100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ist das Bauhaus zu "extrem"?

Zwar wird das Bauhaus heute als eine der größten deutschen Errungenschaften in Kunst und Architektur gefeiert. In der Zeit seiner Gründung hatte die staatlich geförderte Einrichtung aber mit der konservativen Szene in Weimar und Thüringen zu kämpfen, die das Bauhaus für „extremsten Expressionismus“ hält, der besser in Berlin angesiedelt werden solle. Der Holzschnitt zeigt den belgischen Mäzen Henry van de Velde, den Gründer der Kunstgewerbeschule Weimar, aus der wiederum das Bauhaus hervorging.

Expressionistischer Holzschnitt von 1917 (Künstler - Ernst Ludwig Kirchner)

Kunst und Wissenschaft.

Eine Erklärung der Weimarer Künstlerschaft. In den Meldungen und Polemikern über den bekannten Kampf der eingesessenen Weimarer Künstler- und Bürgerschaft gegen das sogenannte Bauhaus, so wird der „Eisenacher Tagespost“ aus Weimar geschrieben, wurde u. a. behauptet, daß nur einige wenige Weimarer Künstler in der Opposition ständen. Daß diese von den Anhängern des Bauhauses aufgestellte, bewußt irreführende Behauptung nicht den Tatsachen entspricht, geht aus der soeben von der gesamten alten Weimarer  Künstlerschaft unterschriebenen, gegen 50 Namen von Malern und Bildhauern tragenden Erklärung hervor, die sich in summarischer Weise mit den einzelnen Punkten des Streites befaßt. In dieser Erklärung wird Bezug genommen auf die Unterstellung und unwahre Behauptung, nach der die weimarische Bürgerschaft aus politischen Motiven und pedantischer Philistenschaftigkeit eine kleinliche Kampagne gegen den Bauhausgedanken und gegen Walter Gropius in Szene gesetzt habe. Auch den deutschen Werkbund habe man gegen die Freunde der alten Weimarischen Kunstpflege mobil gemacht, obwohl der neue Werkbundgedanke auch von dieser Seite als richtig anerkannt worden ist. Denn man kann, ohne mit Gropius übereinzustimmen, doch ein Freund des Bruno Paul und eines Riemerschmid sein. Die bodenständige Weimarer Künstlerschaft – unter den 50 Namen finden wir die der Professoren Max Thedy, Otto Fröhlich, Max Merler (Vorsitzender des Ortssvereins Weimar der allgemeinen deutschen Kunstgenossenschaft und des Ausstellungsvereins bildender Künstler), Fritz Fleischer (im Namen der Freien Künstlerschaft Weimars), Franz Sturzkopf, Paul Tübbecke, Franz Bunke, Bernh. P. Förster, Hans B. Schmidt, E. von Schwege und neben diesen Professoren haben mit Ausnahme der beiden an dem Bauhaus beschäftigten Engelmann und Klemm sämtliche Künstler unterzeichnet – stellt u. a. folgende Forderungen, welche er Staatsregierung, dem Landtag, dem Volksrat sowie den städtischen Behörden unterbreitet werden sollen: Wir lassen es uns nicht nehmen, über weimarische Kulturfragen mitzureden und zu entscheiden; am allerwenigsten ist gerade der moderne Geist gewisser Berliner Kreise – gemeint ist nicht der deutsche Werkbund – dazu berufen, in Kunst- und Kulturfragen mitzureden, wenn die Sache zu einer allgemeinen deutschen gemacht werden soll, denn der Geist, der Weimar groß gemacht hat, ist kein Lärmen für eine einseitige und extreme Kunstrichtung, sondern der Geist treuer Arbeit und Innerlichkeit. Zurückgewiesen wird, daß in Weimar und seinen Kunstanstalten jemals eine „muffige Atmosphäre“ geherrscht hat, wogegen Namen wie Böcklin, Lenbach, Begas, Preller, Berlat, Streuß, Genelli, Liebermann, Hagen, Gussow, Brendel, Graf Leopold Kalfreuth, Olde, Eggermann, Gari Melchers, Rob, Weise, Fritz Mackensen, Gleichen-Rußwurm, welche an der Kunstschule als Leiter, Lehrer und Studierende tätig waren und der Weltruf des alten Weimarer Hoftheaters, welcher eng verknüpft ist mit den Namen Rich. Wagner, Franz Liszt, des Ehepaars Milde, Peter Cornelius, Ed. Lasse, v. Bronsart, Rich. Strauß, B. Stavenhagen, Halter, Scheidemantel, Alvary-Achenbach usw. sprechen.

„Wir erklären ausdrücklich, heißt es dann u. a. daß wir seit Jahren durch Henry van der Velde den engsten Zusammenschluß der Kunst mit dem Handwerk und der Industrie gepflegt haben, daß also der Bauhausgedanke als solcher von uns niemals verworfen worden ist, aber die Künstlerschaft kann nicht dulden, daß Malerei und Bildhauerkunst soweit aus den Räumen der alten Kunstschule verdrängt werden, und daraus eine bloße Handwerkerschule wird.

Natürlich wendet sich auch die alte Weimarer Künstlerschaft gegen die einseitige intolerante Herrschaft des extremsten Expressionismus und ist für Wiederherstellung der Kunsthochschule in ihren alten Räumlichkeiten, an der sich jede Kunstrichtung frei entwickeln kann“.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 30.1.1920.

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_01_0162.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00376238

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_van_de_Velde#/media/Datei:Van_de_Velde_Holzschnitt_1._aus_Lebenserinnerungen.JPG