100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Protofaschismus von der Kanzel

Die Einigung Thüringens bringt auch die Vereinigung von bisher getrennten evangelischen Kirchen mit sich. Wie dieser Bericht über den Eröffnungsvortrag der evangelisch-protestantischen Vereinigung zeigt herrscht in der Kirche ein zutiefst antidemokratischer Geist. Der Vortragende Johannes Lehmann (eigentlich ein Geologe) entwickelt den Gedanken einer Unvereinbarkeit von „römischen Recht“ und „germanischem Gerechtigkeit“. Letztere werde durch die geltende Rechtsordnung zutiefst verletzt und nur ein „deutscher Führer“ könne diesen Missstand beheben. Für einen Rechtsstaat ist in diesem Denken kein Platz. Lehmann war denn auch ein führendes Mitglied einer völkischen Splitterpartei namens Deutschsozialistische Partei, die ab 1922 in der NSDAP aufging.

Satirisches Gedicht von 1931

Aus Weimar.

[…] Evangelisch-protestantische Vereinigung. Die erste Sitzung im neuen Jahre wurde vom Vorsitzenden, Superintendent D. Kohlschmidt aus Ilmenau, mit der Mahnung eröffnet, alle Hoffnungslosigkeit zu bannen und in treuer Arbeit eine neue Zukunft vorzubereiten. Der Vortrag des Professors Lehmann-Hohenberg über „Römisches Recht – das Unglück deutscher Nation“ sollte unserm Streben eine neue Richtung geben und uns erst einmal wieder zu uns selbst kommen lassen. Nachdenkend über die Ursache des Zusammenbruchs, kommt er auch zu dem Mangel an natürlichem, d.h. deutschem Denken und Leben. Das zeigt sich vor allem in der Rechtspflege, wie sie aus dem römischen Rechte sich Rat und Weisheit holt. An einer Anzahl von Beispielen wird der Unterschied zwischen germanischem und römischem Recht, zwischen germanischer und römischer Denkweise nachgewiesen. Gewiß ist durch die Berührung mit Rom das Kulturleben der Deutschen bereichert worden, das Volksempfinden hat Schaden gelitten, und die Folge davon mußte kommen, der Zusammenbruch des vermorschten Systems des Obrigkeitsstaates. Ist Rom durch einen Willkürakt entstanden, der volksfremde Leute vertraglich zu einem Gemeinwesen sich zusammenschließen ließ, – bei möglichster Wahrung der Willensfreiheit des einzelnen –, so wuchs bei den Germanen Recht und Sitte aus dem natürlichen Zusammenleben der Familie, Gemeinde, Stamm und Volk. Recht und Sitte kamen von den Göttern, waren darum göttlich geweiht und wiesen den einzelnen auf den höheren sittlichen Zweck hin (z.B. der Familie), dem er zu dienen hatte. Hinsichtlich der Erwerbung von Eigentum gewährte das römische Recht völlige Freiheit, während bei den Germanen die Dinge der Welt Lehen von Gott waren; daher auch das Verpflichtende, das sie allen Geschöpfen gegenüber fühlten. Unter dem Einfluß römischer Rechtsauffassung (seit 1495) mußte das nationale Empfinden verkümmern. Es ist ein Verhängnis gewesen, daß sich die Reformation Luthers nicht auch auf das juristische Empfinden sowie auf das wirtschaftliche Leben erstreckte. Es muß das Recht wieder das werden, was recht ist, gegenüber dem römischen jus-Befehl. Die justitia der Römer ist Gesetzlichkeit und noch lange nicht „Gerechtigkeit“ im Sinne der Germanen. Bei Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches wäre es möglich gewesen, zum deutschen Wesen zurückzukehren. Nun bleibt für die Zukunft viel Arbeit zu leisten. In der Bodenreform wird ein Anfang gemacht, aber viel mehr ist zu tun, um auch die Allmacht des Geldes zu brechen und anderes, was deutschem Empfinden zuwider ist, zu beseitigen. Freilich muß sich da unser Volk auch deutschen Führern anvertrauen. – In der Besprechung wurde hervorgehoben, daß das römische Recht unsere Sittlichkeit ungeheuer geschädigt hat, statt sie zu fördern, und allem unsozialen Empfinden die Tür geöffnet hat. Sozial empfinden und wirken, heißt auch wieder deutsch sein und sich der Gemeinschaft, der man angehört, verpflichtet fühlen.

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 18.1.1920

 

Bild:

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/36/36_23.pdf