100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Weimar“ vs. „Preußen“

Der hiesige Leitartikel stellt einen flammenden Appell an den „Geist von Weimar“ dar, der als Antithese zum „Geist von Potsdam“ verstanden wird. Hier die zeitlose Kulturschöpfung von Goethe und Schiller, dort der zynische Militarismus eines Friedrich II. Die Welt hasse nicht Deutschland, so die wesentliche Schlussfolgerung, sondern Preußen. Daher müsse man sich deutlich von diesem Teil der Vergangenheit distanzieren.

Wappen derer von Frankenhausen

Zum deutschen Weltproblem.

Von Egbert v. Frankenberg [und Ludwigsdorf], Weimar.

Wie, wenn jene kleine Schar kühner Geister doch recht hätte, welche hinter dem furchtbaren Zeichen, in dem das Weltbild zur Jahreswende steht, nur unermeßlichen Wahn erkennen, den abzubauen sie sich zum Lebensziel gesetzt haben.

Nicht etwa, als ob dadurch eine Aussicht erwüchse, einen Weg aus dem Elend leichter und rascher zu finden. Eher möchte das Gegenteil der Fall sein, wo es gilt, den Menschen in seinem Wahn zu bändigen. Wohl aber mag uns ein Hauch vom Walten des Geistes dieser Schar berührt haben, wenn der Silvesterglockenklang wie der Herzschlag einer lebensstarken Hoffnung uns wundersam erfüllte. Der Glaube dieser Schar an die Menschheit läßt sie sich hinauswagen in die Brandung, wo Selbstsucht, Haß, Neid, Furcht und Heuchelei gleich wilden Wogen in die Völker geschleudert werden.

Ein Höheres gibt es neben Rasse, Nation, Staat und Politik: Menschentum!

Mit diesem ihrem Leitstern trifft ein wohlvertrauter Klang unser Ohr, dem hohen Lied von Weimar entnommen, als diese Stätte einst zum Symbol eines höheren Menschentums auserkoren ward. Die Dinge im Weltgeschehen folgen ihren eigenen Gesetzen. Die Gemeinsamkeit der Völker nur vermag diesen Gesetzen nahe zu kommen. Wenn auch vorerst noch der Geist des Hasses genährt und gepflegt wird, gar vieles spricht dafür, daß die Dinge einer solchen Gemeinsamkeit zustreben, wenn nicht aus ethischen Gründen, was kaum anzunehmen ist, so aus Gründen der Not unter dem wirtschaftlichen Druck, der sich als bittere Erfahrung einstellt und die Welt wieder klug werden läßt.

Gegenseitige Verständigung wird so zum Gebot der Selbsterhaltung und Vorbedingung für alle weiteren Versuche.

Die Welt braucht Deutschland. Darauf dürfen wir vertrauen.

Aber Deutschland braucht auch die Welt.

In diesen Schattenrissen ruht das Weltproblem. Seine Lösung hindert ein Weltirrtum, ein Wahn, an welchem auch Deutschland gewaltigen Anteil hat.

Dieser deutsche Wahn entbehrt nicht der Tradition. In seinen friderizianischen Anfängen fehlt ihm durchaus nicht eine hohe kulturelle Bedeutung, selbst da nicht, wo etwa des Königs Ruhmsucht und persönliche Eitelkeit allzu sehr hervortreten. Diese Bedeutung schwand jedoch durch die Unfähigkeit, das Erbe des großen Königs seelisch zu durchdringen und zu meistern. Des Alten Fritz scharfblickendes Auge hatte diesen seinem Lebenswerk als Erbe bestimmten Wahn schon empfunden. Bei seinen glanzvollen militärischen Uebungen, die er in Potsdam abhielt, von denen man versicherte, daß seit die Welt Waffen getragen, nichts Schöneres gesehen worden sei, war es ihm als unheimlicher Gast genaht und Friedrichs weltverachtender Sarkasmus verscheuchte es nicht. Möglich, daß die recht haben, welche meinen, der König habe sich an seinem gransamen Schicksal rächen wollen, das ihn, für die schönen Künste und Wissenschaften einst begeistert und bestimmt, zum Soldatenhandwerk bändigte. Innerlich lächelnd ließ er da die Glattheit der Form als Talisman der unerhörten Erfolge seiner Fahnen in dem Hirn seiner schaulustigen Epigonen gelten. Die ungeheure Gefahr, die in dem von seinem Vater gegründeten Preußentum lag, die er nur durch die Macht seines genialen Geistes zu einer schöpferischen Eigenart gemeistert, welche die Welt in Staunen setzte, ließ nach seinem Tode dieses Preußentum in eine Bahn gleiten, welche mit kurzen Unterbrechungen zwar, aber doch schließlich unaufhaltsam zu den Geschehnissen führen mußte, welche die Welt heute bewegen: auf streng militärischer Grundlage wurde ein Durchschnitts-Normaltypus des Menschen in Preußen-Deutschland herausgebildet, der eigenen Staatsidee zum Erhalter, der Welt zur Furcht.

Die Welt aber mußte in diesem Normaltypus einen lästigen und für den Völkerverkehr und die Kultur unmöglichen Menschen empfinden, den sie ablehnte und auch künftig nicht wieder zu dulden gewillt ist. Es gehört mit zum deutschen Wahn, wenn man glaubt, der deutsche Handelsmann mit seinen großartigen Leistungen habe die Welt als Feind heraufbeschworen. Weltfeindlich galt vor allem nur das Preußentum in seinen ausgearteten Tendenzen.

Von dem Wahn zu lassen. Deutschland durch den Begriff des Preußentums wieder normalisieren zu müssen, es aus der geistigen Enge, die damit verbunden ist und jegliches menschliche Eigenleben hinderte, herauszuführen, für das deutsche Volk eine übermaterielle Einheit zu schaffen, die es befähigt, keine reichen geistigen Schätze im Weltverkehr verwerten zu können, zu ermöglichen, daß das Ausland seine Auffassung vom Wesen des Deutschen wandeln muß, dieses alles stellt einen Verschmelzungsprozeß dar, dem sich Deutschland unterziehen muß, um das Problem lösen zu können, das ihm die Welt gestellt hat. Vielen mag dieser Prozeß einen schweren Opfergang der Selbstüberwindung bedeuten, aber „nichts ist schrecklicher und lächerlicher zugleich“, schrieb mit seinem Herzblut Theodor Fontane, „als die ewigen Einbildungen von unserer deutschen Herrlichkeit und Ueberlegenheit“.

Ohne diesen Prozeß ist eine Revision des Friedens von Versailles schwer denkbar. Das aber muß unser erstes Ziel sein!

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 4.1.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Frankenberg_(Adelsgeschlecht)#/media/Datei:Frankenberg-Wappen.png