100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Rote Märtyrer

Mehr als ein Jahr ist seit der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg vergangen. Sie werden im linkssozialistischen Lager als Märtyrer verehrt und dies international, wie diese sozialistische Presseschau zeigt.

Jean Longuet - franz. Sozialist und Enkel von Karl Marx

Die Internationale zum Gedächtnis Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs.

Am Jahrestag der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs hat wohl die gesamte ausländische Parteipresse Erinnerungsartikel gebracht oder den Toten eine besondere Ausgabe gewidmet. Ueberall werden sie gefeiert als die Aufrechten, deren Taten mit dem Tod nicht erlöschen, deren Gedächtnis stets in den Herzen des Proletariats fortleben wird.

Nur einige Zitate aus den Aufsätzen, die in unsere Hände gelangten. Der „Basler Vorwärts“ schreibt: „Liebknecht war die über die ganze Welt hinleuchtende revolutionäre Fackel, der große Mensch ein ganzer Revolutionär, der mit eiserner Energie zur Tat den furchtbarsten Kampf gegen den Feind des Proletariats im eigenen Lande aufnahm, der Mann, der sich nie beugte, steifen Nackens ins Zuchthaus ging für das, was er tun mußte … Der Weg zum Sozialismus ist ein Leidensweg. Liebknecht ist ihn ohne Wanken gegangen bis ans Ende. Rosa Luxemburg, Liebknechts Freundin und Kampfgenossin, hat ihn mit ihrem wissenschaftlichen Rüstzeug unterstützt. Seite an Seite führten sie den revolutionären Kampf. Zusammen wurden sie gemordet.“

„La Sentinelle“, das sozialistische Organ von Chaux-de-fonds [Industriestadt in der Schweiz, Anm.], erinnert an die Tat Liebknechts während des Krieges, an den ersten gewaltigsten Protest, der von seiner Seite kam, und an die großen Dienste, die Rosa Luxemburg der Arbeitersache erwiesen hat. Das Blatt führt dann fort: „Aber wir beschränken uns nicht auf diesen Gedächtnisdienst, diesen Kult unserer Toten: Die Idee, für die sie sich hingegeben haben, besitzt uns und treibt uns zum Handeln. Sie hat in uns gekeimt und zwingt uns, vorwärts zu gehen zu neuen Aufgaben, die uns erwarten, mit derselben Treue, demselben Opfergeist.“

Die „Berner Tagewacht“ vergleicht die Situation in Deutschland von heute mit der am Vorabend des Mordes. „Der Todestag von Liebknecht und Rosa Luxemburg kann als Ausgangspunkt für die rückläufige Bewegung der deutschen Revolution betrachtet werden. Mit ihrem Fall triumphierte die Reaktion vollkommen über den Spartakistenaufstand des Januar 1919. Die revolutionäre Stoßkraft war erlahmt … Heute, ein Jahr nach dem Tode Liebknechts und Rosa Luxemburgs, sind sie (die am 9. Nov. 1918 zitterten und sich versteckten) beinahe jeden Tag in der Lage zu beweisen, daß sie jetzt schon wieder die eigentliche Macht darstellen und zur Stunde bereit sind, sie auch formell zu übernehmen …“ – Die Geschehnisse vor dem Reichstag werden mitgeteilt und die Verbote Noskes. Der Aufsatz schließt dann: „So begeht das „revolutionäre“ Deutschland unter Führung des „Sozialisten“ Noske die Erinnerung an Liebknecht und Rosa Luxemburg. Die Reaktion kann zufrieden sein!“

Der „Populaire“ bringt, ebenso Stockholms „Politiken“ und die skandinavischen Jugendzeitungen eine Erinnerungsausgabe mit den Bildern der Ermordeten. Jean Longuet gibt eine Uebersicht über die Mordtaten, die unsere Besten, einen nach dem andern, dahinraffen: Liebknecht, Rosa Luxemburg, Eisner, Haase und alle die andern, die ihr Blut für die Revolution hingeben mußten. Er feiert Karl Liebknechts Vater, den die französischen Sozialisten seine Haltung im Jahre 1871 und seine Worte auf dem Marseiller Kongreß 1891 nie vergessen werden. Er erinnert sich des Tages, kurz vor Ausbruch des Krieges, an dem er mit Karl Liebknecht in Conde sur l‘Escaut zusammen war, und an die Wanderungen mit Wilhelm Liebknecht in der Umgebung Londons. Der Aufsatz schließt: „Wie er warst du ein Soldat der Revolution“, wie er im Jahre 1872 so wundervoll vor dem Reichsgericht in Leipzig ausrief: „Du bist für sie gestorben, und ihre Söhne in der ganzen Welt werden es dir nie vergessen.“

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 25.1.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Longuet#/media/Datei:Jean_Longuet_1918.jpg