100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wem nutzt es?

Die Verhängung des Belagerungszustands in Folge des Gewaltausbruches am 13. Januar in Berlin trifft vor allem die Linksradikalen. Die Jenaer USPD-Zeitung beklagt insbesondere die Verbotspraxis in der Zeitungslandschaft und vermutet niedere Motive hinter den Republikschutzmaßnahmen.

Das Willkürregiment dauert an!

Die Verbotsepidemie.

Die Verbotsschere gegen unabhängige Blätter schneidet noch immer weiter. Am 27. Januar wurde unser Organ in Eisenach, die „Eisenacher Volkszeitung“, verboten und zwar auf die Dauer von 14 Tagen. Grund des Verbotes war der Abdruck eines Artikels, in dem die scharfe Kritik der pariser Presse an dem Verhalten der deutschen Regierung am 13. Januar wiedergegeben wurde! Die Wahrheit darf eben nicht bekannt werden! – Unser Bruderorgan gibt als Erlaß ein Mitteilungsblatt heraus, das außer Inseraten nur die Romanfortsetzung enthält. Eine treffende Illustration für die Pressefreiheit im neuen Deutschland!

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Wie bereits kurz gemeldet, wurde unser Erfurter Bruderorgan, die „Tribüne“, auf die Dauer von 14 Tagen verboten. Damit ist auch die letzte größere unabhängige Zeitung Preußens verboten.

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Die kommunistische „Freiheit“ in Hanau verfiel dem gleichen Schicksal! Die Reichsverfassung samt ihrer ausdrücklich statuierten Pressefreiheit hängt in den letzten Zügen am Galgen, gemeuchelt von jenen, die sie angeblich zu hüten gewillt sind!

Raub der „Düsseldorfer Volkszeitung“.

Die Druckerei unseres seit einiger Zeit verbotenen Parteiorgans in Düsseldorf, der „Volkszeitung“, wurde in den letzten Tagen mit Hilfe der Sicherheitswehr von Abhängigen besetzt. Sie stützen sich bei ihrem diebischen Vorgehen auf die Tatsache, daß die Geschäftsträger der Druckerei, die unserer Parteiorganisation gehört, seit ihrer Gründung nominell noch immer der abhängige P[artei].-V[orstand]. ist. Er hat vor mehr als zwanzig Jahren ein Darlehen gegeben, das indes längst zurückgezahlt wurde, so daß der jetzige abhängige P.-V. natürlich nicht das geringste materielle Recht an dem Unternehmen besitzt. Es liegt ein Brief aus der Zeit vor dem Kriege vor, unterzeichnet „Ebert“, in dem der damalige P.-V. diese Tatsache ausdrücklich bestätigte und um Abnahme der Firmenträgerschaft ersuchte. Die Düsseldorfer Genossen lehnten aber damals eine Firmenänderung ab, da sie natürlich nicht wissen konnte, was sich später ereignen würde!

Unter gemeinen Mißbrauch eines formellen „Rechtes“ haben nun die Düsseldorfer Abhängigen den Belagerungszustand benutzt, unseren dortigen Genossen einstweilen ihr Unternehmen zu stehlen! Das kennzeichnet deutlich den Grad der Niedertracht, deren sich diese Gesellen in ihrem brutalen Kampfe gegen uns bedienen! Der Sinn des Belagerungszustandes wird eben immer deutlicher.

Quelle und Bild:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 31.1.1920