monarchie, Feudalismus und Militarismus selbst entehrt und vernichtet – ohne Entschuldigung, ohne Prügelknaben und Sündenbock. Keine Schuld ließ sich abwälzen, denn das Volk hatte den Krieg weder gemacht noch verloren; er war über seinen Kopf hinweg gemacht und verloren worden, und es blieben nur die Unwahrheiten, die den widerwärtigen Vorgang begleiteten.

Für die Militärdiktatur lautete somit die Alternative nicht wie damals und heute für das Volk: Entweder bescheidener Verständigungsfrieden mit gesicherter Existenz – oder höchste Wahrscheinlichkeit  der Vernichtung; sie lautete für die Machthaber vielmehr so: „Entweder Vernichtung des Systems, Vernichtung dessen, was unserer Meinung nach Preußen und Deutschland groß, was das Leben lebenswert macht, was uns und unseren Nachkommen Herrschaft, Macht und Bedeutung sichert – oder gewagtes, unwahrscheinliches, doch nicht ganz unglückliches Glücksspiel.“

Dieses Glücksspiel umschloß in seiner minimalen Chance die Hoffnung unerhörten Glücks und Ruhms, umschloß in seiner großen Gefahr die Katastrophe, die alles begrub und vernichtete, eigene und allgemeine Existenz, Leben, Schuld und Verantwortung.

Bei der Komödie des Plebiszits, das den Thron Napoleons des Dritten errichten sollte, erfand man die Phrase: „L’Empire, c’est la paix.“ Die Wahrheit lautet: „Die sogenannte Monarchie und der Militarismus ist das Hasard.“

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 26.1.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Walther_Rathenau#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-L40010,_Walter_Rathenau.jpg