100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Kommt der Krieg zu uns?

In Russland tobt der Bürgerkrieg zwischen „Roten“, „Weißen“ und „Grünen“ Armeen. Insgesamt fordert der bis 1922 andauernde Konflikt über 10 Millionen Tote. Die rechtsgerichtete Thüringer Tageszeitung blickt mit Angst auf die Ereignisse und beklagt die erzwungene Abrüstung Deutschlands. Das Reich sei schutzlos der Tyrannei Lenins ausgeliefert, was auch im Westen registriert werde. Aber droht Deutschland wirklich eine „Diktatur des Proletariats“? Die KPD ist rund ein Jahr nach ihrer Gründung immer noch nicht mehr als eine Splitterpartei. Die Extreme werden sich in den kommenden Jahren aber auch in Deutschland gegenseitig aufschaufeln.

Wappen der monarchistischen, "weißen" Koltschak-Regierung

Das russische Problem.

Nachstehend veröffentlichen wir einen Leitartikel, vom 14. Januar aus der für die öffentliche Meinung in England maßgebenden Zeitung „Times“. Er beleuchtet in sehr interessanter Weise die russische Frage vom britischen Standpunkt aus. Bekanntlich stehen die roten Armeen Rußlands vor Ostpreußen und Polen, bereit, im Frühjahr einzumarschieren. Die Entente erwägt, ob sie Deutschland gnädigst größere Armeen gestatten soll, natürlich nicht, um Deutschland vor der Bolschewistengefahr, sondern um die französischen Milliarden zu retten.

Die Schriftleitung.

Der Frieden mit Deutschland ist unterschreiben und ratifiziert, aber Europa ist noch weit entfernt von einer wahren Ruhe. Der Friede kann niemals wirklich zustandekommen, wenn der Bolschewismus nicht von Grund auf vernichtet ist. Die Bolschewisten sind nicht vernichtet; sie haben an allen Fronten neue Kräfte gesammelt und scheinen mit den letzten Monaten erheblich stärker zu sein, und ihre Tyrannei scheint auf festeren Füßen zu stehen als irgendwann vorher. Koltschak ist vollständig geschlagen, Judenitschs glänzender Anlauf gegen Petersburg ist vollständig gescheitert, und die Truppen, mit denen er ihn unternommen hatte, sind auseinandergetrieben. Denikin, der vor einigen Monaten noch Moskau zu bedrohen schien, hat eine Niederlage nach der anderen erlitten und ist bis an die Gestade des Schwarzen Meeres zurückgedrängt. Materiell betrachtet, ist seine Lage nicht schlecht zu nennen, und vielleicht sammelt er wieder seine zerstreuten Kräfte, wie er das mit seinem hierfür hervorragenden Talent schon mehrmals getan und damit die Hoffnungen seiner Freunde wieder belebt hat. Aber fürs erste ist der militärische Triumph von Lenin unleugbar und vollständig. Der größte Teil des Riesenreiches Rußland, von den polnischen Grenzen bis Ostsibirien, liegt zu seinen und seiner erbarmungslosen Banden Füßen. Durch das rücksichtslose Gemetzel von allen geachteten und angesehenen Russen hat Lenin jeder Gefahr, die seiner Herrschaft drohte, zu begegnen gewußt. Jedenfalls ist augenblicklich jeder gegen ihn organisierte Widerstand zusammengebrochen. Die Führer der starken national-sozialen Zentrumspartei in Moskau und die Führer anderer ähnlicher Bewegungen sind zum größten Teil erschossen worden. Der Terrorismus hält die zivilisierten Massen in Fesseln, und zwar ist es ein Terrorismus, der viel schamloser und grauenvoller ist als je und der die großen Roten Armeen geschaffen hat. Die Frauen und Kinder von Tausenden von Offizieren der alten kaiserlichen Armee sind als die Geiseln für die Treue dieser Unglücklichen festgesetzt worden. Sie sind gezwungen für Lenin zu kämpfen, weil der Tyrann jeden Moment bereit ist, bemerkten Ungehorsam gegen die roten Gesetze durch Erschießung der Familie zu bestrafen. Die Offiziere der Roten Armee haben eine Macht, ihre Leute durch Schlagen oder durch Erschießen zu bestrafen, die ohne Grenzen ist. Sogar der Regimentskommissar – ehemals der allgewaltige Vertreter der Regierung – ist jetzt dem Regimentskommandeur untergeordnet. Die augenblickliche Lage hat für Offiziere, die in den alten militaristischen Traditionen groß geworden sind, ihre Anziehungspunkte. Außerdem werden die Offiziere und Mannschaften bezahlt, gekleidet und mit Heizung versehen, in einem Lande, das dem Untergang geweiht ist. Großen Mengen von alten Soldaten bleibt keine andere Wahl. Natürlich nimmt unter diesen Umständen die Anzahl derjenigen, die unter der roten Flagge Zuflucht nehmen, ständig zu. Freilich haben einige von ihnen auch ihre Hintergedanken dabei. Sie hassen die Alliierten, weil sie Rußland im Stich gelassen haben, und sie hoffen, noch einmal den Tag zu erleben, an dem Lenin durch irgendein Mittel gestürzt werden wird und der Weg frei ist für eine Regierung, die ihre Wünsche mehr berücksichtigt, als es die demokratischen Freunde von Koltschak und Denikin je tun könnten. Das Hauptwerk wird jedenfalls durch geschickte deutsche Veröffentlichungen geleistet, die, wie wir dessen sicher sein können, keine Gelegenheit außer acht lassen werden, um uns Schaden zuzufügen, und den Militarismus und das monarchische Prinzip wieder zu Geltung zu bringen. Die arbeitenden Klassen sind inzwischen vollständig in Teilnahmlosigkeit versunken. Die Lage in der Industrie ist ähnlich wie beim Heere. Die Leiter der industriellen Unternehmungen haben eine ähnliche Macht in den Händen, wie die Offiziere in der Armee. Auch sie dienen dem Bolschewismus und werden von ihm bezahlt.

Mit einer so geführten und wohldisziplinierten Armee und mit einer so gefesselten intellektuellen Schicht wird Lenin und seine Helfershelfer im Frühjahr auf den Plan treten. Seine letzte Absicht ist und bleibt die Weltrevolution, der Umsturz in allen Ländern, vor allen Dingen aber in England und den Vereinigten Staaten. Unwillkürlich hält Lenin diese beiden Länder für seine Todfeinde, weil sie der Sitz des Christentums und der geschichtlichen Zivilisation sind. Die Zerstörung der demokratischen Gedanken und ihr Ersatz durch eine unverantwortliche Willkürherrschaft von selbstgewählten Tyrannen ist ihr Ziel, das sie mit „Diktatur des Proletariats“ bezeichnen. […]

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 28.1.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fe_Armee#/media/Datei:Coat_of_arms_Kolchak_1919.jpg